Uno-Report zum Extremwetter: Menschheit muss mehr Hitzeschocks und Hochwasser verkraften

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Dürren, Stürme, Fluten: Extremes Wetter gilt als schlimmste Folge des Klimawandels. Ein am Freitag erscheinender Uno-Report analysiert, mit welchen Katastrophen die Menschheit künftig rechnen muss. Die wesentlichen Daten hat SPIEGEL ONLINE vorab bekommen - sie zeichnen ein widersprüchliches Bild.

Dürre in Australien: Welchen Einfluss hat der Klimawandel? Zur Großansicht
REUTERS/ Greenpeace

Dürre in Australien: Welchen Einfluss hat der Klimawandel?

Hamburg - Es ist ein Geheimprojekt, bis zuletzt. Seit dreieinhalb Jahren arbeiten Wissenschaftler im Auftrag der Vereinten Nationen (Uno) an einem Bericht, der zeigen soll, wie sich extremes Wetter im Zuge der Erwärmung verändern könnte. Extremwetter wie Dürren oder Stürme gelten als größte Gefahr eines menschengemachten Klimawandels.

Jetzt ist der Report fertig, er enthält das Ergebnis Tausender Klimastudien. Doch erst, wenn Regierungsvertreter der Weltgemeinschaft die bibeldicke Studiensammlung am Freitag auf einem Treffen in Ugandas Hauptstadt Kampala genehmigt haben, wird das Werk veröffentlicht - samt einem Resümee des Uno-Klimarates (IPCC), das Politiker derzeit in Kampala verfassen. Beteiligte Forscher sind zum Schweigen verdonnert.

SPIEGEL ONLINE hat wesentliche Ergebnisse des Reports vorab erhalten: Die Resultate sind teils alarmierend, oft widersprüchlich - und meist schwierig zu deuten. Zwar ist bewiesen, dass der Mensch mit seinen Abgasen das Klima erwärmt. Doch wenn es um Extremwetter geht, übt sich der Weltklimarat in Zurückhaltung: Nur wenige Prognosen zu dem Thema werden vom IPCC mit hoher Vertrauenswürdigkeit bewertet - die Unsicherheiten im Klimasystem seien zu groß, heißt es.

Es könne Jahrzehnte dauern, bis sich das neue Klima bemerkbar mache, erklären die IPCC-Forscher. Denn bei allen natürlichen Klimaschwankungen fällt es meist erst spät auf, wenn Extreme häufiger werden. Die Komplexität des Themas erschwert die Verhandlungen für einen Weltklima-Vertrag, die Ende November auf einer Uno-Konferenz in Südafrika in eine neue Runde gehen: Skeptiker können sich allen drohenden Katastrophen zum Trotz weiterhin auf große Unsicherheiten bei den Vorhersagen berufen.

Dabei sind manche Ergebnisse des neuen Reports alarmierend. Folgende Wetteränderungen sind demnach so gut wie sicher zu erwarten, sofern der Ausstoß der Treibhausgase nicht drastisch eingeschränkt wird:

  • Die rasante Zunahme von Treibhausgasen werde die Welt weiter aufheizen; extreme Hitzewellen werden mithin häufiger und Frostperioden seltener.
  • Sturmfluten werden gefährlicher, denn die Erwärmung wird den Meeresspiegel weiter steigen lassen, weil Gletscher schmelzen und das Wasser sich im Zuge der Erwärmung ausdehnt.
  • Auch Sturzregen prasselt wahrscheinlich vielerorts häufiger vom Himmel, resümiert der IPCC: Warme Luft speichert mehr Feuchtigkeit - prallen Luftmassen aufeinander, regnet es.
  • Die Zunahme der Weltbevölkerung erhöhe die Anfälligkeit für Wettergefahren.

Andere Prognosen erscheinen den Experten zu unsicher, um sie mit "wahrscheinlich" zu bewerten. Zwar gibt es auch für die folgenden Extremwetter-Ereignisse Studien, die auf zunehmende Häufigkeit hindeuten - aber eben auch Arbeiten, die das Gegenteil prophezeien:

Möglicherweise häufiger werden dem IPCC-Bericht zufolge diese Wetterextreme:

  • Dürren: Wärmere Luft lässt zunehmend Wasser aus den Böden verdunsten, wodurch sich in manchen Regionen, etwa am Mittelmeer, weniger Regenwolken bilden könnten. Vor allem jedoch bestimmt Wasserdampf aus den Ozeanen die Regenmenge - weshalb Vorhersagen über Dürren unsicher sind.
  • Tropische Wirbelstürme könnten stärker, aber seltener werden, zeigen viele Berechnungen: Zwar treibt wärmeres Meerwasser die Zyklone an, Gegenwinde und Staubstürme bremsen sie jedoch.
  • Flusshochwasser: Ihre Häufigkeit richtet sich nicht nur nach Starkregen, sondern auch nach der Geologie der Landschaft, der Flussstruktur und der täglichen Regenmenge - die Variablen erschweren die Prognose.
  • Stürme: Die Erwärmung der Polarregionen könnte Luftdruck-Gegensätze mildern - und Stürme schwächen. Größere Wärmeenergie könnte die Winde aber auch anfachen.
  • Waldbrände: Ihre Häufigkeit richtet sich nicht nur nach Trockenheitsphasen, sondern auch nach Winterniederschlägen, der Art der Vegetation - und vor allem nach der Zahl künstlich gelegter Brände.

Für die menschliche Gesundheit ergeben sich den IPCC-Forschern zufolge aufgrund des zunehmenden Extremwetters möglicherweise erhöhte Risiken:

  • Die Verletzungsgefahr durch Naturkatastrophen steigt mancherorts,
  • vermehrte Überschwemmungen könnten Seuchen fördern,
  • Hitzeperioden mehren Kreislauferkrankungen,
  • Ernteausfälle könnten mancherorts Hungerkrisen verschärfen (andernorts sei gleichwohl erhöhte Ernte zu erwarten),
  • Allergene Pollen könnten häufiger auftreten,

Der IPCC fordert einen besseren Schutz gegen Extremereignisse:

  • Hochwasserschutz an Küsten und Flüssen sollte verstärkt werden,
  • Städte müssten sich gegen Hitze wappnen,
  • Drainage der Böden sollte verbessert werden,
  • Die Wasserversorgung müsste sichergestellt werden.

Der Uno-Report ist das Ergebnis eines harten Auslese-Prozesses, der auf einem Wissenschaftlertreffen im März 2008 in Oslo gestartet wurde. Dort rief ein Zirkel von Klimaexperten die internationale Forschergemeinde zur Mitarbeit auf. Daraufhin meldeten sich 375 Wissenschaftler. 117 von ihnen wurden im Juli 2009 vom Weltklimarat IPCC ausgewählt, an dem Report mitzuarbeiten.

Neun Themen-Kapitel entstanden, pro Kapitel gingen rund 2000 Kommentare ein, die von den Leitautoren bewertet wurden. Im Juli 2011 schließlich lag der erste Entwurf des Berichts vor. Er zeigte bereits, wie schwer es ist, Wetterextreme zu prognostizieren.

Warum Prognosen so schwierig sind

Das Hauptproblem ist die Seltenheit extremer Ereignisse, also der Mangel an Daten - er erschwert schon die Bestandsaufnahme: Eine große Menge an Daten ist nötig, um überhaupt zu ermitteln, ob der zunehmende Treibhauseffekt bereits in den vergangenen Jahrzehnten die Häufigkeit von Wetterextremen verändert hat - Vorhersagen sind ungleich komplizierter.

Für ihre Diagnosen stützen sich Klimaforscher auf Computersimulationen: Tausendfach spielen sie zwei Abläufe durch: Einerseits simulieren sie das von Treibhausgasen erwärmte Klima, andererseits ein Klima ohne menschengemachte Abgase. Dann schauen sie, wie sich Extremwetter in beiden Fällen verändert.

Für manche Ereignisse meinen Wissenschaftler aber mittlerweile beweisen zu können, dass die menschengemachte Erwärmung eine Zunahme bewirkt hat: Im Frühjahr 2011 berichteten Forscher, dass die Erderwärmung wahrscheinlich zu mehr Starkregenfällen auf der Nordhalbkugel geführt hat. Außerdem glaubten sie, belegen zu können, dass Hochwasserfluten speziell in Großbritannien auf den verstärkten Treibhauseffekt zurückzuführen sind. Auch die Hitzewelle in Europa im Sommer 2003 und jene im Westen Russlands 2010, die zu extremen Waldbränden geführt hat, lasten Experten dem Klimawandel an.

Andere Studien aus diesem Jahr ergaben keine Zunahme von Wetterextremen: Winterstürme auf der Nordhalbkugel seien eher weniger geworden, berichteten Forscher im Fachmagazin "Tellus". Gleiches gelte für Flusshochwasser in Nordamerika: Dass Flüsse in den USA vom menschengemachten Klimawandel beeinflusst würden, lasse sich nicht feststellen, resümierte im Oktober der Geologische Dienst der USA.

Aufgrund der Unsicherheit seiner Schlussfolgerungen, stürzt der neue Uno-Report die Klimaforschung in ein Dilemma, das der Philosoph Silvio Funtowicz bereits 1990 vorausgesehen hat: Die Klimaforschung gehöre zu den "postnormalen Wissenschaften". Aufgrund ihrer Komplexität unterliege sie großen Unsicherheiten, behandle jedoch gleichzeitig ein hohes Gefahrenpotential. Politiker und Öffentlichkeit müssten lernen, Entscheidungen auf solcher Grundlage zu treffen. In zwei Wochen beginnt der Welt-Klimagipfel in Südafrika.

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insgesamt 361 Beiträge
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    Seite 1    
1. ...
guellegure 16.11.2011
Mich fasziniert immer wieder, dass diejenigen Weltraumexperten, die nicht mal in der Lage sind, das Wetter von Übermorgen korrekt vorherzusagen, wissen, wie das Wetter in 100 Jahren wird.
2. Hilfe
Einervondrei 16.11.2011
Zitat von guellegureMich fasziniert immer wieder, dass diejenigen Weltraumexperten, die nicht mal in der Lage sind, das Wetter von Übermorgen korrekt vorherzusagen, wissen, wie das Wetter in 100 Jahren wird.
Wenn Sie Wetter und Klima nicht auseinanderhalten könne, sollten Sie hier nicht posten.......
3. ...
Thorbjoern, 16.11.2011
Zitat von guellegureMich fasziniert immer wieder, dass diejenigen Weltraumexperten, die nicht mal in der Lage sind, das Wetter von Übermorgen korrekt vorherzusagen, wissen, wie das Wetter in 100 Jahren wird.
Das wundert mich auch immer wieder, doch ich vertraue unseren Wissenschaftlern, denn sie haben ja bestimmt - ganz unabhängig von Politikern und Fördergeldverwaltern - durch viele Experimente festgestellt, dass "wir" daran schuld sind. Und dass dem von "uns" verursachten Schaden am besten durch Ablasszahlungen beizukommen ist.
4. ....
kalzifer 16.11.2011
Zitat von EinervondreiWenn Sie Wetter und Klima nicht auseinanderhalten könne, sollten Sie hier nicht posten.......
Auf dieses Totschlag-Argument habe ich schon gewartet. Natürlich haben Wetter und Klima etwas miteinander zu tun. Genauso wie Bäume und Wald etwas miteinander zu tun haben. Man kann das nicht voneinander trennen und so tun, als gäbe es das eine ohne das andere. Im Übrigen verschweigt der Bericht, dass es durchaus auch Regionen geben wird, die vom Klimawandel profitieren.
5. Ich kann dem Artikel nur Eines entnehmen ....
AllesAufAnfang 16.11.2011
Zitat von sysopDürren, Stürme, Fluten: Extremes Wetter*gilt als schlimmste Folge des Klimawandels. Ein am Freitag erscheinender Uno-Report analysiert, mit welchen Katastrophen die Menschheit künftig rechnen muss. Die wesentlichen Daten hat SPIEGEL ONLINE vorab bekommen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,798143,00.html
Manche sagen so und manche sagen so und nix genaues weiß man nicht. Aber wir fallen kollektiv in Panik.
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Jeder Mensch trägt täglich weiter zur Erderwärmung bei - mit Steak-Konsum, Flügen nach Mallorca und der Autofahrt ins Büro. Kennen Sie Ihre persönliche CO2-Bilanz? Finden Sie es heraus im Klima-Quiz von SPIEGEL ONLINE.

Wie funktionieren natürliche Kohlenstoffsenken?
Wälder
Wenn Bäume wachsen, dann nehmen sie über die Photosynthese Kohlendioxid auf. Je natürlicher die Wälder dabei sprießen, desto mehr CO2 kann gebunden werden. Den Kohlenstoff speichern die Pflanzen zum Beispiel in ihrem Holz oder in den Wurzeln. Wenn die Bäume absterben und verrotten - oder wenn sie verbrennen -, dann wird das CO2 wieder frei. Die Wälder sind also nur ein CO2-Zwischenlager. Wenn sich aber die Waldgebiete auf ehemals landwirtschaftliche Flächen ausdehnen - wie zumindest an einigen Stellen der Nordhalbkugel - dann ergibt sich eine positive Klimawirkung.
Böden
Auch Böden binden große Mengen Treibhausgase. Der Permafrost in den arktischen Regionen schließt zum Beispiel seit der Eiszeit große Mengen Kohlenstoff aus nicht vollständig verrotteten Pflanzen ein. Auch in Mooren lagern große Mengen Kohlenstoff. Wenn der Permafrost taut oder die Moore trocken fallen, dann können Kohlenstoffquellen entstehen.
Ozeane
Die Weltmeere sind die wichtigste Kohlenstoffsenke des Planeten. Aus der Atmosphäre gelangt das CO2 in das Meerwasser. Dort löst es sich, weil seine Konzentration im Wasser niedriger ist als in der Luft. Durch Meeresströmungen gelangt ein Teil des CO2-reicheren Wassers in die Tiefsee, wo es Hunderte von Jahren verbleiben kann. Auch organische Sedimente am Ozeanboden können große Mengen Kohlenstoff speichern. Die zunehmende Aufnahme von CO2 macht das Ozeanwasser allerdings auch immer saurer, was zum Problem für Schalentiere und Korallen werden kann - denn deren kalkhaltige Schalen werden durch die entstandene Kohlensäure im Wasser aufgelöst.