Uno-Report Meere werden immer stärker überfischt

Dramatische Warnungen von der Uno: Rund 80 Prozent der Fischbestände in den Weltmeeren sind überfischt oder werden bis an die Grenzen ausgebeutet - Tendenz steigend. Dazu kommen Probleme durch den Klimawandel.


Rom - Keine Spur von Entspannung, ganz im Gegenteil: Die Zahl der überfischten oder bis an die biologischen Grenzen ausgebeuteten Fischbestände ist in der Zeit zwischen 2004 und 2006 erneut gestiegen, von 77 auf 80 Prozent. Das geht aus dem Weltfischereireport der Uno-Welternährungsorganisation (FAO) hervor. Die Zahl der nur moderat genutzten Fischbestände hat sich laut FAO seit den siebziger Jahren halbiert - von 40 auf 20 Prozent.

"Überkapazitäten sind das Schlüsselproblem, also zu viele Boote bei hocheffektiven Fangtechnologien", heißt es warnend in dem Bericht. Die Experten rufen die Fischindustrien und die Staaten deshalb dringend auf, die freiwilligen Richtlinien für eine verantwortliche Fischerei von 1995 einzuhalten und auszubauen. Mehr als 43 Millionen Menschen sind - überwiegend in Asien - voll oder teilweise in der Fischereibranche tätig, die nach FAO-Angaben weltweit mehr als zwei Millionen Schiffe einsetzt.

Mit freiwilligen Fischereirichtlinien aus dem Jahr 1995 wollte die FAO der Bedrohung der Meeresbestände begegnen. Doch ein internationales Forscherteam kam vor kurzer Zeit zu dem ernüchternden Schluss, dass keine der 53 mittleren oder großen Fischereinationen die Richtlinien komplett einhalte. Im vergangenen Jahr hatte der IUCN-Weltnaturschutzkongress vor einer ungebremsten Plünderung der Meere gewarnt - und hatte dabei vor allem die europäische Fischereiflotte im Visier.

Im nordwestlichen Atlantik, im westlichen Indischen Ozean und im Nordwesten des Pazifiks sei die Überfischung am dramatischsten, schreibt die FAO. Nachhaltiger und ökologischer Fischfang sei in den vergangenen Jahren nur wenig vorwärts gekommen. Auch bei der Vermeidung von Beifang, einem Ende der Fischerei mit Grundschleppnetzen und dem Kampf gegen den illegalen Fischfang habe sich nicht genug getan.

"Verlustgeschäft für Mensch und Natur"

Dazu kommen Probleme durch den Klimawandel. Er wirke sich auch auf die saisonale Entwicklung der biologischen Prozesse im Wasser und damit auf die Fischbestände aus - "mit unvorhersehbaren Folgen für die Fischindustrie", wie die FAO warnt. In zahlreichen Fischereizonen laufe der Fischfang derart auf Hochtouren, "dass man sich angesichts der klimatischen Auswirkungen auf das Ökosystem Ozean fragen muss, wie sie das in Zukunft werden aufrechterhalten können".

Mit 143,6 Millionen Tonnen hat die Weltfischerei im Jahr 2006 in der Tat einen neuen Produktionsrekord aufgestellt. Doch auf den Meeren gehen die Fänge offenbar bereits zurück: Im Jahr 2006 wurden 81,9 Millionen Tonnen Meeresfisch angelandet, dass sind über vier Prozent weniger als noch zwei Jahre zuvor. Gezüchteter Fisch macht inzwischen nahezu die Hälfte der Produktion (47 Prozent) aus.

"Die weltweite Fischerei ist ein Verlustgeschäft für Mensch und Natur, sie könnte bis Mitte des Jahrhunderts ganz zusammenbrechen", erläuterte Karoline Schacht von der Umweltschutzorganisation WWF. Die wirtschaftlichen Verluste durch Überfischung würden auf etwa 40 Milliarden Euro im Jahr geschätzt. Der WWF fordert ein "nachhaltiges Management" der Fischerei, mehr Schutzgebiete, umweltfreundlichere Fangtechniken und wesentlich kleinere Fangflotten. Die von Politik und Industrie zugesagte Trendwende sei ausgeblieben. Die Krise sei in Europa besonders drastisch, der Nordsee-Kabeljau ein Paradebeispiel für Überfischung.

Verbrauchern in Deutschland empfiehlt der WWF, beim Einkauf auf Fische aus gefährdeten Beständen - wie zum Beispiel Thunfisch, Scholle, Seezunge oder Rotbarsch - zu verzichten. Außerdem solle beim Einkauf auf das blaue Nachhaltigkeitssiegel des MSC (Marine Stewardship Council) geachtet werden, das eine umweltschonende Fischerei garantiert. In Deutschland sind bereits mehr als 350 Produkte mit dem MSC-Siegel erhältlich.

chs/dpa/AFP



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