Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Unterwassermission: Per Tauchkäfig zum Weißen Hai

Von Linus Geschke

Nur Metallstangen trennten sie von ihren Studienobjekten: Wissenschaftler haben in einem eigens konstruierten U-Boot das Verhalten Weißer Haie vor Südafrika erforscht. Meist zeigten sich die gefürchteten Räuber erstaunlich sanft - bis sie Futter im Wasser witterten.

Er ist einer der wenigen, die mit Weißen Haien schnorcheln, und er war der erste bekannte Forscher, der die Tiere berührte: Der Südafrikaner Andre Hartman zählt zu den renommiertesten Weißhai-Experten weltweit. Gemeinsam mit Gerhard Wegner, dem Präsidenten der Haischutzorganisation Sharkproject, entwickelt er 2005 einen irrwitzig klingenden Plan: Man müsste ein Zweimann-U-Boot bauen, einen schwimmenden Käfig, mit dem sich Weiße Haie noch deutlich besser erkunden lassen. Dieses U-Boot sollte dann im südafrikanischen Gaansbai stationiert und auch von anderen Wissenschaftlern genutzt werden, um die vom Aussterben bedrohte Haiart genauer erforschen zu können.

Was tun Weiße Haie, sobald Futter im Wasser ist? Warum kommt es zu Angriffen auf Menschen? Und wo sind sie, die von vielen Wissenschaftlern vermuteten Gebiete, in denen Jungtiere geballt vorkommen sollen? All diese Fragen wollten die Tierschützer von Sharkproject beantworten.

Zu Wegner und Hartman gesellte sich kurze Zeit später noch Peter Arnold, Inhaber einer Ludwigsburger Maschinenbaufirma und Förderer von Sharkproject, der sich bereit erklärte, mit seiner Belegschaft in Feierabendarbeit das U-Boot zu bauen - ohne bislang die geringsten Erfahrungen auf diesem Gebiet zu haben. "Wir kamen uns manchmal vor, als wenn wir den Mount Everest besteigen wollten, ohne den Weg zu kennen", erzählt er.

Shark observation vehicle - kurz Sovi - wurde das U-Boot getauft, das eine Art Unterwasser-Cabrio darstellt. Wer damit fahren will, braucht Taucherausrüstung - eine Druckkabine fehlt. Der erste Einsatz brachte bereits den ersehnten Kontakt mit Weißen Haien. In diesem und folgenden Tauchgängen beobachteten die Experten, wie extrem sich das Verhalten der Tiere ändert, sobald sich Futter im Wasser befindet. "Wenn wir normalerweise einem Weißen Hai begegneten, war dieser zwar neugierig, aber auch sehr vorsichtig. Angriffe gab es keine, nur in sehr seltenen Fällen berührte ein Hai mal unser Boot", berichtet Hartman.

Einsatz im Köderstrom

Das Verhalten der Tiere änderte sich jedoch schlagartig, sobald das U-Boot im Köderstrom tauchte, mit dem die Weißen Haie angelockt wurden. "Sovi wurde gestreift, angestoßen und sogar gebissen", berichtet Andre Hartman. "Sobald das Futter aus dem Wasser war, kehrten die Haie nach wenigen Minuten zur vorsichtigen Neugierde zurück."

Eine Beobachtung, die auch der Schweizer Wissenschaftler Michael Scholl in den seichten Gewässern der Shark Bay machte: "Die Vorstellung vom Weißen Hai als ständig attackierender Fressmaschine ist grundsätzlich falsch. An den Stränden entlang der Shark Bay haben wir bis zu 30 Tiere erfasst, die von Lockködern offenbar nicht angezogen wurden. Auch schienen sie sich nicht für ihre natürlichen Beutetiere wie Rochen oder Robben zu interessieren." Scholl vermutet, dass sich die Haie in den sauerstoffreichen Gewässern von der Paarung erholen.

Weiße Haie gehören mit durchschnittlich drei bis vier Metern und einer Maximallänge von bis zu acht Metern zu den größten, noch lebenden Haiarten. Trotz aller bisherigen Forschungsbemühungen bleiben sie für die Wissenschaft ein Mysterium: Man vermutet den Einsatz der Geschlechtsreife bei Weibchen, je nach Größe, erst zwischen dem zwölften und 20. Lebensjahr. Die Tragezeit wird auf rund ein Jahr geschätzt, die Geburtenrate liegt zwischen zwei und 17 Tieren. Ob in Südafrika oder vor Australien und Kalifornien: Weder eine Paarung noch die Geburt eines Großen Weißen sind bislang beobachtet worden.

Der Surfer als Robbenersatz?

Auch das weit verbreitete Vorurteil, demzufolge Weiße Haie oftmals Surfer mit Robben verwechseln, hielt einer Überprüfung nicht stand. Das Team arbeitete hierfür mit Silhouetten, sogenannten Decoys, die in den unterschiedlichsten Formen ins Wasser gelassen worden: rund, dreieckig, quadratisch sowie in Robbenform.

Und auch hierbei bestätigten sich die vorherigen Erkenntnisse: Sobald gleichzeitig Futter im Wasser war, war jeder treibende Gegenstand für die Räuber interessant und wurde mit einem Testbiss ausprobiert. Im Gegensatz zu dem Jagdbiss, der mit großer Wucht und Geschwindigkeit durchgeführt wird, ist der Test- oder Gaumenbiss ein vorsichtiger, mit dem das Objekt vorab auf Fressbarkeit getestet wird. Wenn keine Lockstoffe im Wasser waren, sank das Interesse der Weißen Haie an den Decoys auf null - ganz unabhängig von deren Größe oder Form.

Eine Frage beschäftigte die Haiforscher, unter ihnen auch Experten der südafrikanischen Naturschutzbehörde, ganz besonders: Gibt es einen Kreißsaal der Weißen Haie, also Gebiete, in denen Jungtiere geballt vorkommen?

Die Kinderstube des Großen Weißen

Wie so oft lieferte ein Fischer den entscheidenden Hinweis: Er hatte versehentlich einen frisch geschlüpften Weißen Hai in der Nähe von Port Elisabeth gefangen. Mit einem Helikopter wurde das betreffende Gebiet abgesucht und in geringer Höhe überflogen. Der Anblick verschlug den Experten fast den Atem: Unweit eines öffentlichen Badestrandes lokalisierten sie auf drei Kilometern Küstenlinie rund 85 Jungtiere, allesamt zwischen 1,3 und 1,6 Meter groß. Weiße Haie haben bei der Geburt eine Länge von rund 1,3 Metern, und das Team wusste sofort, was das zu bedeuten hatte: Sie hatten eine der Kinderstuben von Weißen Haien entdeckt!

Oftmals konnten sie hier mehrere kleine Haie ausmachen, die unaufgeregt ihre Bahnen in unmittelbarer Nähe zu Schwimmern und Surfern zogen - ohne dass diese die Haie auch nur bemerkten. Doch was tun mit der Entdeckung? Die Naturschutzbehörde bat die Forscher, die genaue Stelle vorerst geheim zu halten. "Auf der anderen Seite wurden wir von Wissenschaftlern bestürmt, die uns in Anrufen oder E-Mails dringend um Fotos und Berichte baten", berichtet Wegner. Er hielt sein der Behörde gegebenes Versprechen und schwieg: Bis heute ist nicht veröffentlicht, wo sich die "Social Areas" genau befinden.

387 Tage war SOVI im Einsatz, 225 Tauchfahrten wurden absolviert, 420 Stunden Videomaterial gedreht, 2300 Fotos geschossen, ein Buch über das Projekt entstand ("12 Monate unter Weißen Haien"). Die Forscher fanden Antworten auf viele Fragen. Die wichtigste jedoch, gedruckt im Klappentext des Buches, konnte auch diese Expedition nicht beantworten: "Wollen wir tatsächlich die letzte Generation sein, die Gelegenheit hat, diese Tiere live zu erleben?"

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Weiße Haie: Der sanfte Testbiss der gefürchteten Jäger


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: