Uno-Prognose Treibhausgas-Ausstoß steigt drastisch

Die Vereinten Nationen legen die bisher umfassendste Untersuchung zum Ausstoß von Treibhausgasen vor - und das Ergebnis ist niederschmetternd. Anstatt zu sinken, werden die Emissionen der Uno-Prognose zufolge drastisch steigen.

Von Volker Mrasek


Internationale Klimaschutz-Abkommen wie das Kyoto-Protokoll und die Klimarahmenkonvention erweisen sich als weitgehend wirkungslos: Die Industriestaaten der Erde werden nach Prognosen der Vereinten Nationen im Jahr 2010 knapp 11 Prozent mehr Treibhausgase ausstoßen als noch 1990. Das dokumentiert die bisher umfassendste Sammlung von Emissionsdaten, die das Bonner Uno-Klimasekretariat heute vorlegt.

Nickel-Fabrik in Sibirien: Klimagas-Ausstoß im ehemaligen Ostblock steigt
REUTERS

Nickel-Fabrik in Sibirien: Klimagas-Ausstoß im ehemaligen Ostblock steigt

Wie die "Treibhausgas-Schlüsseldaten" zeigen, profitierte der Klimaschutz bisher nicht etwa vom Wohlverhalten der Industrienationen, sondern lediglich vom Zusammenbruch des früheren Ostblocks. In den einst kommunistischen Staaten wurden unzählige veraltete Industrie- und Energieanlagen abgewickelt und durch neue, effizientere ersetzt. Das färbt die Weltklimabilanz vorübergehend schön: Die Treibhausgas-Emissionen der entwickelten Länder gingen insgesamt um sechs Prozent zurück, weil der Ausstoß im ehemaligen Ostblock zwischen 1990 und 2003 um volle 40 Prozent gesunken ist.

Doch dieser Vorschuss ist mittlerweile aufgebraucht. Inzwischen steigen die Emissionen auch in den ehemaligen Ostblockstaaten wieder an. Nach den Projektionen des Klimasekretariates werden sie zwar 2010 noch immer um 18 Prozent unter dem Niveau von 1990 liegen. Doch die westlichen Industriestaaten legen im selben Zeitraum - trotz aller Klimaschutzmaßnahmen - um fast 20 Prozent zu, wie der neue Bericht der Vereinten Nationen darlegt.

Zweistellige Zuwachsraten in vielen Ländern

Unter den zehn Staaten mit den größten Zuwachsraten sind gleich sechs Mitglieder der Europäischen Union: Spanien (plus 42 Prozent bis 2003), Portugal (+ 37%), Griechenland und Irland (beide + 26%), Finnland (+ 22%) und Österreich (+ 17%). Erst danach folgen die USA (+ 13%), die allerdings nach wie vor die mit Abstand größten Mengen an Treibhausgasen ausstoßen.

Die Regierung von Präsident George W. Bush lehnt zwar das Kyoto-Protokoll bis heute ab, doch haben die USA die Uno-Klimarahmenkonvention von 1992 unterzeichnet. Wie alle anderen Industrieländer unter den über 160 Mitgliedstaaten sind sie daher verpflichtet, ein nationales Treibhausgas-Kataster zu führen und die Daten an das Klimasekretariat zu übermitteln.

Unter den 15 Mitgliedern der alten EU schneiden Deutschland (minus 18 Prozent) und Großbritannien (minus 13%) am besten ab. Neben Schweden (minus 2%) hat Großbritannien zudem sein Kyoto-Ziel bereits leicht übertroffen. Deutschland ist bei einer Vorgabe von minus 21 Prozent noch knapp davon entfernt.

Positive Trends in Osteuropa

Den Länderreports zufolge hat das Baltikum die sauberste Weste in Sachen Klimabelastung. Litauen stieß 2003 zwei Drittel weniger Treibhausgase aus als noch 1990, Lettland 59 und Estland 51 Prozent. Andere frühere Ostblockstaaten wie Tschechien, Russland und Bulgarien schafften Reduktionen zwischen 24 und 50 Prozent.

Die einzelnen EU-Mitglieder haben sich zu unterschiedlichen Reduktionszielen verpflichtet. Insgesamt will die Europäische Union ihre Treibhausgas-Emissionen bis spätestens 2012 um acht Prozent drosseln. Davon war sie 2003 mit minus 1,4 Prozent allerdings noch weit entfernt. "Weitere Anstrengungen, um die Emissionen zu mindern, sind notwendig", mahnt das Sekretariat deshalb im Vorfeld der 1. Vertragsstaatenkonferenz des Kyoto-Protokolls im kanadischen Montreal, die am 28. November beginnt.

Berichte aus 40 Ländern ausgewertet

Für seine Zwischenbilanz wertete das Klimasekretariat die Trendberichte von insgesamt 40 Industrie- und ehemaligen Ostblockstaaten aus. In die Statistiken ging nicht nur Kohlendioxid (CO2) aus der Verbrennung der fossilen Energieträger Erdöl, Erdgas und Kohle ein. Berücksichtigt wurden auch Methan aus Mülldeponien und Viehhaltung sowie Lachgas, das durch Agrardüngung und Nylonherstellung entsteht. Hinzu kamen auch verschiedene FCKW-Ersatzstoffe und das als Füllgas in Reifen und Schaltanlagen verwendete Schwefelhexafluorid. Sie alle haben ein zum Teil wesentlich höheres Treibhauspotential als Kohlendioxid, werden aber in geringeren Mengen freigesetzt als das Hauptklimagas.

Für Entwicklungs- und Schwellenländer wie China und Indien besteht derzeit weder eine Pflicht, die Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren, noch über sie zu berichten. Dennoch liegen dem Bonner Klimasekretariat vereinzelt Daten aus nicht industrialisierten Ländern vor.

Die Gegensätze sind hier offensichtlich noch krasser als zwischen einzelnen Industriestaaten. Während ein Land wie Tadschikistan seinen Treibhausgas-Output zwischen 1990 und 1998 um 82 Prozent verminderte, legte Paraguay allein in den vier Jahren bis 1994 um 115 Prozent zu. Ob auch Entwicklungs- und Schwellenländer für die Zeit nach 2012 Reduktionsziele bekommen sollen, wird ein wichtiger Verhandlungspunkt auf der Montrealer Weltkonferenz sein.

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