Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Urzeit-Ökosystem: Rätsel der antarktischen Blutflüsse gelöst

Sie waren lange ein Mysterium: dunkelrote Ströme, die sich aus dem Eis der Antarktis ergießen. Jetzt haben Forscher in der roten Flüssigkeit Lebensformen entdeckt, die widrigsten Bedingungen trotzen. Sie vermuten, dass es ähnliche Wesen auch anderswo im Sonnensystem geben könnte.

Washington - Die Bedingungen könnten kaum schlechter sein, doch selbst unter dem dicken Eis der Antarktis existiert Leben - und was für welches! US-Forscher haben unter dem Taylor-Gletscher in der östlichen Antarktis ein urzeitliches Ökosystem entdeckt. In einer Wasserblase, die nach Einschätzung der Wissenschaftler vor 1,5 bis vier Millionen Jahren vom Gletscher eingeschlossen wurde, leben diverse Bakterien.

Die Forscher um Jill Mikucki von der Harvard University in Cambrige berichten im Fachmagazin "Science", dass die Kleinstlebewesen ihren Stoffwechsel an die einzigen verfügbaren Nährstoffquellen - Schwefel und Eisen - angepasst haben. "Dieser salzige Tümpel ist eine Art Zeitkapsel aus einer Periode der Erdgeschichte", sagt Mikucki. "Ich kenne auf der gesamten Erde keine vergleichbaren Bedingungen."

Die Forscher hatten die widerstandsfähigen Lebewesen quasi nebenbei gefunden. Eigentlich wollten sie das Phänomen der sogenannten "Blood Falls" untersuchten. Diese dunkelrot gefärbten Ströme, die an fließendes Blut erinnern, sind seit 1911 bekannt. Von Zeit zu Zeit brechen sie wie ein Wasserfall aus der Wand des Taylor-Gletschers hervor. Die frühen Polarforscher vermuteten, dass rote Algen für das Phänomen verantwortlich sein könnten.

Überraschung im Wasser aus der Tiefe

Doch weit gefehlt: Die Ströme werden aus einer Blase mit extrem salzhaltigem Meerwasser gespeist, das in etwa vier Kilometer Entfernung unter einer 400 Meter dicken Eisschicht eingeschlossen ist. Die Konzentration an Chlorid-Ionen ist in dem Wasserdepot zweieinhalb Mal so hoch wie in normalem Meereswasser.

Die Analyse von Wasserproben der "Blood Falls" ergab jedoch nicht nur, dass die Farbe des Wassers auf den hohen Anteil an Eisenoxid zurückgeht. Überraschenderweise enthielten die Proben auch unterschiedliche Bakterien.

Weil es in ihrer unterirdischen Heimat kein Tageslicht gibt, können die Mikroben keine Photosynthese betreiben - ganz im Gegensatz zu ihren Vorfahren, die vermutlich im Meer lebten. Die Bakterien unter dem Eis müssen sich deswegen mit dem begnügen, was ihnen zur Verfügung steht: ein wenig Kohlenstoff, vor allem aber Schwefel und Eisen. Mit Hilfe der Elektronen aus dem Eisen, das in einer zweiwertigen Form vorliegt, und eines Enzyms namens Adenosin-5'-Phosphosulfat-Reduktase wandeln die Bakterien Sulfat zu Sulfit um. Aus diesem Prozess gewinnen sie die Energie, die sie zum Überleben benötigen.

Die Entdeckung erlaube einen Blick in die Erdzeitalter vor etwa 750 bis 550 Millionen Jahren, in denen die Welt mehrfach komplett zugefroren war, kommentieren die Wissenschaftler. Damals könnten ähnliche Mikroben die sogenannte Schneeball-Erde besiedelt haben. Außerdem unterstütze die Entdeckung die These, dass es auch auf anderen eisbedeckten Planeten oder Monden, wie etwa dem Jupiter-Mond Europa, Leben geben könnte.

chs/AFP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Rote Ströme: Das Geheimnis der "Blood Falls"


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: