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Uno-Treffen: Kopenhagen-Kater trübt Bonner Klimakonferenz

Neustart im Klimaschutz-Marathon: Erstmals nach dem Desaster von Kopenhagen trifft sich die Staatengemeinschaft zu neuen Verhandlungen. Doch bei dem Treffen in Bonn herrscht Katerstimmung - die Vertrauensbasis scheint dauerhaften Schaden genommen zu haben.

Umweltaktivisten in Bonn (9. April): "Zeit, die Scherben von Kopenhagen aufzusammeln" Zur Großansicht
dpa

Umweltaktivisten in Bonn (9. April): "Zeit, die Scherben von Kopenhagen aufzusammeln"

Bonn - "Was wir aus der Geschichte lernen, ist, dass wir nie etwas aus der Geschichte lernen", sagte Tosi Mpanu Mpanu, Delegierter der Demokratischen Republik Kongo. Es wäre ein passender Schlusssatz für den Uno-Klimagipfel in Kopenhagen gewesen, der im Dezember in einem Desaster endete. Doch der kongolesische Diplomat sprach als Repräsentant der afrikanischen Länder diese Worte zum Auftakt der Klimakonferenz, die am Freitag in Bonn begonnen hat.

Der Beginn des Treffens, das bis Sonntag dauern und den künftigen Klimaschutz-Fahrplan festlegen soll, machte deutlich: Die Katerstimmung von Kopenhagen ist noch keineswegs gewichen. Der Gipfel in der dänischen Hauptstadt habe das "Vertrauen, das für jedwede Partnerschaft nötig ist", beschädigt, stellte Mpanu Mpanu fest. Der mexikanische Vize-Umweltminister Fernando Tudela sagte, im Ringen um ein Nachfolgeabkommen für das 2012 auslaufende Kyoto-Klimaprotokoll müsse die internationale Gemeinschaft ihre Arbeitsmethoden ändern: "Dieser Verhandlungsprozess erfordert Anpassungen und eine Modernisierung." Die Delegierte der linksgerichteten venezolanischen Regierung, Claudia Salerno, sprach von einem "totalen Scheitern" des Kopenhagener Klimagipfels.

Trotz einer Beteiligung der Staats- und Regierungschefs war keine Einigung auf konkrete Maßnahmen zur Verringerung der Treibhausgase zustande gekommen. Am Ende gab es lediglich die bloße Absichtserklärung, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Konkret in die Pflicht genommen wurde aber niemand. Die Vereinbarung wurde schließlich von der Staatengemeinschaft nicht einmal verabschiedet.

Umweltschützer kritisierten, dies reiche bei weitem nicht für das Zwei-Grad-Ziel. Nach Schätzung des scheidenden Chefs des Uno-Klimasekretariats, Yvo de Boer, laufen die angekündigten Minderungen auf einen Temperaturanstieg von 3,5 bis 4 Grad Celsius hinaus. Und als wäre das alles noch nicht genug, haben in den vergangenen Monaten Vorwürfe gegen einzelne Klimaforscher und den Uno-Klimarat IPCC für erheblichen Flurschaden gesorgt.

Neuer Anlauf im mexikanischen Cancún

Nun wird sich zeigen, ob die Uno-Verhandlungen ohne die Chefs besser vorankommen. In Bonn treffen sich Vertreter aus rund 190 Staaten unterhalb der Ministerebene, um über das weitere Vorgehen in den Klimaverhandlungen zu beraten. Denn die nächste große Konferenz findet bereits im Dezember im mexikanischen Cancún statt.

Bisher aber herrscht unter den rund 2000 Delegierten vor allem Ratlosigkeit. Den goldenen Weg kann niemand weisen. Deshalb flüchtet sich die Konferenz auch rasch ins gewohnte Ritual: Neue Verhandlungsentwürfe sollen her - und vor allem weitere Konferenzen. Dieses Verfahren hat bereits in Kopenhagen das Scheitern nicht verhindern können. Entwürfe und Gezerre gab es genug. Deshalb malen Pessimisten schon jetzt schwarz: Auch in Cancún werde es kein konkretes Abkommen geben.

Das Scheitern in Kopenhagen und vor allem der Ablauf des Gipfels haben für Risse und Misstrauen in der Staatengemeinschaft gesorgt. Besonders US-Präsident Barack Obama und den Chinesen nimmt man in vielen Teilen der Welt übel, dass sie das Uno-Prozedere über den Haufen warfen und ihre eigene Regie entfalteten. China kämpfte in Kopenhagen mit harten politischen Bandagen und wollte Obama zeigen, dass ohne Peking auf internationaler Bühne nichts mehr geht.

Wie die EU in ihre Vorreiterrolle zurückfinden will

Der EU gelang es nicht, an frühere Zeiten mit einer Vorreiterrolle anzuknüpfen. Die Europäer - einschließlich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) - standen zeitweise sogar ganz abseits, als die USA, China, Brasilien, Indien und Südafrika intern um einen Deal rangen. Ihre frühere tonangebende Position will die EU nun wieder zurückerobern. Bei der Minderung von Treibhausgasen ist sie bisher allerdings nicht über ihr bisheriges Ziel der Reduzierung um 20 Prozent bis 2020 hinausgegangen.

Die spanische Delegierte, die für die EU in Bonn sprach, bekräftigte die Bereitschaft der Europäer, schon innerhalb der nächsten drei Jahre 2,4 Milliarden Euro jährlich für die ärmeren Länder zur Verfügung zu stellen. Ähnliche Signale von anderen Seiten fehlten. Und auch Merkel will wieder mehr ins Rampenlicht drängen: Die Bundesregierung lädt zu einem großen Ministertreffen mit Merkel außerhalb des Uno-Prozesses Anfang Mai auf den Petersberg bei Bonn.

Ob es in Cancún zu einem Abkommen reicht, hänge vor allem von der nationalen Gesetzgebung in den USA ab, sagte der Klima-Koordinator der Umweltorganisation Greenpeace, Martin Kaiser. Denn nur dann könnte sich Washington auch international zu einer konkreten Minderung bei Treibhausgasen bekennen. "Die Amerikaner müssen endlich handlungsfähig werden."

Ungeklärt ist, inwieweit ein Abkommen rechtsverbindlich sein soll. Yvo de Boer wäre schon froh, wenn in Cancún das bereits für Kopenhagen anvisierte Ergebnis herauskäme. Dies wäre aber nur eine Rahmenvereinbarung für den künftigen Klimaschutz, kein fertiger Vertrag. Das bedeutet: Einen Vertrag gäbe es frühestens erst ein weiteres Jahr später - Ende 2011 auf dem Gipfel in Südafrika.

mbe/dpa/AFP

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Forum - Umwelt - ist die Angst vor der globalen Erwärmung übertrieben?
insgesamt 15293 Beiträge
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1.
Klo, 14.11.2009
Zitat von sysopDie Erderwärmung und ihre Ursachen werden in der aktuellen wissenschaftlichen und politischen Diskussion um den Klimawandel intensiv behandelt. Dabei sind sich Fachleute in der Bewertung durchaus nicht immer einig. Ist die Angst vor der globalen Erwärmung übertrieben? Diskutieren Sie mit!
Panik ist fehl am Platz, aber Gegensteuern angebracht. Das Klo.
2.
Adran, 14.11.2009
Schon aus rationalen Erwägungen heraus, macht es sinn, gegenzusteuern.. Wir haben doch erlebt, wie schnell Öl/energie teuer werden kann. Daher ist rationalisierung und alternativen zu entwickeln dadurch schon gegeben, um seinen eignen Geldbeutel zu schonen. Je unabhängiger man von solchen Dingen wird, je besser für die mittelfristige Zukunft. Der Effekt auf das globale Klima wäre da nur ein Bonbon, dass man aber durch aus ernst nehmen sollte..
3.
Satiro, 14.11.2009
Zitat von KloPanik ist fehl am Platz, aber Gegensteuern angebracht. Das Klo.
Gegensteuern ja aber wie und um welchen Preis?
4.
Edgar, 14.11.2009
Zitat von AdranSchon aus rationalen Erwägungen heraus, macht es sinn, gegenzusteuern.. Wir haben doch erlebt, wie schnell Öl/energie teuer werden kann. Daher ist rationalisierung und alternativen zu entwickeln dadurch schon gegeben, um seinen eignen Geldbeutel zu schonen. Je unabhängiger man von solchen Dingen wird, je besser für die mittelfristige Zukunft. Der Effekt auf das globale Klima wäre da nur ein Bonbon, dass man aber durch aus ernst nehmen sollte..
Wir erleben vor allem, wie immens teuer die 'rationlaen' Gegensteuerungen sind. Und die derzeitige 'Klima'-Politik macht uns nicht unabhängiger, ganz im Gegenteil.
5.
rkinfo 14.11.2009
Zitat von KloPanik ist fehl am Platz, aber Gegensteuern angebracht. Das Klo.
Genau ! Zudem ist die Grundlage der CO2-Freisetzung und globalen Erwärmung die endliche Verfügbarkeit fossiler Energieträger. Es ist also vernünftig beides rückläufig zu gestelten. Nachdem die Staaten der welt erkannt haben dass man Rohstoff- und Energiespekulationen nicht eindämmen kann hilft nur eine konsequente Roadmap raus aus knappen Energieträgern und rein in erneuerbare und überschußmäßig Vorhandene gegen Preistreibereien. Wenn die Welt einmal -80% CO2 vs. 1990 emmitiert dann wird dies definitiv das Klima nicht wg. CO2-Mangel 'schädigen'. Umgekehrt = viel mehr CO2 kann Keiner Entwarnung geben.
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IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen
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Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...
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Der IPCC hat bisher 1990, 1995, 2001 und 2007 Berichte über den Stand der Klimaforschung abgegeben. An dem Bericht sind drei Arbeitsgruppen beteiligt: Arbeitsgruppe I stellt den Stand der Klimaforschung dar, fasst Daten und Computersimulationen zusammen und trifft Aussagen über die künftige Entwicklung. Arbeitsgruppe II berichtet über die möglichen Folgen der Erwärmung für Mensch und Umwelt, Arbeitsgruppe III über mögliche Gegenmaßnahmen.
Ergebnisse bisher
Im ersten Klimareport des IPCC von 1990 war noch von einem natürlichen Treibhauseffekt die Rede, der von Emissionen des Menschen verstärkt werde. Der Bericht von 2007 aber gab die Verantwortung eindeutig dem Menschen - und sorgte so weltweit für Schlagzeilen.

Der Report basiert auf Hunderten Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. Am letzten Bericht des IPCC haben 2500 Experten sechs Jahre lang gearbeitet.

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