Unterirdische Seen Forscher suchen unbekanntes Leben in der Antarktis

Der ewige Eispanzer der Antarktis beherbergt eine verborgene Welt: Einzigartige Lebensformen könnten sich in Hunderten unterirdischen Seen tummeln. Britische Forscher sind jetzt aufgebrochen, um den Lake Ellsworth anzubohren. Doch die Expedition bekommt Konkurrenz.

Von Cinthia Briseño

dapd

Es sind, sofern man das so nennen möchte, die ersten warmen Tage: In der Antarktis neigt sich der Polarwinter dem Ende, die Sonnenstrahlen schaffen es wieder über den Horizont. Der Jahreswechsel haucht dem Südpol nicht nur Leben ein - auch für Forscher beginnt wieder die Zeit der großen Expeditionen. Und so macht sich dieser Tage auch ein Team des British Antarctic Survey (BAS) auf den Weg zum ewigen Eis des Südpols.

Das Ziel der Forscher ist ein geheimnisvoller Ort, an den Menschen bisher noch nicht vorgedrungen sind: Tief unter dem Eispanzer der Antarktis liegt eine verborgene Welt aus unterirdischen Seen. Einer von ihnen ist Lake Ellsworth, ein Wasserreservoir, das sich gut drei Kilometer unter dem Westantarktischen Eisschild (West Antarctic Ice Sheet, WAIS) befindet, und nun von den britischen Forschern untersucht werden soll. Etwa zehn Kilometer ist der See lang, zwei bis drei Kilometer ist er breit.

Dort hoffen die Wissenschaftler auf die große Sensation: Mit einer Heißwasserbohrung wollen sie zum See vordringen, Proben entnehmen - und bisher unbekannte Lebensformen entdecken. Mysteriöse Organismen, die der Dunkelheit und der Kälte trotzen, Lebensformen, die möglicherweise vor Jahrmillionen entstanden sind. Damals wanderte die Antarktis immer weiter gen Süden, seither wächst der Eisschild und schneidet alles, was unter ihm lebt, vom Rest der Welt ab.

Unterirdisches Geflecht aus Wasserreservoirs

Knapp 400 dieser sogenannten subglazialen Seen kennt man inzwischen. In den siebziger Jahren hatte man bei der Auswertung von Radarmessungen die ersten von ihnen entdeckt. Seither kommen immer wieder neue unterirdische Seen dazu. Es ist ein ganzes Geflecht aus Wasserreservoirs, mitunter haben die Seen eine beeindruckende Größe und ziehen sich über Dutzende Kilometer durch die Tiefen der Antarktis.

Doch welche Geheimnisse sich in diesem unbekannten Lebensraum tatsächlich verbergen, ist bisher reine Spekulation. Es bleibt viel Raum für Phantasien. "Wir wissen wirklich nicht, was wir dort zu erwarten haben", sagte Martin Siegert von der University of Edinburgh und einer der Leiter der britischen Expedition dem "Guardian". Möglicherweise tummeln sich dort unzählige bisher unbekannte Mikroben und andere Lebewesen, vielleicht sind es aber doch nur wenige - Siegert und seine Leute können nur raten.

Seit vielen Jahren untersucht Siegert die antarktischen Seen. Er und sein Team sind aber nicht die einzigen: Erst vor Kurzem mussten russische Polarforscher ihre Expedition vorerst ergebnislos unterbrechen. Sie haben sich einen anderen subglazialen See ausgesucht, den riesigen Wostok-See unter dem Ostantarktischen Eisschild (OAIS): 240 Kilometer lang, 50 Kilometer breit und an manchen Stellen mehrere hundert Meter tief. Weil der Polarwinter in der Antarktis eingekehrt war, reisten die Forscher ab. Im Gepäck hatten sie aber immerhin bereits etliche Proben. 3700 Meter tief waren die Wissenschaftler unter die Eisdecke vorgedrungen, im nächsten Jahr wollen sie endgültig zum See vordringen; viele Meter fehlen ihnen nicht mehr.

Hightech-Bohrung mit Heißwasser

So weit sind die Polarforscher des BAS allerdings noch nicht - und das, obwohl die Planungen für die Expedition nach eigenen Angaben seit gut 15 Jahren laufen. Allerdings sind Bohrungen dieser Art bisher keine Selbstverständlichkeit gewesen, erst neuere technische Errungenschaften machen eine solche Bohrung überhaupt möglich. Sobald die Wissenschaftler ihre Reise zum Lake Ellsworth hinter sich haben, werden sie zunächst mit den Vorbereitungen für die Bohrung beginnen. Im Oktober 2012 wollen sie dann erneut mit einem weiteren Team aus zehn Wissenschaftlern und Ingenieuren die diffizile Aufgabe lösen und durch ein drei Kilometer langes Bohrloch zum See vordringen.

Vor allem in den Sedimentproben aus dem Grund des Sees hoffen die Forscher, auf einzigartige Mikroben zu stoßen. "Aber es ist auch möglich, dass Viren oder andere komplexe Lebensformen dort existieren", sagt Siegert. An die Existenz von vielzelligen Organismen glauben die Forscher jedoch nicht.

Doch selbst wenn die Forscher keine unbekannten Lebensformen finden, ihre Analysen, so glauben sie, könnten von großer Bedeutung sein. "Sollten wir nichts finden, wäre das sogar noch bedeutender", sagt David Pearce, Mitkoordinator der BAS-Expedition. "So könnte man Grenzen definieren, ab denen ein Leben auf diesem Planeten nicht mehr möglich ist." Auch das Alter des Sees kennen die Forscher nicht. Laut Siegert könnte er 100.000, 400.000 oder sogar eine Million Jahre alt sein - oder noch älter.

Die Forscher reisen mit schwerem Gepäck: 70 Tonnen Ausrüstung werden sie an die Station an Lake Ellsworth transportieren, sieben Millionen britische Pfund hat die Regierung in das Projekt gesteckt. Sämtliche Probenbehälter wurden vorher penibel gereinigt und in britischen Laboren steril verpackt. Erst kurz vor dem Verschwinden in die Tiefen des Bohrlochs werden die Verpackungen geöffnet. Verunreinigungen etwa mit Mikroben aus der Oberfläche wären für das Projekt fatal.

Das Zeitfenster, das die Forscher nächstes Jahr für ihre Bohrungen haben werden, ist nur von kurzer Dauer: Nur vier Tage lang werden die Polarforscher vor Ort sein, und dann muss alles schnell gehen. Allein die Entnahme der Proben kann nur 24 Stunden lang dauern, bevor das heiße Wasser, dass für die Bohrung genutzt wird, wieder einfriert.

Und dann wird es nochmals gut ein Jahr dauern, bis Lake Ellsworth seine Geheimnisse endgültig preisgibt. Denn auch die Analyse der fragilen Proben wird ihre Zeit brauchen. Möglicherweise hat aber dann die russische Expedition dem Wostok-See bereits sein tiefes Geheimnis entlockt.

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insgesamt 21 Beiträge
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Koltschak 16.10.2011
1. Na? Endlich Neuschwabenland entdeckt?!!!
Es ist schön, dass die Forscher doch noch Neuland und unbekanntes Leben entdecken können. Viel Glück!
Gandhi, 16.10.2011
2. Subglazial und unterirdisch
Zitat von sysopDer ewige Eispanzer der Antarktis beherbergt eine verborgene Welt: Einzigartige Lebensformen könnten sich in Hunderten unterirdischen Seen tummeln. Britische Forscher sind jetzt aufgebrochen, um den Lake Ellsworth anzubohren. Doch die Expedition*bekommt Konkurrenz. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,792050,00.html
sind wohl kaum das Gleiche. Oder wird der Schreiber in Zukunft bei im Winter von Eis bedeckten Seen von temporaer unterirdischen Seen sprechen? Der Spiegel, quo vadis?
moepple 16.10.2011
3. Muss das sein?
Manchmal, wenn auch selten, frage ich mich ob man alles machen muss nur weil man es kann. Diese Bohrungen haben doch das Potential genau diese Biotope zu zerstören.... Einmal mehr lese ich eine solche Nachricht mit gemischten Gefühlen.
staatsfeind_datacrash 16.10.2011
4. Oh, oh, da wäre...
Zitat von KoltschakEs ist schön, dass die Forscher doch noch Neuland und unbekanntes Leben entdecken können. Viel Glück!
... ich lieber vorsichtig. Wer weiß, was da unten seit Urzeiten ruht und nun freigelassen wird. Das kann unabsehbare Folgen für das Leben auf unserem Planeten haben. Mein gut gemeinter Rat: Finger davon lassen! Unbedingt!
zeitmax 16.10.2011
5. das große Problem:
Wie will man konkret und 100%ig eine Verseuchung diess wissenschaftlich wertvollen Tiefwasserreservoirs mit unseren heutigen Mikroben verhindern?
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