Urtiere Schlangen verloren ihre Beine an Land

Forscher haben die bislang älteste versteinerte Schlange gefunden - und gestaunt: Das Kriechtier hatte eine Hüfte und zwei Beine. Der Fundort deutet darauf hin, dass Schlangen im Lauf ihrer Entwicklung die Beine bereits an Land verloren haben - und nicht erst im Wasser.


Hypnose-Viech aus Disney's Dschungelbuch, Evas Verführerin aus dem Alten Testament: Schlangen könnten sich auf festem Boden entwickelt haben, und nicht wie bisher gedacht im Meer. Eine jetzt gefundene Ur-Schlange schlängelte jedenfalls über Land.

Versteinerte Schlange: Becken, Kreuzbein, Beine - der Urahn schlängelte an Land
AP/ University of Sao Paulo

Versteinerte Schlange: Becken, Kreuzbein, Beine - der Urahn schlängelte an Land

In Argentinien hatten Forscher die versteinerten Überreste der Schlange entdeckt, die zwei Beine hatte. Das Tier stamme aus der Kreidezeit vor rund 65 bis 100 Millionen Jahren und habe in der Region Patagonien gelebt. Nie wurde eine ältere Landschlange gefunden. Sie trägt den Namen Najash rionegrina.

Wie groß das Tier gewesen ist, lässt sich aus dem Fossil nicht ablesen. Es ist aber das erste Mal, dass Wissenschaftler eine Schlange mit einem Kreuzbein gefunden hätten, welches das Becken stütze, sagte Hussam Zaher von der Universität Sao Paulo in Brasilien. Er berichtet in dem Wissenschaftsmagazin "Nature", das Tier habe auch über kräftige und funktionstüchtige Beine außerhalb des Brustkorbs verfügt.

Die Urschlange habe eindeutig an Land gelebt, da zum einen ihre Anatomie darauf schließen lasse, dass sie in Erdlöchern gehaust habe. Ein weiterer Hinweis sei, dass die Ablagerungen, in denen das Fossil gefunden wurde, aus einer Bodensubstanz bestünden und nicht aus einer Sedimentablagerung, die sich unter Wasser gebildet hat.

Wenn also diese Ur-Schlange an Land lebte, lässt sich Zaher zufolge vermuten, dass Schlangen sich auch an Land entwickelten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Schlangen aus vierbeinigen Eidechsen entstanden, deren Beine sich im Lauf der Zeit zurückbildeten. Strittig ist aber bislang, ob diese Ur-Eidechsen an Land oder im Wasser lebten.

Lücke in der Entwicklung von Echse zu Schlange

In den vergangenen Jahren habe es wenig neue Erkenntnisse in dieser Diskussion gegeben, erklärte Zaher. "Diese Schlange ist definitiv ein neuer Startpunkt", sagte der Wissenschaftler. Während der vermutliche Urtyp noch zu kleine Hinterbeine hatte, kroch er dennoch wie eine heutige Schlange. Offenbar habe das Tier die Beine nur bei Bedarf genutzt, wenn auch noch nicht klar sei, zu welchem Zweck, erklärte Zaher.

Es sei "ein wundervolles Tier", sagte Jack Conrad, Forscher am American Museum of Natural History in New York und Co-Kurator einer geplanten Ausstellung über Schlangen und Eidechsen. "Der Fund hilft uns, die Debatte über die Entstehung von Schlangen zu beenden."

Wie umgekehrt Wassertiere im Laufe der Erdgeschichte neue Lebensräume an Land erschlossen haben, zeigte ein kürzlich in der Arktis gefundenes Fossil: Ein Urfisch mit Beinen.

Fossilien an Land seltener

Die Schlange als Landtier - das würde allerdings die Arbeit der Urzeitforscher zusätzlich verkomplizieren: Der Fossilienexperte Olivier Rieppel aus Chicago sagte, dass sich die frühen Fossilien besser im Wasser halten würden als an Land. Es dürfte also schwerer sein, Überreste prähistorischer Land-Schlangen zu finden als es bei Wasser-Schlangen der Fall gewesen wäre.

Der Name der Urschlange, Najash rionegrina, besteht aus dem hebräischem Wort für Schlange und dem Ort in der argentinischen Provinz Rio Negro, in der das Fossil gefunden wurde.

Auf Grund des Fehlens der Extremitäten beschränkt sich der Skelettaufbau der heute noch lebenden Schlangen auf Schädel, Wirbel und Rippen. Lediglich bei einigen primitiven Arten wie den Riesenschlangen findet man Reste von Becken und Oberschenkel.

stx/AFP/dpa

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