Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Unterschätzte Gefahr: Kettenreaktion könnte Tausende Arten auslöschen

Mehr als 6000 Tier- und Pflanzenarten droht die Ausrottung - obwohl sie noch gar nicht auf der Roten Liste stehen. Doch sie sind, wie Biologen jetzt herausgefunden haben, im Alltag auf andere Tiere angewiesen. Und deren Ende scheint sich abzuzeichnen.

Kolibri auf Nektarsuche: Bedrohtes Milbentaxi
AP

Kolibri auf Nektarsuche: Bedrohtes Milbentaxi

Schon jetzt ist die Liste der bedrohten Arten lang. Mehr als 17.000 Tier- und Pflanzenarten sind darauf verzeichnet. Doch die Gefahr ist noch deutlich größer, wie ein internationales Forscherteam nun im Fachmagazin "Science" schreibt. Demnach hängt von den bereits als bedroht eingestuften Tieren und Pflanzen die Existenz von rund 6300 weiteren Arten ab. Ohne ihre Partner, Wirte oder Ernährer können auch sie nicht überleben.

Zum Beispiel Raubmilben: Vertreter dieser Art ergötzen sich an tropischen Blüten, die auch Kolibris anlocken. Steckt ein Kolibri seinen Schnabel in die Blüte, nutzen die Milben blitzschnell die Gelegenheit. Sie sprinten an Bord und verstecken sich in den Nasenlöchern des Kolibris. Erst wenn der Vogel eine andere schmackhafte Blüte erreicht, steigen die Milben wieder aus.

Im Moment funktioniert das Leben als blinder Passagier noch gut. Doch sobald der Bestand an bevorzugten Blüten zurückgeht, leiden auch die Milben. Und fallen eines Tages gar die als Flugtaxi benutzten Kolibris aus (derzeit stehen knapp ein Dutzend Kolibri-Arten auf der Roten Liste), wäre auch mit den Milben schnell Schluss.

Zwischen Feigenbäumen und Wespen

Mehr als 6000 weitere Abhängigkeiten haben Lian Pin Koh von der National University in Singapur und Kollegen entdeckt - darunter Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Käfern, Vögeln und Läusen, Primaten und Würmern, Feigenbäumen und Wespen. "Zieht man auch diese möglichen Ausrottungen in Betracht, müssen die aktuellen Schätzungen zum Artensterben neu kalkuliert werden", sagt Koh.

Dabei ist die Kettenreaktion nicht unvermeidlich: Mitunter würde es, so die Forscher, schon reichen, die heute als gefährdet aufgelisteten Arten besser zu schützen. Bei Tieren und Pflanzen, die von mehreren bedrohten Arten abhängig sind, steigt das Risiko von Folgeschäden dagegen stark an.

In einigen Fällen dürfte es für die abhängigen Arten sogar schon zu spät sein. Koh und Kollegen schätzen, dass bereits mehr als 200 Tier- und Pflanzenarten dem Weg ihres zuvor ausgerotteten Wirts gefolgt sind. "Diese Kettenreaktion ist vielleicht nicht die wichtigste Ursache des Artensterbens", berichtet Koh in "Science", "aber sicher eine der heimtückischsten."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: