Katastrophenschäden Die Unwetterwarnung in Deutschland funktioniert nicht richtig

Starkregen hat Verwüstungen angerichtet, Menschen starben. Wie konnte das passieren? Der Deutsche Wetterdienst alarmiert zwar Behörden bei akuter Gefahr - aber nicht die Bürger.

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Alle wussten Bescheid: Behörden, Feuerwehr und Polizei. Auch Bürger hätten vor den Unwettern gewarnt sein können, schließlich hatten Wetterdienste Starkregen, Überflutungen und Gewittern vorhergesagt.

Doch es kam wie immer bei solchen Wetterlagen: Die Betroffenen wurden von der Wucht des Wassers überrascht.

Bereits am Sonntag waren Orte in Süddeutschland verwüstet worden, vier Menschen starben. Nun sind mindestens fünf weitere Tote zu beklagen, zudem mehrere Vermisste und Schäden von Zigmillionen Euro. Mittlerweile melden auch Orte in Nordrhein-Westfalen Land unter, etwa Sonsbeck und Xanten.

Das Problem ist offensichtlich: Eine allgemeine Unwetterwarnung führt nicht dazu, dass genügend Menschen die Lage ernst nehmen. Weil Wetterdienste große Gebiete warnen, bestehen eben stets gute Chancen, glimpflich davon zu kommen.

Der einzige Ausweg aus dem Dilemma wäre, gezielt kleine Regionen zu warnen. Doch es gibt zwei Probleme:

  • Vor Sturzfluten kann erst kurz vorher gewarnt werden, bestenfalls eine Stunde zuvor.
  • Kurzfristige Warnungen erreichen die meisten Bürger nicht.

"Die wären dafür da, aufzupassen"

"Man könnte mehr machen bei der Warnung vor Starkregen und Sturzfluten", sagt der Meteorologe Clemens Simmer von der Universität Bonn, der an Warnsystemen gearbeitet hat. "Wir sehen die Starkregengebiete zwar in den Daten, aber die Frage ist, wie lange es dauert, bis die Betroffenen davon erfahren."

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Unwetter in Deutschland: Verheerende Sturzfluten

Oft genug erfahren sie es nicht. Der Deutsche Wetterdienst DWD preist dennoch seine Informationspolitik: Seine Warnungen gingen an Medien, Katastrophenschutz, Feuerwehren und Behörden und übers Internet auch direkt an Bürger, teilt der DWD schlicht mit.

Smartphone-Apps zeigen bestenfalls, dass großflächig Gefahr droht - wo es Sturzfluten geben wird, können Laien nicht aus den groben Radarfilmen ablesen; Regenmengen lassen sich nur grob abschätzen.

Simmer ist skeptisch, dass die Informationsweitergabe funktioniert: "Meine Vermutung ist, dass der Weg von der Unwettererkennung durch den DWD zu den lokal Verantwortlichen optimiert werden kann", sagt er. Das Problem: Was nützt es akut von Sturzfluten bedrohten Bürgern, wenn nicht sie Bescheid wissen, dafür aber die Feuerwehr informiert ist, dass sie später abpumpen muss?

Der Meteorologe Jörg Kachelmann von "Kachelmannwetter" sieht öffentlich-rechtliches Fernsehen und Radio in der Pflicht: "Die wären dafür da, auf die Leute aufzupassen, die sie bezahlen", meint er.

Sirenen wurden abgebaut

Mit scharfen Worten kritisiert er erneut die Unwetterberichterstattung von ARD und seinen Regionalsendern: Anstatt ihr Programm umzustellen und vor unmittelbar bevorstehenden Starkregen zu warnen, verließen sich die Sender auf die allgemeine Wettervorhersage Stunden im Voraus. Wo aber Gewitterregen niedergeht, ist erst Minuten vorher klar.

Wie also gelangt eine akute Warnung in die betroffenen Ortschaften? Sirenen wurden weitgehend abgebaut. Der Zugang ins Internet ist bei Unwetter oft unmöglich.

Dass Wetterdienste ihre Daten direkt übers Internet an Bürger weitergeben sollten, hält Simmer ohnehin für problematisch: "Zwischen Messung und Bürger muss es eine kompetente Bewertungsstelle geben, um häufigen Fehlalarm zu vermeiden", sagt der Experte.

Möglich wäre, den Ernstfall für alle Ortschaften des Landes überhaupt mal durchzurechnen: Gefahrengebiete ließen sich bestimmen, indem Computermodelle simulierten, wie das Wasser abfließen würde. Ist ein Unwetter im Anmarsch, könnte die Gefahr dann genauer bestimmt werden, meint Simmer.

Gefährlicher Waldboden

Bislang passiert das Gegenteil: Gefahrengebiete werden im Nachhinein ermittelt - es sind die von Sturzfluten verwüsteten Regionen. Erst nach Katastrophen werden gewöhnlich Konsequenzen gezogen.

Vor Siedlungen werden an Bächen dann Auffangbecken ausgeboben, die im Notfall volllaufen. Neben Straßen sorgen sogenannte Versickerungsrohre dafür, dass Regenwasser schneller abläuft, und Abwasserkanäle werden vergrößert.

Beim Aufschütten eines Bodens wird seine Aufnahmefähigkeit für Wasser stärker beachtet: Durchlässiger Waldboden etwa kann überraschend gefährlich sein - Regenwasser läuft schnell zum Fluss.

Xanten im Rheinland hat nach Aussage seines Bürgermeisters Thomas Görtz derartige Vorkehrungen an vielen Stellen der Stadt getätigt - und wurde nun dennoch überschwemmt; zahlreiche Häuser und Straßen wurden von Sturzfluten zerstört. Auffangbecken, Kanäle, Rohre waren zu klein, um das Wasser abzuführen.

Ist das der Klimawandel?

"Wir haben ein Jahrzehnte altes Abwassersystem", sagt Görtz. Es komplett zu ersetzen, wäre nicht finanzierbar. Auch die süddeutschen Katastrophenorte Braunsbach und Schwäbisch-Gmünd, die am Sonntag von Sturzfluten verwüstet wurden, bekamen die Folgen alter Infrastruktur zu spüren: Dort barsten Berichten von Anwohnern zufolge Rohre und Kanäle; Gullideckel wurden einfach weggeschwemmt - sie waren nicht befestigt.

Den Klimawandel für die Katastrophen verantwortlich zu machen, wie es vielfach getan wird, erscheint zweifelhaft. Grundsätzliche Überlegungen lassen zwar vermuten, dass die Klimaerwärmung mehr Starkregen bringen wird: Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit halten, weshalb es häufiger heftig regnen könnte.

Doch bislang zeigen in Deutschland Tage mit Starkregen nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes keinen Trend in ihrer Häufigkeit.

Zudem dokumentieren statistische Berechnungen, dass Hochwasser in Mitteleuropa in den vergangenen 500 Jahren nicht häufiger geworden zu sein scheinen. Weil immer mehr Menschen an die Ufer zogen, stiegen aber die Schäden durch Hochwasser. Zieht man diesen Wertzuwachs-Effekt jedoch ab, zeigt sich Berechnungen zufolge keine ungewöhnliche Zunahme in den vergangenen vier Jahrzehnten.

Ursache der Fluten

Sturzfluten hat es immer gegeben, oft wurden Orte in Deutschland getroffen. Etwa 2007 in Nordrhein-Westfalen, als zwei Männer in ihren Kellern ertranken.

Ursache der Überschwemmungen sind warme Luftmassen mit viel Feuchtigkeit, die extrem langsam vorankommen - so fällt ihr Starkregen konzentriert auf eine kleine Fläche. In den vergangenen Tagen fiel mancherorts in wenigen Stunden der Niederschlag eines Vierteljahres.

Form und Art des Untergrunds entscheiden darüber, wie stark die Fluten anschwellen. Hat vorheriger Regen wie in den vergangenen Tagen den Boden bereits mit Wasser aufgefüllt, kann es nicht versickern. Besonders hoch steigt es in Tälern und Senken.

Die Wassermassen schwellen nicht gleichmäßig, sondern kaskadenartig binnen Minuten oder Sekunden: Denn von allen Seiten schwemmt Wasser herbei, es sammelt sich auf Straßen, in Senken und Rinnen - Sturzfluten entstehen.

Bereits ein Wasserstand von wenigen Zentimetern reißt in solchen Strömen Menschen von den Beinen. Gegen kniehohe Sturzfluten kommen auch Autos nicht mehr an. Senken werden zu Wasserfallen. Weggeschwemmte Gullideckel können tödliche Schächte freilegen.

Die wichtigsten Verhaltensregeln bei Sturzregen lauten daher:

  • Nach Gewittern niemals in Wasserlachen gehen oder fahren.
  • Nicht in einen Keller gehen, der mit Wasser vollläuft. Neben Fluten droht dort auch Stromschlag.
  • Nicht in Unterführungen, Tunneln oder Garagen Schutz suchen.
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insgesamt 111 Beiträge
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Seite 1
kroganer 02.06.2016
1. Ein Tipp
Seit dem Sturzregen im Münsterland vor 2 Jahren bin ich extrem vorsichtig geworden. Schon damals hatte ich die App "WetterOnline/Regenradar" ich konnte schon erahnen das der Regen heftig wird, wir waren aber 100 km von zuhause entfernt. Als wir angekommen sind, war das der totale Schock überall Feuerwehr und THW, aber die Welle hat 10 cm vor meinen Kellerfenster aufgehört. So viel Glück hatten meine Nachbarn nicht. Seit dem schau ich bei so einem Wetter alle 15 min auf die App und bereite mich vor wenn die dunklen Wolken aufziehen. Mein Mitgefühl den Betroffenen in ganz Deutschland!
bimmer 02.06.2016
2. Wie wäre es mit...
...SMS an alle betroffenen Bürger? Eine staatliche Stelle würde - gesetzlich geregelt - über alle Netzprovider entsprechende Nachrichten absetzen. Die Netzprovider werden gezwungen - gesetzlich geregelt - dies so auszuführen. Fertig.
mino211 02.06.2016
3. Keine Lösung?
In den USA wurde dieses Problem schon vor vier Jahren gelöst: das Wireless Emergency Alert System (WEA) kann in kürzester Zeit alle Personen in einem bestimmten begrenzten Gebiet über eine bevorstehende Notsituation informieren. Selbst wenn das Handy stumm geschaltet ist ertönt ein schrilles Signal und eine entsprechende Nachricht wird auf dem Handybildschirm angezeigt. Die FEMA kooperiert dabei mit der FCC (Telekommunikationsbehörde) und allen großen Mobilfunkanbietern. https://www.fema.gov/pdf/emergency/ipaws/cmas_factsheet.pdf
Knack5401 02.06.2016
4. Ja klar,
nicht die Naturgewalten beherrschen uns, sondern der Mensch beherrscht die Natur. Relativ kleinzellige Katastrophenereignisse wie in BW letztes Wochenende oder Rottal-Inn gestern lassen sich eben nicht im Detail voraussagen. Jeder Versuch führte dazu, dass die Menschen mehrmals im Jahr sich mit immensem Aufwand auf ein Ereignis vorbereiten, was dann nicht auftritt. Nun muss man die Warntätigkeit nicht als gottgegeben einstellen und so tun, als gäbe es keinen Optimierungsbedarf, aber hier werden uns doch durch die Natur klare Grenzen aufgezeigt. Die Schnelligkeit und Wucht der dramatischen Ereignisse waren keinesfalls in der gegebenen Intensität vorauszusagen. Vor allem nicht welche Region es genau treffen würde.
soisses007 02.06.2016
5. Internet + SMS - Bundeswehr???
Im K-Fall fällt meist der Strom aus. Dann funktioniert weder Mobilfunk noch Internet. Die ursprünglichen Sirenen sind absolut erforderlich. Lautsprecherdurchsagen der Polizei könnten die Bewohner vor Ort auch sehr gut informieren. Das Katastrophenmangement sollte endlich nicht von der Qualifikation des örtlichen Feuerwehrführers/Bürgermeisters/Landrat abhängen, sondern sollte Bundesweit einheitlich gemanaged werden. --- Wo ist eigentlich die Bundeswehr mit ihrer Manpower und Großgerät?
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