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Uno-Naturschutzgipfel: Keine Halbzeitpause beim Weltretten

Von Christian Schwägerl

Eine Woche lang verhandeln mehrere Tausend Delegierte aus aller Welt nun schon über den Schutz von Regenwäldern, Korallenriffen und Weltmeeren. Die Stimmung sei gut, aber der Weg zu Lösungen noch lang, sagt Umweltminister Sigmar Gabriel. Der WWF warnt bereits vor einem Scheitern des Gipfels.

Bonn - Auf dem Uno-Naturschutzgipfel in Bonn ist nach fünf Verhandlungstagen Halbzeit, doch eine Pause wie beim Fußball ist den Delegierten nicht vergönnt. Am Wochenende wird weiterverhandelt - im Dienst des ganzen Planeten.

Abgeholzter Regenwald in Borneo: Abholzung könnte die Erderwärmung zusätzlich verstärken
AFP

Abgeholzter Regenwald in Borneo: Abholzung könnte die Erderwärmung zusätzlich verstärken

Einigkeit herrscht bei den Delegierten nur darüber, dass ein fortgesetzter Verlust von Arten und Ökosystemen sowohl den reichen Norden als auch den ärmeren Süden des Planeten teuer zu stehen kommen könnte. So wäre die Flutkatastrophe von Burma wohl weniger schlimm ausgefallen, wären in den vergangenen Jahren nicht die schützenden Mangrovenwälder durch industrielle Garnelenfarmen ersetzt worden. Die Abholzung der Regenwälder könnte die Erderwärmung zusätzlich verstärken. Und der Raubbau an der Fischwelt gefährdet in den kommenden Jahrzehnten die Welternährung.

Doch was zu tun ist und wer dafür bezahlt, ist heftig umstritten. Selbst gutgemeinte Angebote stoßen auf Misstrauen. So glauben viele Entwicklungsländer, der Westen biete neuerdings nur deshalb mehr Geld für den Tropenwaldschutz an, weil er dann die Pharmarohstoffe aus diesen Gebieten kostenlos nutzen wolle. Der Vorschlag von Deutschland und Norwegen, den Schutz von Tropenwäldern als Kohlendioxidspeicher zu bezahlen, wird als Versuch interpretiert, den armen Ländern doch verbindliche Klimaschutzmaßnahmen aufzuerlegen. Manche Themen sollten ganz tabu bleiben.

So hat Brasilien anfangs zu verhindern versucht, dass die Konferenz sich mit der Frage befasst, ob Biokraftstoffe der Natur schaden können. Inzwischen herrscht zumindest Gesprächsbereitschaft, ja die Brasilianer haben sogar ein eigenes Diskussionspapier vorgelegt. Am Freitagnachmittag berichtete die deutsche Delegation stolz, es gebe schon 13 Konferenzpapiere, über deren Inhalt weitgehende Einigkeit bestehe. Dagegen warnte die Umweltorganisation WWF, der Fortgang der Verhandlungen sei extrem zäh, ein Scheitern des Gipfels drohe. Die Umweltminister, die kommende Woche zum VIP-Teil der Konferenz anreisen, müssten das Ruder herumreißen.

Streitfragen jedenfalls gibt es genug: Offen ist zum Beispiel, ob die Vertragsstaaten den Handel mit illegal gefälltem Urwaldholz explizit ächten wollen. Einen entsprechenden Vorschlag könnte am kommenden Mittwoch EU-Umweltkommissar Stavros Dimas unterbreiten. Noch nicht entschieden ist auch, ob die Vertragsstaaten die Schaffung von Meeresschutzgebieten in internationalen Gewässern einleiten. Solche Schutzgebiete sind nach Analysen von Meeres- und Fischereibiologen dringend nötig, um einem Kollaps der weltweiten Fischbestände vorzubeugen. Bisher fehlen sowohl die rechtliche Grundlage als auch konkrete Pläne für solche Schutzgebiete.

Im Zentrum der Verhandlungen steht nach wie vor die Frage, wer von der Nutzung von Molekülen, Wissen oder auch Namen profitiert, die auf genetischer Vielfalt beruhen. Pharmakonzerne wollen verhindern, dass sie einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen den Ländern überweisen müssen, aus denen Wirkstoffe ursprünglich stammen. Ureinwohner wiederum kämpfen dagegen, dass solche Zahlungen ausschließlich bei ihren Regierungen landen, nicht aber bei ihnen als Beschützer des Waldes. "Bei dieser Frage müssen wir 16 Jahre Stillstand aufholen", sagt Umweltminister Gabriel.

Wie viel Billionen Euro sind die Ökosysteme wert?

Erhellend ist auch, wie groß die Geldnöte der Uno-Naturschützer sind. Vor den Kulissen wird in Bonn darüber geredet, wie viele Billionen Euro die Ökosysteme des Planeten wert sind. Hinter den Kulissen wird darum gerangelt, ob das Sekretariat der Biodiversitätskonvention auf sein Budget von zehn Millionen Dollar ein paar 100.000 Euro draufbekommt, um arbeitsfähig zu bleiben. Der Generalsekretär des in Montreal ansässigen Konventionsbüros, Ahmed Djoghlaf, klagt, der fallende Dollarkurs mache es seiner Truppe immer schwerer, die weltweiten Naturschutzbemühungen zu koordinieren. Japan als Hauptgeldgeber der Konvention sträubt sich aber prinzipiell dagegen, mehr zu bezahlen.

Als gute Nachricht verbucht Umweltminister Gabriel dagegen, dass seine Initiative "Life Web" viel Resonanz auslöst. Dabei handelt es sich um eine Internet-Börse, auf der Länder neue Schutzgebiete potentiellen Sponsoren anbieten können. Ecuador und Costa Rica haben sich bereits eingetragen, Indonesien bietet ein 4,5 Millionen Hektar großes Meeresschutzgebiet voller Korallenriffe, das legendäre "Korallen-Dreieck", zur Finanzierung an. Kommenden Dienstag will der Umweltminister der Demokratischen Republik Kongo sein Angebot präsentieren, 15 Millionen Hektar Regenwald zusätzlich unter Schutz zu stellen.

Zur Lösung der zentralen offenen Streitfragen soll vor allem der Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel am kommenden Mittwoch beitragen. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Regierungschef des Gastgeberlandes durch eine besonders beherzte Rede oder besonders großzügige Angebote eine verfahrene Uno-Konferenz noch zum Erfolg bringt.

Die Monotonie, die der Welt droht, wenn die Uno-Naturschützer keinen Erfolg haben, wurde unfreiwillig ausgerechnet auf der "Plaza der Vielfalt" vor dem Kongresszentrum inszeniert. Statt die vielfältige deutsche Regionalküche zu präsentieren, lassen die Organisatoren den Besuchern aus aller Welt nur die Wahl zwischen fettigen Würsten, Pommes, Crepes aus der Plastikschüssel und einfallslosem Öko-Essen. Schlechtes Essen macht schlechte Stimmung: Bestimmt würden auch Verbesserungen beim Catering dazu beitragen, dass die Konferenz doch noch ein Erfolg wird.

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