Uno-Konferenz in Japan Naturschützer fürchten Gipfel-Fiasko

Hier werden die Weichen für den Umgang mit unseren Lebensgrundlagen gestellt: Vertreter von mehr als 190 Staaten kommen zum Weltnaturschutzgipfel ins japanische Nagoya - doch die Erfolgsaussichten des Treffens sind ungewiss. Auch, weil die reichen Länder eine nicht immer rühmliche Rolle spielen.

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Holzkohleherstellung in Brasilien (2008): "Weltweit unsere Hausaufgaben nicht gemacht"
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Holzkohleherstellung in Brasilien (2008): "Weltweit unsere Hausaufgaben nicht gemacht"


In einer Reihe hatten sich die jungen Leute in den blauen Jacken vor dem Brandenburger Tor aufgestellt. Vor jedem stand das hüfthohe Bild einer ausgestorbenen Art: Auerochse, Chinesischer Flussdelfin, Elfenbeinspecht. Im Hintergrund das Banner "Stoppt das Artensterben", dazu ein paar Grabkerzen, Blumen und Plüschtiere - fertig waren die telegenen Protestbilder. Ein Trompeter sorgte für den angemessen tristen Soundtrack.

Vor dem am Montag beginnenden Weltnaturschutzgipfel im japanischen Nagoya laufen sich die Umweltschützer auf der ganzen Welt warm, wie etwa die Aktivisten des Naturschutzbundes (Nabu) am vergangenen Donnerstag in der deutschen Hauptstadt. Der öffentliche Druck ist bitter nötig, denn unmittelbar zum Start des wichtigen Gipfels sind die Erfolgschancen gering.

Wie bei den internationalen Klimaverhandlungen droht auch bei den Gesprächen in Nagoya eine quälende politische Hängepartie, während sich die Lage vieler Ökosysteme zusehends verschlechtert. Schon jetzt droht jede fünfte der 380.000 Pflanzenarten auf unserem Planeten zu verschwinden, vor allem, weil die wachsende Weltbevölkerung immer mehr Lebensräume zerstört. Von 5490 Säugetierarten sind 1130 gefährdet, rund 70 Prozent der weltweiten Fischbestände sind von Überfischung bedroht. Fast beliebig lässt sich die unrühmliche Liste fortsetzen.

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Artensterben: Gefährdete Vielfalt
Dabei hatten die Staaten schon im Jahr 2002 beschlossen, den Kampf gegen das Artensterben ernsthaft aufzunehmen. Grundlage ist die Biodiversitätskonvention, ein internationaler Vertrag aus dem Jahr 1992. Er sieht vor, biologische Vielfalt zu erhalten, natürliche Ressourcen nachhaltig zu nutzen und die Gewinne aus der Nutzung genetischer Ressourcen gerecht zu verteilen. Zum Schutz des Artenreichtums setzte sich die internationale Gemeinschaft vor acht Jahren unverbindliche Ziele. Bis 2010, dem Jahr der Biodiversität, sollte der Verlust an Artenvielfalt auf nationaler, regionaler und globaler Ebene zumindest entscheidend verlangsamt werden.

Doch die Vorgaben wurden verfehlt. Nagoya markiert nun das Ende dieses unrühmlichen Prozesses. "Wir haben weltweit unsere Hausaufgaben nicht gemacht", gesteht Jochen Flasbarth ein. Der Chef des Umweltbundesamts (UBA) ist derzeit auch Präsident der Biodiversitätskonvention. Beim Gipfel in Japan, an dem Vertreter von gut 190 Staaten teilnehmen, gibt er dieses Amt nun an einen japanischen Kollegen ab.

"Wir können nicht noch einmal scheitern"

Mit hektischer Diplomatie hat die Regierung in Tokio in den vergangenen Wochen versucht, die Verhandlungen in Nagoya nicht vor die Wand fahren zu lassen. Zu abschreckend ist das Vorbild der dänischen Präsidentschaft beim verpatzten Klimagipfel von Kopenhagen.

"Wir können nicht noch einmal scheitern", sagt der Umweltschützer Leon Bennun von der Organisation Birdlife International im britischen Cambridge. In Nagoya wollen sich die Staaten neue Ziele setzen: Insgesamt 20 konkrete Artenschutzvorgaben finden sich im Verhandlungstext. Ein strategischer Plan soll dafür sorgen, dass sie bis 2020 umgesetzt werden. Umweltschützer loben das Vorgehen, doch noch stehen die Passagen in eckigen Klammern - auf dem diplomatischen Parkett ein untrügliches Zeichen dafür, dass heftig gestritten wird.

Hilfreich mag sein, dass es niemanden gibt, der ernsthaft das Problem des Artensterbens anzweifelt. Gleichzeitig sind die Verhandlungen etwas weniger emotionsgeladen als bei Klima- und Welthandelsgipfeln. Die Gefahr eines Gesichtsverlusts könnte für manche Verhandlungsteilnehmer etwas kleiner sein.

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Der Preis des Lebens: Was kostet die Welt?
Forscher um Charles Perrings von der Arizona State University haben in der vergangenen Woche im Fachmagazin "Science" eindrücklich klargemacht, dass die ersten konkreten Maßnahmen zum Artenschutz weit vor 2020 greifen müssen. Vor allem der Kampf gegen Überfischung, der Schutz vor Wasserverschmutzung und das Vorgehen gegen eingeschleppte Arten in fremden Ökosystemen müssten schnellstmöglich angegangen werden.

Zur Rettung der Biodiversität ist freilich mehr als klassischer Naturschutz nötig. Es reicht nicht, gefährdete Gebiete zu umzäunen und davor ein "Nationalpark"-Schild aufzustellen. Reiche Staaten müssen zum Beispiel ihre Subventionspolitik überdenken, müssen sich von industrieller Landwirtschaft und rücksichtslosem Fischfang verabschieden. Die ärmeren Staaten brauchen Hilfe, um gefährdete Ökosysteme in ihrer Gesamtheit zu bewahren.

Verhundertfachung der Hilfszahlungen gefordert

Nach Angaben des Umweltausschusses im EU-Parlament werden weltweit jedes Jahr drei Milliarden Euro in den Artenschutz investiert. Das wird, da sind sich die Beteiligten im Prinzip einig, in Zukunft nicht ausreichen. Wie bei den internationalen Klimaschutzverhandlungen geht es also auch in Nagoya ums Geld. Brasilien etwa fordert eine glatte Verhundertfachung der Hilfszahlungen für den Artenschutz. Sonst werde die Konferenz scheitern.

Das mag Säbelrasseln sein, international übliches Pokern. Doch der Erfolg der Konferenz ist tatsächlich fraglich, auch noch aus einem anderen Grund. Es geht um einen Vertrag gegen Biopiraterie. Nach 20 Jahren langer Diskussion soll dieses sogenannte ABS-Protokoll ("Access and Benefit Sharing") dafür sorgen, dass sich die wohlhabenden Staaten nicht an den genetischen Ressourcen der armen Länder bereichern.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 146 Beiträge
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shatreng 18.10.2010
1. Taten
"Der Einzelne müsse bereit sein, mit Blick auf die Gemeinschaft Nachteile in Kauf zu nehmen. "Wenn man nur an sich denkt und nicht an kommende Generationen, ist das ein Problem für unser Land->Welt." Was für S21 gilt, sollte wohl auch global gelten. Ich bin gespannt, wie sich Frau Merkel für ihre Aussagen einsetzt.
roland.vanhelven 18.10.2010
2. jaja
Zitat von sysopHier werden die Weichen für den Umgang mit unseren Lebensgrundlagen gestellt: Vertreter von mehr als 190 Staaten kommen zum Weltnaturschutzgipfel ins japanische Nagoya - doch die Erfolgsaussichten des Treffens sind ungewiss. Auch, weil die reichen Länder eine nicht immer rühmliche Rolle spielen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,723384,00.html
hier werden die weichen gestellt, wer wie und wo seine abfaelle in die umwelt pusten darf und wie es die medien der dann oeffentlichkeit verkaufen...
Roueca 18.10.2010
3. Wer heute noch glaubt....
... das sich je etwas ändern wird und das die Natur noch gerettet werden kann ist ein unverbesserlicher Träumer. Jedoch sind es nicht die Menschen welche auf diesem Planeten leben, sondern die Gier des Kapitalismus und die unendliche Dummheit der Volksvertreter welche uns kaputt machen!
merapi22 18.10.2010
4. Mehr Geld fuer Naturschutz, weniger fuer Ruestung!
Zitat von sysopHier werden die Weichen für den Umgang mit unseren Lebensgrundlagen gestellt: Vertreter von mehr als 190 Staaten kommen zum Weltnaturschutzgipfel ins japanische Nagoya - doch die Erfolgsaussichten des Treffens sind ungewiss. Auch, weil die reichen Länder eine nicht immer rühmliche Rolle spielen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,723384,00.html
Wir haben nur diese eine Erde! Wir wollen nur das Beste fuer unsere Kinder und Enkel! Der schonende Umgang mit den Reichtuemern der Erde, damit nachkommende Generationen noch was davon haben, waere das Beste! Geld ist nix weiter als ein Konstrukt! Bitte gebt viel davon fuer die Naturerhaltung und wenig fuer Krieg und Ruestung aus. Warum nicht auf der Konferenz im japanischen Nagoya die Halbierung der weltweiten Ruestungsausgaben und die Verdoppelung aller Klima/Umweltausgaben beschliessen?
Clawog 18.10.2010
5. Fiasko
Das ist wenigstens eine realistische Einschätzung. Die Natur leidet, wegen der Bevölkerungsexplosion. Nur mit einer drastisch reduzierten Weltbevölkerung, wird, wenn wir Glück haben, die Natur sich erholen. Manche sehen schon deutlich die Wand, gegen welche die Menschheit knallen wird. Also die Agenda sollte heißen, erst Weltbevölkerung reduzieren, dann meinetwegen wochenlang über Illusionen diskutieren, wenn es sein muß.
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