Uno-Naturschutzgipfel Countdown für Meere und Wälder

Gibt es in Zukunft auf der Erde noch Regenwälder und Korallenriffe? Die weltgrößte Uno-Naturkonferenz in Bonn endete jetzt mit Beschlüssen, die effektiven Schutz leichter und lukrativer machen - die internationale Blockade bei dem Thema ist beendet, sagt Umweltminister Gabriel.

Von Christian Schwägerl, Bonn


Berlin/Bonn - Es gab keine dramatischen Nachtsitzungen, keine knallenden Türen, keine Nervenzusammenbrüche vor laufender Kamera. Im Vergleich zum Uno-Klimagipfel auf Bali im vergangenen Dezember war die weltgrößte Naturschutzkonferenz, die in den vergangenen zwei Wochen in Bonn stattgefunden hat, ein lahmes Ereignis. Von den 700 angemeldeten Journalisten waren nur einige Dutzend angereist. Ob es in Zukunft auf der Erde noch Regenwälder und Korallenriffe gibt, scheint die Weltöffentlichkeit weniger zu interessieren als durchschnittliche Showbiz-Events.

Luftaufnahme des Great Barrier Reef vor der Küste Australiens: Heute steht nicht einmal ein Prozent der Meeresfläche unter Schutz
DPA

Luftaufnahme des Great Barrier Reef vor der Küste Australiens: Heute steht nicht einmal ein Prozent der Meeresfläche unter Schutz

Dennoch ging der Gipfel am Freitag mit guten Nachrichten zu Ende - zumindest sieht das Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) so. Der Gastgeber meldete Fortschritte an verschiedenen Fronten des internationalen Naturschutzes.

"Wir haben uns bei den strittigsten Kernfragen geeinigt und den lähmenden Stillstand der letzten Jahre überwunden", sagte Gabriel. Der weltweite Aufbruch zum konkreten Schutz der biologischen Vielfalt sei gelungen. Besonders hob er das "Bonner Mandat" hervor, nach 2010 jede Form von Biopiraterie zu unterbinden. Pharma- und Kosmetikfirmen müssen dann Länder, aus deren Natur sie Wirkstoffe gewonnen haben, an Umsätzen beteiligen.

Gabriel nannte eine ganze Reihe von Beschlüssen, die Naturzerstörer in den kommenden Jahren zu spüren bekommen sollen. So werde der Kampf gegen den Handel mit illegalem Holz verstärkt, der bisher daran scheitert, dass Holz schwer aus dem Baumarkt in den Regenwald zurückzuverfolgen ist. Ein "Riesenfortschritt" sei es, dass in Bonn neuen Meeresschutzgebieten der Weg bereitet worden sei. Heute steht nicht einmal ein Prozent der Meeresfläche unter Schutz, auf der hohen See gibt es kein einziges Schutzgebiet. In Bonn habe sich die Staatengemeinschaft verpflichtet, bis zum Jahr 2012 ein weltumspannendes Netzwerk von Meeresschutzgebieten einzurichten.

"Ein einziger Fang rasiert ganze Ökosysteme ab"

Das erfreut vor allem die Vertreter kleiner Inselstaaten mit riesigen Meeresflächen. Der Präsident des Inselreichs Palau, Tommy Remengesau, präsentierte auf der Konferenz seine Initiative, die kommerzielle Fischerei ganz aus der Wirtschaftszone zu verbannen, um einen weiteren Raubbau zu verhindern. Remengesau will die intakten Korallenriffe von Palau zum Wirtschaftsmotor machen, durch Ökotourismus und die Suche nach Pharma-Wirkstoffen. Mit dem Rückenwind von der Uno-Konferenz will Remengesau das Tiefseefischen mit Netzen unterbinden: "Da werden ganze Ökosysteme für einen einzigen Fang abrasiert", klagt er.

Bei der Debatte um Biokraftstoffe ist es auf der Bonner Konferenz offenbar gelungen, eine Umweltprüfung im Rahmen der Uno-Konvention durchzusetzen. Dagegen hatte anfangs vor allem Brasilien opponiert. Für den Einsatz gentechnisch veränderter Bäume werde "das faktische Moratorium fortgesetzt." Zudem wandte sich die Konferenz dagegen, Meeresgebiete künstlich zu düngen, um so das Treibhausgas Kohlendioxid im Wasser zu binden. Aufgrund ungeklärter Auswirkungen auf das Meeres-Ökosystem sei diese Praxis unerwünscht.

Die Bonner Beschlüsse greifen nur punktuell in den weltweiten Naturzerstörungsprozess ein. Umso wichtiger ist daher der Perspektivenwechsel, der auf der Konferenz vollzogen worden ist. Zum einen stand erstmals der ökonomische Wert der Lebensvielfalt im Vordergrund. Der Deutsche-Bank-Manager Pavan Sukhdev legte Berechnungen vor, denen zufolge der Verlust von Ökosystemen die Menschheit viele Billionen Euro kostet und machte Vorschläge, wie Naturschutz zum lukrativen Businessmodell werden könnte.

"Der große Durchbruch ist ausgeblieben"

Zum anderen überraschte die Popularität einer Internetbörse namens LifeWeb für neue Schutzgebiete, die von der Bundesregierung installiert worden ist. Binnen weniger Tage offerierten Indonesien, Brasilien und die Demokratische Republik Kongo mehrere Millionen Hektar neuer Waldschutzgebiete, für die über LifeWeb Geldgeber gesucht werden. Zu den Highlights der Konferenz gehörte die Ankündigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), den deutschen Beitrag für den internationalen Waldschutz von heute 210 Millionen Euro bis 2013 auf 500 Millionen Euro jährlich zu steigern.

Die Bilanz von Umweltverbänden fiel deutlich verhaltener aus als Gabriels Eigenlob: "Trotz einiger Fortschritte - der große Durchbruch ist leider ausgeblieben", erklärte Jörg Roos vom WWF. Ein Gipfel der Staats- und Regierungschefs sei nötig, um der Bedeutung des Naturschutzes für die Weltwirtschaft und die Armutsbekämpfung Rechnung zu tragen. Der Umweltverband BUND erklärte, beim Artenschutz sei "der Fortschritt eine Schnecke". Enttäuschend sei vor allem die Zurückhaltung bei finanziellen Beiträgen zum Schutz der biologischen Vielfalt. Leider seien die meisten Industriestaaten den entsprechenden Initiativen Norwegens und Deutschlands nicht gefolgt.

Ausruhen kann sich Umweltminister Gabriel auf seinen Lorbeeren ohnehin nicht: Bis zur nächsten Großkonferenz 2010 in Japan muss er als Präsident der Uno-Versammlung darüber wachen, dass die Mitgliedsstaaten die Beschlüsse befolgen und die internationalen Naturschutzverhandlungen nicht ins Stocken geraten.



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