Knochensplitter

Gefiederter Raubsaurier Das Huhn aus der Hölle

Von

Carnegie Museum of Natural History/ Mark A. Klingler

Die Gruppe der Oviraptorosauria hat Zuwachs bekommen: Anhand dreier in Nord- und Süddakota gefundener Fossile beschreiben Forscher einen neuen gefiederten Saurier. Anzu wyliei war ein Riese unter den Eierdieben, die Forscher sprechen von einem "Höllenhuhn". Das passt.

Wie würde man Anzu wyliei beschreiben, begegnete man ihm in freier Wildbahn? Was für ein Tier wäre das: Gefiedert und zweibeinig laufend, mit einem Kopf, der aussah, als hätte man eine Gans mit einem Kasuar gekreuzt? Rund dreieinhalb Meter lang und geschätzt zwei- bis dreihundert Kilogramm schwer, mit einem zum leichten "S" gebogenen Schwanenhals? Klänge das nicht nach dem idealen Weihnachtsbraten für die 750-köpfige Familie?

Die meisten Zeugen würden wohl die Begegnung mit einem Mega-Vogel schildern. Auch seine Entdecker sehen ihn so: Scherzhaft bezeichnen die Autoren einer gerade im Fachmagazin PLOS One erschienen Studie ihren Fund als "Huhn aus der Hölle".

Bei kaum einer Gruppe der Dinosaurier war die Zwischenstellung zwischen Raubsaurier und Vogel schon optisch so offensichtlich, wie bei den vermeintlichen Eierdieben. Denn das bedeutet Oviraptor ja übersetzt: 1924 beschrieb Henry Fairfield Osborn den Fossilfund eines kleinen Raubsauriers, der sich offenbar an einem Nest zu schaffen machte. Er nannte ihn Eierdieb, was sich bald darauf als Irrtum erwies: Der Raptor kümmerte sich in Wahrheit wohl um sein eigenes Gelege - einer der ersten Hinweise auf Brutpflege bei Sauriern.

Heute haben selbst Fachleute ihre Probleme mit der Entscheidung, ob Oviraptoren noch den Theropoden (Raubsaurier) näher standen oder schon als sehr basale Vögel gelten sollten. Ihre körperlichen Merkmale dokumentieren eindrucksvoll, wie fließend der Übergang war.

So hatten fast alle Oviraptoren einen wahrscheinlich mit Ceratin verkleideten Schnabel. Zähne waren bei ihnen die Ausnahme: Nur vier bekannte Arten verfügten noch über vier echte Zähne im Oberkiefer und sehr kleine, man ist versucht zu sagen: Rest-Zähnchen im Unterkiefer.

Anzu wyliei gehörte nicht dazu. Der durch Kombination von drei circa 66 Millionen Jahre alten Fossilfunden ungewöhnlich vollständig erhaltene Oviraptor schnitt seine Nahrung mit einem scharfkantigen Schnabel - er war möglicherweise ein Allesfresser. Die an der Universität Utah, am Carnegie- und am Smithonian Museum tätigen Entdecker gehen davon aus, dass er mehr oder minder vollständig gefiedert war, mit längeren Federn an den Armen.

Für einen Theropoden, zu denen die Oviraptoren zählen, besaß Anzu einen relativ kurzen Schwanz. Schon aus Gleichgewichtsgründen dürfte er den sehr langen Hals zum "S" gebogen getragen haben. Alles in einem zeigte dieses Höllen-Huhn also einen wilden Mix von Vogel- und Dinosauriermerkmalen.

Die Apomorphie des Federvieh

Es waren solche Funde, die Gregory S. Paul, den Autor des fantastischen "Princeton Field Guide to Dinosaurs" 2002 dazu bewegten, eine Reihe neuer Taxa zu definieren. Unter einem Taxon versteht man eine als systematische Einheit erkannte Gruppe von Lebewesen. Es gibt verschiedene Methoden, so ein Taxon zu definieren, und Debatten darüber, welche Einordnungen Gültigkeit haben sollten oder nicht.

Pauls Taxa haben sich bisher nicht durchgesetzt. Das macht sie nicht weniger interessant: Er fasst die Raubsaurier anhand von jeweils neuen, "dazugewonnenen" körperlichen Eigenschaften zu Taxa zusammen. Für ihn sind alle Raubsaurier, deren Fuß weitgehend dem eines Vogels entspricht, "Avepoda" - "Vogelfüße". Man bezeichnet diese Art der Systematik als apomorphisch, also "von der Form abgeleitet".

Pauls Taxa beschreiben letztlich den graduellen Prozess der "Vogel-Werdung". Man muss zugeben, dass dieser Ansatz Charme hat. Für Paul sind die "Vogelfüße" der erste und größte gemeinsame Nenner auf dem Weg der Theropoda zur Vogel-Ähnlichkeit. Die Gruppe schließt den zierlichen Coelophysis genauso ein wie den mächtigen T-Rex oder die schon sehr Vogel-nahen Maniraptora, zu denen auch Anzu und seine Verwandten gehörten.

Anhand weiterer, "vogeliger" Merkmale definierte Paul zusätzliche Taxa. Er entdeckt da Averostra ("Vogel-Schnauzen", womit auch bestimmte Schädelmerkmale gemeint sind), Avebrevicauda ("Vogel-Kurz-Schwänze") oder Avepectora ("Vogel-Schultern").

Man kann sich das vorstellen wie eine Mischung aus Mengenlehre und Puzzlespielen: Die "Ave"-Teile sind vogelähnliche Merkmale. Manche dieser Teile sind quasi "Obermengen", die alle Saurier in dieser Gruppe umfassten, andere sind kleinere Untermengen, die nur für einige wenige gelten. Am Ende dieses Spielchens steht dann letztlich ein Tier, das alle diese Merkmale besitzt und nur noch Avis ist - ein Vogel.

Für Anzu wyliei galt das noch nicht, aber man hätte es denken können, wenn man ihm in freier Wildbahn begegnet wäre: Rein optisch unterschied dieses "Höllenhuhn" nicht mehr viel von einem Vogel.

Mehr zum Thema


Diskutieren Sie mit!
6 Leserkommentare
drittschuldner 19.03.2014
interstitial 20.03.2014
klein_darwinist 20.03.2014
Sitiveni 20.03.2014
50penny 20.03.2014
wauz 21.03.2014

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.