Verhört Echo des Urknalls könnte von Sternenstaub stammen

Doch keine Sensation? Im März meldeten Physiker, sie hätten in der kosmischen Hintergrundstrahlung Signale aus den ersten Sekundenbruchteilen nach dem Urknall entdeckt. Nun gibt es deutliche Zweifel.

DPA/ Steffen Richter

Von Thorsten Dambeck


Im vergangenen März sorgten US-Astrophysiker für beträchtliche Aufregung: Erstmals sei es gelungen die Spuren von Gravitationswellen zu messen, meldete ein Team um Harvard-Astronom John Kovac. Die Forscher stützten sich auf Messungen des am Südpol stationierten Radioteleskops Bicep 2 ("Background Imaging of Cosmic Extragalactic Polarization").

Kosmologen gehen davon aus, dass solche Wellen in einer extrem frühen Phase des Universums entstanden, nämlich unmittelbar nach dem Urknall. Damals soll das Universum einen heftigen Wachstumsschub durchgemacht habe: die kosmische Inflation.

Beide Grundpfeiler der heutigen Physik, sowohl die vor hundert Jahren von Albert Einstein postulierten Gravitationswellen als auch die Phase der Inflation selbst, sind lediglich theoretischer Natur. Und vor der spektakulären Verkündung im März fehlten experimentelle Beweise, dieses Manko schien zunächst mit einem Schlag behoben. Weit über Fachkreise hinaus faszinierte deshalb der Befund, sogar den Nobelpreis brachten Beobachter ins Spiel.

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"Planck"-Daten: Offene Fragen bleiben

Indirekte Methode

Womöglich vorschnell, denn die Begeisterung ist mittlerweile beträchtlich abgeebbt. Immer mehr Kritiker melden sich zu Wort, so auch Paul Steinhardt. In einem Kommentar für die aktuelle Ausgabe des Fachmagazins "Nature" lässt er kein gutes Haar an der Arbeit des Kovac-Teams. Steinhardt ist nicht irgendwer, sondern Direktor am Center for Theoretical Science an der Princeton University im US-Bundesstaat New Jersey. "Gravierende Fehler in der Analyse wurden mittlerweile gefunden, welche die (vermeintlich) sichere Entdeckung in eine Nicht-Entdeckung verwandeln", schreibt der Theoretiker, der im Jahr 2002 mit der angesehenen Dirac-Medaille geehrt wurde.

Kovac und Kollegen hatten die Gravitationswellen nicht direkt gemessen, dazu ist ihr Radioteleskop nicht in der Lage. Es ging vielmehr um eine indirekte Methode, bei der eine Art Fingerabdruck der Gravitationswellen in der Strahlung des kosmischen Mikrowellenhintergrundes aufgespürt werden sollte.

Störeffekte, die den Einfluss von Gravitationswellen vortäuschen können, mussten deshalb sorgsam bei der Analyse herausgerechnet werden. Und hier setzen die Kritiker an: Laut David Spergel, ebenfalls von der Princeton University, könne das Signal, für das Kovac die Gravitationswellen aus der kosmischen Urzeit verantwortlich macht, ebenso durch schnöden kosmischem Staub erklärt werden. Spergel ist Koautor einer Analyse, die unabhängig vom Bicep-Team Ende Mai auf dem ArXiv-Server der Physiker erschien. "Gravitationswellen zerfallen zu Staub" titelt heute genüsslich der britische Guardian.

Planck-Satellit am Zug

Manchen kommt die Kritik wohl auch deshalb gelegen, weil ihnen die ganze Richtung nicht passt. So war Steinhardt bereits in der Vergangenheit als Kritiker der kosmischen Inflation aufgetreten, obwohl er ursprünglich als einer ihrer Mitgründer der Theorie auf die Beine half. In seinem Nature-Kommentar schreibt er nun, er halte "das Inflations-Paradigma für unüberprüfbar und somit bedeutungslos".

Die Fachdebatte über den Wert der Bicep-Messungen wird weitergehen. Als Nächstes warten die Kosmologen gespannt auf die angekündigten Resultate des europäischen Planck-Satelliten, der wie Bicep 2 den kosmischen Mikrowellenhintergrund vermessen hat. Da Planck mehrere Frequenzbänder simultan erfasste, können die Astrophysiker dessen Daten weit besser von Störeffekten befreien. Zudem maß Planck den gesamten Himmel und nicht nur einen Ausschnitt wie bei Bicep 2. Das Verdikt der Planck-Forscher wurde ursprünglich für den kommenden Herbst erwartet, doch gibt es hartnäckige Gerüchte, dass eine Publikation nun schon in wenigen Wochen zu erwarten sei.



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insgesamt 164 Beiträge
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Seite 1
Layer_8 05.06.2014
1. Irgendwie...
Zitat von sysopDPA/ Steffen RichterDoch keine Sensation? Im März meldeten Physiker, sie hätten in der kosmischen Hintergrundstrahlung Signale aus den ersten Sekundenbruchteilen nach dem Urknall entdeckt. Nun gibt es deutliche Zweifel. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/urknall-theorie-echo-des-big-bang-koennte-von-sternenstaub-stammen-a-973619.html
...hat Herr Steinhardt ja Recht. Das mit der Inflation kann alle möglichen Multiversen schaffen, wo alles eintreten kann. Dies ist nicht zu falsifizieren und somit irgendwie, naja, nicht ganz seriös. http://www.nature.com/news/big-bang-blunder-bursts-the-multiverse-bubble-1.15346 Irgendwann werden die ganzen Spekulationen sich in Luft auflösen, mit einer plausiblen Quantengravitation, ähnlich wie sich die Physik vor gut 100 Jahren neu positioniert hat. Die gemessenen Tatsachen existieren ja, dunkle Materie, dunkle Energie, die Naturkonstanten so wie sie sind. Brauchts nur noch einen entscheidenden Geistesblitz.
dishmaster 05.06.2014
2. Selbst schuld
Das kommt halt davon, dass sog. Wissenschaftsjournalisten lediglich die Pressemitteilungen unkritisch übernehmen, insbesondere wenn man damit so viel Wind machen kann. Daher sind dementsprechende Hinweise in diesem Artikel lediglich Krokodilstränen. Es wäre an den Wissenschaftsjournalisten als Bindeglied zwischen den professionellen Astronomen und der Bevölkerung, solche Meldungen kritisch zu prüfen und sich bei anderen Experten entsprechenden Rat zu holen. So erweisen sie der Sache einen Bärendienst. So lange sie ihre angebliche journalistische Unabhängigkeit und Freiheit über kritische Rezeption und den Wahrheitsgehalt ihrer Veröffentlichung stellen, wird sich da leider gar nichts ändern. So erwecken sie lediglich bei der Bevölkerung den Eindruck, dass Wissenschaftler nicht wissen, was sie tun. Das ist aber nicht der Fall. Etwas nicht zu wissen, ist nicht problematisch. Irren gehört dazu. Es heißt schließlich "Wissenschaft" und nicht "Wissenshort". Leider habe ich immer wieder den Eindruck, das selbst Wissenschaftsjournalisten oft selber nicht wissen, was "Wissenschaft" tatsächlich bedeutet. Zitat: "Manchen kommt die Kritik wohl auch deshalb gelegen, weil ihnen die ganze Richtung nicht passt." Auch dieses Zitat ist völlig fehl am Platze. Das hat nichts mit wissenschaftlichem Denken zu tun. So wird der Eindruck erweckt, hier ginge es um persönliche Vorlieben und fixe Ideen anstatt um wissenschaftliche Beweise. Der vermittelte Eindruck könnte nicht falscher sein.
laurelnetz 05.06.2014
3. Wissenschaftler
sind aber immer auf Forschungsgelder angewiesen, müssen z.Teil um Millionen oder Millarden (s. CERN) schwere Budgets kämpfen. Und zwar gegen ihre Konkurrenten, die anderen Wissenschaftler. Aber diejenigen, die verteilen und bezahlen sind nun mal keine Wissenschaftler, sondern Politiker und Steuerzahler. Dieses Spiel müssen daher die Wissenschaftler heutzutage unter anderem auch beherrschen. Als Bindeglied zwischen allen Beteiligten ist der Wissenschaftsjournalismus Teil des Spiels. Das sollte man immer bedenken, wenn man solche Artikel liest oder kommentiert.
antooneo 05.06.2014
4. Auch Dunkle Materie und Dunkle Energie ...
... werden sich als Phantome / Hirngespinste erweisen. Es ist der (auch von Einstein und Heisenberg) gegründete Trend, immer die komplizierteste aller möglichen Theorien zur großen Lösung zu erklären. - Schon widersprüchlich in sich: Wenn es einst eine Inflation des Raumes gab, sind die Berechnungen, die zur Dunklen Energie geführt haben, völlig auf Sand gebaut.
Layer_8 05.06.2014
5. Einstein und Heisenberg
Zitat von antooneo... werden sich als Phantome / Hirngespinste erweisen. Es ist der (auch von Einstein und Heisenberg) gegründete Trend, immer die komplizierteste aller möglichen Theorien zur großen Lösung zu erklären. - Schon widersprüchlich in sich: Wenn es einst eine Inflation des Raumes gab, sind die Berechnungen, die zur Dunklen Energie geführt haben, völlig auf Sand gebaut.
Zumindest die Theorie von Einstein ist die einfachste aller möglichen Theorien. Mag ja sein, dass die Quantenphysik, so wie sie sich aktuell darstellt, noch einer grundlegenden Modifikation unterliegen muss, die Relativitätstheorie als Krönung der klassischen Physik jedenfalls nicht mehr.
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