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Unwetter in Deutschland: Im Juli haben Tornados Hochsaison

Von Volker Mrasek

Am 23. Juni zerpflückte ein gewaltiger Wolkenschlauch den Ort Micheln in Sachsen-Anhalt. Inzwischen ist klar, Deutschland erlebte an dem Tag multiple Tornados. Nicht zum ersten Mal: Schon seit Jahrhunderten fegen die gefährlichen Windhosen vor allem im Juli über Deutschland.

Windhose über Micheln: 275 Gebäude beschädigt
REUTERS

Windhose über Micheln: 275 Gebäude beschädigt

Unwetterexperten haben bereits Schadensprotokolle aufgenommen und Augenzeugen befragt. Demnach haben starke Gewitter am 23. Juni mehrfach Tornados in Nord- und Ostdeutschland hervorgebracht. "Es gibt sechs Verdachtsfälle, von denen drei wohl als gesichert angesehen werden können", bilanziert Martin Hubrig aus Melle bei Osnabrück vorläufig. Der Forstwissenschaftler ist ehrenamtlich als Unwetterforscher im Einsatz, unter anderem für den Verein "Skywarn" und das "Kompetenzzentrum für lokale Unwetter in Deutschland" ("TorDACH").

Nach dem jetzigen Stand traten Tornados an jenem Mittwoch auch am Küstenstrich der Nordsee auf: im schleswig-holsteinischen Marne bei Brunsbüttel und auf Borkum. Der Wirbelsturm in Marne deckte das Dach einer Realschule ab. Bei dem von Borkum handelte es sich offenbar um eine auf See entstandene "Wasserhose", die sich - was ungewöhnlich ist - zum Landgang entschied. Geprüft werden auch noch zwei Fälle in der Nähe von Greetsiel (Ostfriesland) beziehungsweise Papenburg (Emsland). Hinweise auf Tornados im Raum Osnabrück haben sich laut Hubrig dagegen nicht bestätigt.

Die nachgereichte Tageschronik mag den Laien verblüffen. Leute vom Fach überrascht sie nicht. Die Region, der Zeitpunkt, ja selbst die Vielzahl der Ereignisse - all das fügt sich durchaus ins Bild der neuerdings intensivierten Forschung auf diesem Gebiet.

Ungezähmte Naturgewalten: Tornado im US-Bundesstaat Kansas im Mai 1999
AP

Ungezähmte Naturgewalten: Tornado im US-Bundesstaat Kansas im Mai 1999

"In Deutschland muss man im langjährigen Mittel mit etwa zehn stärkeren Tornados im Jahr rechnen", sagt Nikolai Dotzek vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) im bayerischen Oberpfaffenhofen. "Gerade über den flachen, gleichförmigen Gebieten der norddeutschen Tiefebene bilden sich recht viele Tornados aus", weiß der Meteorologe und Vater von "TorDACH". Da könne es an einem Tag "durchaus auch mal mehrere" geben. Und noch etwas verrät Deutschlands führender Tornado-Forscher: Wirbelstürme haben just in diesen Wochen Hochsaison. "Anfang Juli ist bei uns statistisch gesehen die höchste Zahl von Tornados zu erwarten", so Dotzek.

Hochsaison für Tornados

Der DLR-Forscher hält es für überfällig, mit einem selbst unter Meteorologen verbreiteten Mythos aufzuräumen: dass Tornados in den USA stets stark oder verheerend seien, in Europa aber immer nur schwach. Diese Einschätzung, ärgert sich Dotzek, sei "vollkommen falsch". Tatsächlich müsse in Deutschland alle fünf bis zehn Jahre mit einem schweren Wirbelsturm gerechnet werden. Und sogar verheerende Tornados träten auf, wenn auch sehr selten: im Mittel alle paar Jahrzehnte.

Die Heimsuchung Michelns hatte solch ein Format. Martin Hubrig war drei Tage nach dem Wüten des Sturmes vor Ort, um Schäden an Bauwerken und Bäumen zu inspizieren. Fehlt es wie fast immer an direkten Messungen der Windgeschwindigkeit, müssen sich die Experten behelfen: Um die Stärke eines Tornados zu ermitteln, bewerten sie im Nachhinein die entstandenen Schäden. In Micheln notierte Hubrig den "Einsturz zahlreicher Gebäude" wie auch "schwere Schäden an Massivbauten" - klassische Kriterien für eine Einstufung in die Kategorie "oberer F3-Bereich". Das bedeutet: Der sachsen-anhaltinische Wirbelsturm mit seiner bis zu 300 Meter breiten Zugbahn war "stark bis verheerend", die Windgeschwindigkeit dürfte bis zu 330 Kilometer pro Stunde betragen haben.

Frau fliegt 20 Meter bis in Scheune

Micheln nach dem Tornado: Völlig zerstörtes Wohnhaus
DDP

Micheln nach dem Tornado: Völlig zerstörtes Wohnhaus

Für Erdbeben gibt es die Richter-Skala, für Tornados die "Fujita-" oder "F-Skala". Auch sie beschreibt Intensitäten, und zwar von F0 (schwach) bis F5 (verheerend). Ein Sturm "im oberen F3-Bereich" wie der von Micheln zählt da schon zu den bedrohlichen Vertretern seiner Art. "Das Gefahrenpotenzial dieses Tornados war enorm", urteilt denn auch Martin Hubrig. Man dürfe es "schon als kleines Wunder ansehen, dass niemand getötet wurde". In seinem Tagesprotokoll berichtet der Inspektor von einem Ehepaar, das beim Joggen von dem Tornado erfasst wurde. Die Frau sei etwa 20 Meter weit in eine Scheune geschleudert worden, der Mann gegen eine Betonmauer. Beide hatten großes Glück und kamen mit Verletzungen davon.

Die Datenbank von "TorDACH" listet gegenwärtig fast 900 verlässliche Tornado-Meldungen aus deutschen Landen auf; die älteste stammt aus dem Jahr 855. Das Archivmaterial dokumentiert: Es gab Tornado-Tage, die waren noch weitaus schlimmer als der 23. Juni dieses Jahres.

Kühe wirbelten durch die Luft

Tornadoschäden im US-Staat Oklahoma (Mai 1999): 1000 Häuser beschädigt oder zerstört
AP

Tornadoschäden im US-Staat Oklahoma (Mai 1999): 1000 Häuser beschädigt oder zerstört

Zum Beispiel der 1. Juni 1927. Nach allem, was Dotzek und seine Kollegen bis heute an Quellen ausgewertet haben, produzierten schwere Gewitter damals gleich fünf F3- und F4-Tornados. Mit roher Naturgewalt und Tempo 300 bis 400 wirbelten die Stürme über niederländischem und norddeutschem Gebiet, zum Teil auf parallelen Zugbahnen. Im holländischen Grenzort Neede trugen sie Kühe und Schafe über Hunderte von Metern durch die Lüfte, in Lingen und Esche im Emsland ließen sie Bauernhöfe und Fachwerkgebäude wie Kartenhäuser zusammenstürzen.

Die Bilanz des Schreckenstages laut einer zeitgenössischen Chronik: 28 Tote und mehrere hundert Verletzte.

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