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Teilchenbeschleuniger auf Long Island: Zwei Juristen warnen vor Zerstörung der Erde

Sicherheitsdebatte: Experimente am Relativistic Heavy Ion Collider Fotos
Brookhaven National Laboratory

Die Debatte um die Sicherheit von Teilchenbeschleunigern lebt wieder auf. Zwei US-Juristen warnen vor neuen Experimenten am Relativistic Heavy Ion Collider auf Long Island. Sie fürchten ein erhöhtes Risiko, dass die Erde durch seltsame Materie zerstört wird.

Hamburg - Mancher Wissenschaftler am Kernforschungszentrum Cern in Genf hat das Jahr 2008 noch in unguter Erinnerung. Statt Journalisten von den gigantischen Möglichkeiten des Large Hadron Collider (LHC) zu berichten, mussten sie immer wieder Fragen nach Schwarzen Löchern oder sogenannten Strangelets beantworten, die bei den Experimenten entstehen könnten. Die Boulevardpresse beschrieb den Weltuntergang, vor Gerichten wurde gegen den Betrieb des LHC geklagt.

Heute, mehr als fünf Jahre nach der Inbetriebnahme des LHC, scheint die Debatte längst beendet zu sein. Das Higgs-Boson wurde entdeckt - untergegangen ist die Welt trotzdem nicht. Die Klagen gegen den Teilchenbeschleuniger sind gescheitert. In den USA aber beginnt die aus Sicht vieler Forscher absurde Debatte wieder von vorn.

Eric Johnson und Michael Baram, zwei Juristen, fordern eine erneute Überprüfung des Relativistic Heavy Ion Collider (RHIC) auf Long Island. Die am dortigen Brookhaven National Laboratory in Zukunft geplanten Experimente würden die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sogenannte seltsame Materie entsteht, die dann normale Materie in seltsame Materie umwandeln und so die gesamte Erde zerstören könnte.

Im knapp vier Kilometer langen Beschleunigerring RHIC rasen seit dem Jahr 2000 schwere Gold-Ionen fast mit Lichtgeschwindigkeit aufeinander zu. Beim Crash werden die Protonen und Neutronen in ihre Bestandteile zerlegt - ein Plasma aus Quarks und Gluonen entsteht. Die Experimente ähneln denen am deutlich größeren LHC-Beschleuniger in Genf, wo mit Protonen und Bleiionen gearbeitet wird.

"Jede zusätzliche Kollision gleicht dem Wurf eines Würfels"

Warnungen vor der Entstehung seltsamer Materie sind nicht neu - ebenso wie Warnungen vor mikroskopisch kleinen Schwarzen Löchern. Es gab sie schon 1999 in den USA, bevor der Beschleuniger RHIC in Betrieb ging. Und dann später in Europa vor der Premiere des LHC im Jahr 2008.

Die Juristen Johnson und Baram fordern nun, die Sicherheitsrisiken am RHIC neu zu bewerten. Dies sei wegen neu geplanter Experimente nötig. Sie beziehen sich dabei ausdrücklich auf eine 1999 erstellte Studie über "Spekulative Desasterszenarien am LHIC". Darin kamen der MIT-Physiker Wit Busza und zwei Kollegen zu dem Schluss, dass keine Gefahr von den Experimenten ausgehe. Die Gutachter verwiesen unter anderem darauf, dass mit steigender Kollisionsenergie die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass sogenannte Strangelets entstehen.

Johnson und Baram kritisieren nun jedoch, dass bei künftig geplanten Experimenten mit geringeren Energien gearbeitet werden soll, was das Risiko der Entstehung sogenannter Strangelets erhöhen könnte. "Wenn gefährliche Strangelets möglich sind, gleicht jede zusätzliche Kollision dem Wurf eines Würfels", schreiben sie auf der Webseite "International Business Times". Auch wenn es sich um geringe Wahrscheinlichkeiten handle, seien diese bedeutsam, es gehe schließlich um die Existenz der Erde. Zudem kritisieren sie eine mögliche Voreingenommenheit der Gutachter. Diese hätten ein Eigeninteresse an den Ergebnissen und seien daher nicht neutral.

Viele Physiker bezweifeln jedoch, ob das beschriebene Strangelet-Szenario so überhaupt möglich ist. Hinweise auf eine Umwandlung normaler Materie durch die Gegenwart seltsamer Materie sind bislang nicht bekannt.

Ob der Beschleuniger RHIC auf Long Island künftig weiterbetrieben wird, ist trotzdem offen. Das liegt jedoch nicht an Ängsten vor Strangelets oder Schwarzen Löchern. Das Aus für die Anlage könnte wegen der hohen jährlichen Kosten von über 100 Millionen Dollar kommen.

Derartige Sorgen brauchen sich die Wissenschaftler am LHC in Genf nicht zu machen. Der Beschleuniger soll bis 2035 laufen. Bereits jetzt befassen sich die Teilchenforscher mit dem möglichen Nachfolgeprojekt des 26 Kilometer langen LHC-Rings, in dem Energien von 100 Tera-Elektronenvolt (TeV) erreicht werden sollen. Das wäre das Siebenfache der Energie, die im LHC ab Frühjahr 2015 geplant sind.

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hda

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insgesamt 318 Beiträge
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1. Schwachsinn^10
neu_ab 16.02.2014
Diese alberne Befürchtung läßt sich ganz einfach streng logisch widerlegen: sie behaupten, hochenergetische Prozesse könnten das Universum (warum sollte die gefrässige entartete Materie bei der Erde innehalten?) zerstören Nun passieren aber seit Anbeginn des Universums in unvorstellbarer Zahl ständig wesentlich hochenergetischere Prozesse im Universum, unablässig. Da aber niemals beobachtet werden konnte, daß ganze Galaxien oder auch nur Sterne sich "eben mal" in nichts auflösen, kann mit hundertprozentiger Sicherheit ausgeschlossen werden, daß die mickrigen Maschinen der Menschen das bewerkstelligen könnten. Alleine in jedem Stern, also auch der Sonne, wirken drastisch höhere Kräfte. Schon der Biochemiker Rössler hat sich mit einer ähnlichen Klage zum Gespött in der wohlinformierten Szene gemacht, Stichwort LHC. Nun sind es ausgerechnet zwei Juristen, die auf ihren Anspruch auf 15 Minuten Ruhm pochen.
2. optional
willi.mueller.1919 16.02.2014
Was wäre denn, wenn der Effekt, welcher die Erde zerstört, nicht unmittelbar, sondern vielmehr Zeitversetzt einsetzt, da er lange Zeit im mikroskopisch Kleinen stattfindet.
3. Armageddon: Rechtlich fragwürdig
telltaleheart 16.02.2014
Zitat von sysopBrookhaven National LaboratoryDie Debatte um die Sicherheit von Teilchenbeschleunigern geht in die nächste Runde: Zwei US-Juristen warnen vor neuen Experimenten am Relativistic Heavy Ion Collider (RHIC) auf Long Island (USA). Sie fürchten ein erhöhtes Risiko, dass die Erde durch seltsame Materie zerstört wird. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/us-beschleuniger-rhic-warnung-vor-zerstoerung-der-erde-a-953814.html
Dieser ganze Themenkomplex ist für mich ohnehin schon eine "seltsame Materie". Dennoch hoch interessant. Ich halte derartige Forschungen schon für erstrebenswert, hoffe dabei aber, dass die Neugier der Wissenschaftler nicht größer als ihr Sicherheitsverständnis und Verantwortungsbewusstsein ist. In diesem Fall frage ich mich allerdings ob Juristen kompetent genug sind um die Riskien dieser Technik beurteilen zu können, oder ob es nur, nach guter amerikanischer Juristen-Tradition, darum geht ein bisschen Geld und von sich reden zu machen.
4. Irgendwie faszinierend
stani 16.02.2014
Zitat von sysopBrookhaven National LaboratoryDie Debatte um die Sicherheit von Teilchenbeschleunigern geht in die nächste Runde: Zwei US-Juristen warnen vor neuen Experimenten am Relativistic Heavy Ion Collider (RHIC) auf Long Island (USA). Sie fürchten ein erhöhtes Risiko, dass die Erde durch seltsame Materie zerstört wird. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/us-beschleuniger-rhic-warnung-vor-zerstoerung-der-erde-a-953814.html
Also ich kann als Laie nicht beurteilen ob da was dran sein könnte an solchen Sachen. Aber irgendwie ist der Gedanke schon faszinierend, dass der Mensch vielleicht durch seine technische Neugier wie ein kleines Kind an einer potentiellen Riesenbombe herumfummelt ohne es zu kapieren und es dann früher oder später einen gewaltigen Schag geben muss. Wahrscheinlicher sind m.E aber andere, ebenfalls selbstverursachte Zerstörungsszenarien, die sich durchaus vorab erkennen ließen, wenn man hinschauen würde.
5. Was man nicht kennt...
Thunder79 16.02.2014
...davor hat man Angst, eigentlich kann man es den beiden Journalisten nicht verübeln. Ähnlich ergingen es vor 200-300 Jahren den Menschen, die das erste mal mit dem elektr. Strom konfrontiert wurden. Was heutzutage völlig normal ist, kamen den Menschen damals wie ein gefährlicher Spuk vor. Interessant auch damals die These einiger Menschen, dass Passagiere in den Zügen ab 50 Kmh ersticken würden, da dann die Luft aus den Waggons gezogen wird. Vielleicht wird man in 200-300 Jahren die heutigen Menschen ebenfalls belächeln, die bei solchen Experimenten die schiere Panik bekommen! ;-)
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Angedachter Ring von 100 Kilometern Länge am Cern in Genf (gestrichelte Linie): Wer Beschleuniger bauen will, braucht viel Zeit und viel Geld. Zur Großansicht
DPA / Cern

Angedachter Ring von 100 Kilometern Länge am Cern in Genf (gestrichelte Linie): Wer Beschleuniger bauen will, braucht viel Zeit und viel Geld.


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