Uno-Projekt Merkel fordert sofortiges Handeln zum Artenschutz

Weltweit verschwinden Tier- und Pflanzenarten mit atemberaubender Geschwindigkeit. Kanzlerin Angela Merkel hat zum Start des Internationalen Jahrs der biologischen Vielfalt jetzt eine "unmittelbare Trendwende" gefordert. Doch auch Deutschland tut in Sachen Artenschutz noch immer zu wenig.


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Artensterben: Gefährdete Vielfalt
Berlin - Die Bilanz sieht düster aus: 17.291 von 47.677 Arten sind auf der aktuellen Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN als bedroht verzeichnet. Erst im Sommer 2008 hatte sich die Bundesregierung mit großem Tamtam auf der Uno-Biodiversitätskonferenz in Bonn zum weltweiten Artenschutz bekannt. Seither ist es um die damals verkündeten Ziele - wie etwa ein weltweites Schutzgebietsnetz zu Lande bis Ende 2010 und den Aufbau eines Netzes von Meeresschutzgebieten bis 2012 - ziemlich still geworden.

Nun soll das Internationale Jahr der biologischen Vielfalt dem Artenschutz Nachdruck verleihen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) haben das Uno-Jahr am Montagvormittag mit einem Festakt in Berlin eröffnet. "Wir brauchen eine Trendwende", sagte Merkel. "Jetzt unmittelbar und nicht irgendwann." Sie sagte finanzielle Mittel zu, um den Schutz der Ökosysteme zu unterstützen. Artenvielfalt sei auch ein Teil von Klimaschutz. Merkel räumte allerdings ein, dass das international vereinbarte Ziel, den Verlust an Artenvielfalt bis Ende 2010 deutlich zu verringern, nicht mehr erreichbar sei.

Merkel hatte 2008 in Bonn unter anderem angekündigt, die deutschen Hilfen für den Waldschutz bis 2012 um 500 Millionen Euro aufzustocken, was ihr auf der Konferenz großen Respekt verschaffte. Beobachter hoffen, dass die Kanzlerin jetzt präzisiert, in welchem Umfang die deutschen Zusagen eingelöst wurden und was die Bundesregierung weiterhin zum Schutz der Artenvielfalt tun will. Immerhin hat Deutschland noch bis zur nächsten UN-Konferenz im Oktober im japanischen Nagoya den Vorsitz der Uno-Biodiversitätskonvention (CBD).

Sowohl die Europäische Union als auch die Vereinten Nationen haben sich vorgenommen, das Artensterben bis zum Jahr 2010 zu stoppen oder zumindest signifikant zu verringern. "Der Verlust der biologischen Vielfalt zählt neben dem Klimawandel zu den zentralen Herausforderungen unserer Zeit", erklärte Umweltminister Röttgen.

Große Teile der Artenvielfalt gelten als gefährdet

Derzeit sind weltweit rund zwei Millionen Tier- und Pflanzenarten wissenschaftlich beschrieben. Die Schätzungen der Gesamtzahl aller Arten auf der Erde schwanken zwischen drei und mehr als 100 Millionen, viele Forscher gehen von 10 bis 20 Millionen Arten aus. Zu den am stärksten bedrohten Tieren zählen nicht nur prominente Arten wie Tiger, Eisbär und Nashorn, sondern auch viele Amphibien wie Kröten, Lurche und Frösche. Die zu Lande und zu Wasser lebenden Arten leiden besonders unter den Umweltveränderungen durch den Menschen. Von den bekannten 6285 Amphibienarten sind knapp ein Drittel vom Aussterben bedroht. Auf der Roten Liste stehen außerdem

  • 21 Prozent der Säugetiere,
  • 12 Prozent der Vögel,
  • 28 Prozent der Reptilien,
  • 37 Prozent der Süßwasserfische,
  • 70 Prozent der Pflanzen.

Insgesamt ist die Bilanz der bisherigen weltweiten Anstrengungen zum Artenschutz mager. Es sei noch nicht gelungen, den rasanten Verlust an Artenvielfalt aufzuhalten, bilanzierte Anfang des Jahres das CBD-Sekretariat. Experten schätzen, dass pro Tag rund 150 der etwa 15 Millionen Tier- und Pflanzenarten auf der Erde aussterben. Von 1970 bis 2005 ging nach Berechnungen der Umweltorganisation WWF die biologische Vielfalt auf der Erde um 27 Prozent zurück. Dies bedeutet nach einer Studie des indischen Ökonomen Pavan Sukhdev auch wirtschaftliche Einbußen in Milliardenhöhe, zum Beispiel durch den Verlust genetischer Ressourcen.

Kritiker: Bundesregierung ignoriert eigene Artenschutz-Strategie

In Deutschland sieht es in Sachen Artenschutz keineswegs besser aus als anderswo. Nach einer aktuellen Studie der Deutschen Umwelthilfe (DUH) wird die EU-Selbstverpflichtung, den Artenschwund im eigenen Land bis 2010 zu stoppen, in Deutschland klar verfehlt. So sind laut der sogenannten Roten Liste rund ein Drittel der hierzulande vorkommenden Wirbeltierarten als gefährdet eingestuft. Grund ist laut DUH, dass die vom Bundeskabinett beschlossene Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt in der praktischen Regierungsarbeit "schlicht ignoriert wird".

Auch international trat Deutschland während seiner CBD-Präsidentschaft nicht immer ruhmvoll in Erscheinung. Obwohl in Bonn auch ein Stopp von Maßnahmen zur Meeresdüngung beschlossen wurde, nahm das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut mit ausdrücklicher Unterstützung Merkels Anfang 2009 entsprechende Experimente vor. Zwar konnten sich die Wissenschaftler auf eine für Versuche geltende Ausnahmeklausel berufen, Umweltschützer sahen gleichwohl die deutsche Glaubwürdigkeit beschädigt.

Einzelne Fortschritte sichtbar

Allerdings gibt es weltweit auch Fortschritte: So gelang es laut CBD, den Umfang geschützter Gebiete in den vergangenen 20 Jahren auf rund zwölf Prozent der Landfläche der Erde zu verdoppeln. Einen beachtlichen Beitrag zum Meeresschutz leisteten die USA bald nach dem Amtsantritt von Präsident Barack Obama mit der Ausweisung großer maritimer Schutzgebiete im Pazifik.

Auch für einige Landtierarten ziehen die Naturschützer positive Bilanzen. Die Bestände von Elbebiber, Luchs und Amur-Leopard haben sich laut Angaben des World Wildlife Fund (WWF) weltweit stabilisiert. Und in Deutschland gibt es derzeit, wie das Bundesamt für Naturschutz (BfN) angibt, nach fast 100 Jahren auch wieder einige Wolfsrudel.

Die Umweltschützer warnen aber vor Euphorie: "Es gab zwar für manche Arten einzelne Silberstreifen am Horizont, doch das Massenaussterben im Tier- und Pflanzenreich dauerte auch 2009 unvermindert an", sagt Volker Homes, Leiter Artenschutz beim WWF Deutschland. Und Magnus Wessel vom Naturschutzbund (Nabu) fordert: "Wir müssen weg vom Reden und hin zum Handeln."

som/dpa/AFP



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
Olaf 11.01.2010
1. Titel
Zitat von sysopWeltweit verschwinden Tier- und Pflanzenarten mit atemberaubender Geschwindigkeit. Kanzlerin Angela Merkel hat zum Start des Internationalen Jahrs der biologischen Vielfalt jetzt eine "unmittelbare Trendwende" gefordert. Doch auch Deutschland tut in Sachen Artenschutz noch immer zu wenig. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,670787,00.html
Ich finde es ja auch toll, dass Frau Merkel immer vorne mit dabei ist, wenn es darum geht die Welt zu retten. Vielleicht sollte sie aber mal mit was Einfachem anfangen, die deutsche Wirtschaft und den Arbeitsmarkt retten zum Beispiel. Oder ist das zu banal?
Rainer Helmbrecht 11.01.2010
2. .
Zitat von sysopWeltweit verschwinden Tier- und Pflanzenarten mit atemberaubender Geschwindigkeit. Kanzlerin Angela Merkel hat zum Start des Internationalen Jahrs der biologischen Vielfalt jetzt eine "unmittelbare Trendwende" gefordert. Doch auch Deutschland tut in Sachen Artenschutz noch immer zu wenig. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,670787,00.html
Tja, so fordert etwas anderes, ich z.B. möchte "Die mächtigste Frau der Welt" auf, sich endlich mal um Deutschlandund die Probleme der Bürger zu kümmern. Sollte sie den Scheren Kreuzer Deutschland wieder auf Kurs bekommen, dann darf sie sich auch wieder auf eine Treppe stellen und sich fotografieren lassen, aber hohle Reden habe ich von ihr schon genügend gehört MfG. Rainer
rotverschiebung 11.01.2010
3. Endlich!
Da ist sie ja, die Kanzlerin des Volkes!!! Mit dem untrüglichen Gefühl für die bewegenden Dinge. Deswegen lieben wir sie auch so. In Sachen Artenschutz spricht sie offensichtlich auch für sich selbst, erinnert ihr Verhalten doch stark an jenes bedrohter Reptilien: Unterm Stein regungslos verharren, beobachten und warten, kurz vorschnellen und zuschnappen, schnell wieder verkriechen...
aschu0959 11.01.2010
4. Auweia
Zitat von sysop; " Weltweit verschwinden Tier- und Pflanzenarten mit atemberaubender Geschwindigkeit. Kanzlerin Angela Merkel hat zum Start des Internationalen Jahrs der biologischen Vielfalt jetzt eine "unmittelbare Trendwende" gefordert. " Wenn sie dabei so viel Erfolg hat wie bei ihren "Bemühungen" etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen - auweh
mcmaier 11.01.2010
5. eine weitere Baustelle fur Frau Merkel ...
..., wo Sontags-Reden genügen und konkretes Handeln (erst einmal) nicht erforderlich ist. Wie war es mal mit konkreten Vorschlägen, etwa zum Klimaschutz direkt vor der Haustür, Frau Merkel?
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