Abschluss der Uno-Naturschutzkonferenz Die Natur stirbt - und die Welt schaut weg

Der Planet befinde sich in einem "desaströsen Zustand", stellte das Plenum der Weltnaturschutzkonferenz fest. Obwohl es um den Schutz der Lebensgrundlagen ging, bekam der zweiwöchige Gipfel von 196 Staaten kaum Aufmerksamkeit.

Atempause: Eine Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas) vor Sri Lanka.
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Atempause: Eine Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas) vor Sri Lanka.

Von Christian Schwägerl


Im Zentrum der Weltnaturschutzkonferenz im ägyptischen Scharm al-Scheich standen brennende Regenwälder, absterbende Korallenriffe und der Schutz von Feuchtgebieten, die bei Dürren und Hitzewellen besonders wichtig sind. Doch viel Aufmerksamkeit haben die Unterhändler von 196 Staaten, die in den vergangenen zwei Wochen in einem abgeschirmten Konferenzzentrum in dem Urlaubsort auf der Sinai-Halbinsel getagt haben, dafür nicht bekommen.

Während bei Wirtschafts- und auch Klimagipfeln prominente Politiker teilnehmen und die Weltmedien live berichten, fand der 14. Weltnaturschutzgipfel fast ohne Öffentlichkeit statt.

Christiane Paulus, Unterabteilungsleiterin im Bundesumweltministerium und deutsche Verhandlungsführerin in Scharm al-Scheich, warnt: Wenn es beim globalen Naturschutz Fortschritte geben solle, "müsste das Thema endlich mal in der Weltpolitik ernst genommen und nicht mehr als Nischenthema behandelt werden". In reichen westlichen Staaten werde Naturschutz vielfach noch immer als Luxus betrachtet, auf den man zur Not auch teilweise verzichten könne. In Entwicklungsländern wirke sich die weitere Gefährdung von Böden, Gewässern und Lebensräumen aber schon jetzt oft existenzbedrohend aus, sagt Paulus.

Die Natur befindet sich in "desaströsem Zustand"

Das Hauptergebnis der Konferenz ist ernüchternd: Die zwanzig großen Naturschutzziele für das Jahr 2020, auf die sich die Vertragsstaaten der Uno-Konvention über Biologische Vielfalt 2010 im japanischen Nagoya geeinigt haben, sind nicht mehr zu erreichen. Es habe zwar in einzelnen Bereichen Erfolge gegeben, etwa beim Ziel, bis 2020 rund 17 Prozent der Landfläche und Binnengewässer als Schutzgebiete auszuweisen, sagt Paulus.

Aber bei anderen Zielen, etwa dem Abbau umweltschädlicher Subventionen, sei die Entwicklung nicht ausreichend. Außerdem gebe es beispielsweise bei der Umweltverschmutzung mit Nitraten aus der Landwirtschaft teilweise sogar Rückschritte. "Das Plenum der Weltnaturschutzkonferenz hat festgestellt, dass sich die Natur global in einem desaströsen Zustand befindet und dringend zusätzliche Anstrengungen nötig sind", sagt Paulus.

Auch für das gefühlte Ökomusterland Deutschland gibt es Kritik. So zähle die Bundesrepublik etwa bei den umweltschädlichen Subventionen nach Einschätzung von Umweltverbänden zu den Sündern, kritisiert Konstantin Kreiser, der für den Naturschutzbund (Nabu) an der Konferenz in Ägypten teilnahm. Die Uno-Ziele besagten eindeutig, dass auch Agrarsubventionen dem Naturschutz dienen müstsen. Doch tatsächlich werde das Gegenteil praktiziert, Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) weigere sich vehement, die Agrarsubventionen der EU so umzugestalten, dass Bauern stärker dafür belohnt werden, Blühstreifen anzulegen, Hecken zu erhalten oder auf Pestizide zu verzichten.

Dass immer mehr Staaten den Multilateralismus kritisch sehen, wurde auch in Scharm al-Scheich zum Problem. So stoßen Pläne für größere internationale Meeresschutzgebiete zunehmend auf Widerstand, weil etwa China, Russland, Mexiko und Brasilien sich nicht in ihre staatliche Hoheitsgewalt hineinreden lassen wollen.

"Hier Fortschritte zu erzielen, ist hartes Brot, denn Meere und die marine biologische Vielfalt kennen keine Grenzen und ihr Schutz wird nur mit internationaler Zusammenarbeit gelingen", sagt Paulus. Trotz der großen Konflikte sei es aber gelungen, Gebiete in der Ostsee, im Schwarzen Meer und im Kaspischen Meer als bedeutsam für die biologische Vielfalt zu deklarieren, was eine Vorstufe zu neuen Meeresschutzgebieten darstellen könne. Das sei ein Erfolg.

Hoffen auf den 'Paris-Moment' beim Naturschutz

Unklar ist, wie es mit dem globalen Naturschutz weitergeht, wenn 2020 die von den Staaten selbst gesteckte Frist für die großen Ziele ausläuft. Darüber soll 2020 die Weltnaturschutzkonferenz in Peking entscheiden. In Scharm al-Scheich galt aber schon die Gründung einer Arbeitsgruppe dazu als Fortschritt. In der Sache herrscht dagegen Uneinigkeit.

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So zeichnet sich offenbar ab, dass China beim Naturschutz auf einen ähnlichen Mechanismus setzt wie bei den Weltklimazielen und alle Verabredungen in eine zentrale Zahl münden lassen will. Das könnte zum Beispiel die Vorgabe sein, die Hälfte der Erde als Schutzgebiete auszuweisen und dort neue Regeln für den Umgang mit der Natur aufzustellen, wie es bei einem chinesischen Workshop in Scharm al-Scheich hieß.

Der Umweltminister von Costa Rica schlug dagegen vor, in den kommenden Monaten erst einmal den Finanzbedarf zu ermitteln, damit Entwicklungsländer effizienten Naturschutz betreiben können. Wieder andere möchten die bestehenden zwanzig Ziele in wenigen klaren Vorgaben bündeln. Deutschland und die EU haben noch keine eigenen Vorschläge eingebracht. "Alle hoffen darauf, dass das Thema in den nächsten zwei Jahren so stark an Bedeutung gewinnt, dass Peking zu einem 'Paris-Moment' für die Biodiversität wird", ähnlich wie beim Weltklimavertrag, sagt Nabu-Vertreter Kreiser.

Beteiligung an Profiten gefordert

Doch die Bemühungen könnten noch an einem ganz anderen Thema scheitern: Bei der Konferenz in Ägypten haben die Entwicklungsländer ein brisantes Junktim verkündet. Einer Uno-Lösung für die Zeit nach 2020 wollen sie nur zustimmen, wenn darin klar geregelt ist, dass ärmere Staaten an den Einnahmen mitverdienen, die Wissenschaftler und Firmen mit Gensequenzen und neuen gentechnischen Verfahren aus Tieren und Pflanzen erzielen. Wenn also ein Pharmakonzern aus einer äthiopischen Pflanze Wissen gewinnt, das bei der Produktion eines Krebsheilmittels eingesetzt wird, soll Äthiopien mitverdienen. Dafür gibt es zwar schon Regeln, die reichen den betreffenden 127 Ländern aber nicht aus.

Auf Deutschland komme eine besonders große Verantwortung für den Naturschutz zu, sagt Christiane Paulus vom Bundesumweltministerium. "Während der Peking-Konferenz 2020 werden wir nämlich die EU-Ratspräsidentschaft innehaben."

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kepplerd 30.11.2018
1. Der Planet geht den Bach runter
aber den Regierungen (besonders der deutschen) ist es ja wichtiger die Wirtschaft zu schützen. Abgasskandal? Keine Strafe für die Hersteller, Kohleausstieg? Immer langsam, man darf ja keine Arbeitsplätze gefährden. Lieber treibt man den Atomausstieg vorran, da man mit diesem Wählerstimmen aquirieren kann. Das die Chance eines GAUs in Deutschland quasi 0 ist und außerhalb der Brennstäbe keine große Umweltbelastung anfällt, wird da gerne ignoriert. Zumindest als Übergangsenergiegewinner wäre Atom wesentlich umweltfreundlicher als Kohle. Leider sehe ich nicht, dass sich die Politik mit den unsäglichen Lobyisten ändern wird. Wahrscheinlich müssen Klimawandel und Umweltverschmutzung erst so stark werden, dass dies auch die Wirtschaftsziele besagter Großkonzerne gefährdet, bis endlich ernsthaft eingegriffen wird. Leider wird es dann wohl zu spät sein um noch groß Einfluss zu nehmen. Momentan sind alle großen Umwelt-und Klimagipfel leider ein schlechter Witz: schön die eigenen Bemühungen preisen und dann Abkommen abschließen, die gut aussehen aber nicht das Papier wert sind auf dem sie stehen. Despoten wie Trump, die den Klimawandel für eine Legende halten, sind nur die Kirsche auf der Torte des Schreckens. So geht die Welt zugrunde und alle sehen zu.
thapa3 30.11.2018
2. Ökomusterland Deutschland?
Soll das ein Witz sein? In Deutschland stehen weniger als 4% der Fläche unter Naturschutz (Quelle: BfN), also nur ein Viertel der geforderten Fläche. Und selbst 15% wären bei weitem nicht genug um die biologische Vielfalt zu schützen. Realistischer wäre da eher 30% oder mehr. Selbst die Naturschutzgebiete sind ja alles andere als unberührte Natur -- da muss ja nur Ackerland drum rum sein und schon fliegen Pestizide durch die Luft und Nitrate ins Grundwasser. Allerdings sind wir bei der Flächenversiegelung TOP: mehr als 12% der Gesamtfläche Deutschlands sind mittlerweile "Siedlungs- und Verkehrsfläche", und damit weitgehend versiegelt.
quatermain4000 30.11.2018
3. Und die Welt schaut weg?
Alle fuer gleichermassen schuldig zu erklaeren zu wollen, wie in dem Artikel suggeriert, entschuldigt nur die Schuldigen. Vor dem Hintergrund der Piketty Studien ueber weltweite Ungleichheit, finanziell, wirtschaftlich und politisch, dann sind es vielleicht gerade mal 50.000 Entscheidungstraeger weltweit die die wirtschaftspolitische Entwicklung, und damit die Umweltpolitik lenken. Die umweltzerstoererische Wirtschaftspolitik, bei gleichzeitiger Renaissance des Faschismus und dem Wiederentstehen einer staendig wachsenden Oligarchenschicht haengen ursaechlich zusammen. Und dieser Zusammenhang zeigt sich nicht nur darin wie wirtschafts- sozial und -umweltpolitische Prioritaten und Gesetzgebungen gesetzt werden, sondern auch in der Art und Weise wann und wie ueber darueber berichtet wird. So wird es in den Nachrichten systematisch vermieden das was als Massstab fuer wirtschaftschaftspolitischen Erfolg gilt und in Zusammenhang mit der oekologischen Katastrophe zu setzen. So als haette das Eine mit dem Anderen nichts zu tun. Und damit schafft man den Mythos der schicksalhaften Unausweichlichkeit des menschlichen Versagens, anstatt die Entscheidungen und die Entscheidungstraeger zu hinterfragen und zur politischen und juristischen Verantwortung zu ziehen.
spon_2999637 30.11.2018
4.
Zitat von kepplerdaber den Regierungen (besonders der deutschen) ist es ja wichtiger die Wirtschaft zu schützen. Abgasskandal? Keine Strafe für die Hersteller, Kohleausstieg? Immer langsam, man darf ja keine Arbeitsplätze gefährden. Lieber treibt man den Atomausstieg vorran, da man mit diesem Wählerstimmen aquirieren kann. Das die Chance eines GAUs in Deutschland quasi 0 ist und außerhalb der Brennstäbe keine große Umweltbelastung anfällt, wird da gerne ignoriert. Zumindest als Übergangsenergiegewinner wäre Atom wesentlich umweltfreundlicher als Kohle. Leider sehe ich nicht, dass sich die Politik mit den unsäglichen Lobyisten ändern wird. Wahrscheinlich müssen Klimawandel und Umweltverschmutzung erst so stark werden, dass dies auch die Wirtschaftsziele besagter Großkonzerne gefährdet, bis endlich ernsthaft eingegriffen wird. Leider wird es dann wohl zu spät sein um noch groß Einfluss zu nehmen. Momentan sind alle großen Umwelt-und Klimagipfel leider ein schlechter Witz: schön die eigenen Bemühungen preisen und dann Abkommen abschließen, die gut aussehen aber nicht das Papier wert sind auf dem sie stehen. Despoten wie Trump, die den Klimawandel für eine Legende halten, sind nur die Kirsche auf der Torte des Schreckens. So geht die Welt zugrunde und alle sehen zu.
Ähm - der Atomausstieg ist nun nicht gerade "Wirtschaftsförderung", da laufen ja wohl auch noch Klagen von Eon&Co. Und nicht zu vergessen: Damit werden Arbeitsplätze geschaffen - die KKW müssen schließlich in den nächsten 50-100 Jahren demontiert, zerlegt, zwischen- und endgelagert werden. Das ist aufwändiger und teurer als der gesamte Bau und Betrieb der Anlagen! "Strahlenmüllentsorgungsberater" - schöne Umschulung für Braunkohletagebaukumpel....
norgejenta 30.11.2018
5. Die Hälfte der Erde
als Schutzgebiete? Das ist sportlich.. Im übrigen denke ich können wir uns sämtliche Konferenzen sparen, wenn nicht endlich einmal das Grundübel all dieser Zerstörung angepackt wird. Die Überbevölkerung dieses Planten. Konrad Lorenz hat das schon in seinem bekannten Buch "Die Totsünden der Menschheit" beschrieben. Solange dieses Problem nicht einmal angesprochen wird, geschweige den versucht wird es zu lösen, können wir uns den Rest sparen, siehe Mülleinsammeln, weniger Autofahren, keine Flüge und so weiter. Da ist unser "Abgasskandal" so was von unwichtig... Die Musik spielt in China, Indien, Nigeria, Philippinen, Brasilien..
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