Knochensplitter

Nasutoceratops Triceratops bullige Cousins

Neuer Saurier: Triceratops spektakulärer Cousin Fotos
Raúl Martín

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Große Hörner, wuchtiger Nackenschild: Nasutoceratops titusi heißt der neueste Zuwachs einer Saurier-Familie, dessen bekanntesten Vertreter jedes Kind erkennt. Der jetzt entdeckte Cousin von Triceratops sorgt für Bewegung im Familienstammbaum.

Ceratopsidae gehören zu den Sauriern, die jedes Kind erkennt. Mit ihren spektakulären Nackenschilden und den oft riesigen Hörnern wirkten sie wohl höchst wehrhaft.

Heute geht man davon aus, dass all das weniger der Verteidigung gegen T-Rex und Co. diente, als vielmehr das Äquivalent zum Breitreifen mit Chromfelge war, mit dem die Tiere Konkurrenten beeindruckt und Revierkämpfe ausgefochten haben mögen. Doch das schmälert ihre Popularität nicht. Triceratops, der bekannteste Vertreter der Familie, ist nahezu eine Ikone, neben dem "Langhals" Apatosaurus und dem Raubsaurier Tyrannosaurus rex so etwas wie ein Superstar unter den Dinos.

Der neueste Familienzuwachs Nasutoceratops titusi ist für den Triceratops so etwas wie ein Cousin um zwei Ecken. Auf den ersten Blick ähneln sich die beiden sehr. Sie teilen die meisten Merkmale der Ceratopsidae:

  • der spektakuläre Nackenschild, der von Art zu Art aber höchst unterschiedlich ausfallen konnte: mal klein, mal groß, mal gezackt, mal glatt, mal mit schmückenden, kleinen Hörnern an den Rändern;
  • den aus zwei Knochen gebildeten "Schnabel", mit dem die vegetarisch lebenden Ceratopsidae wohl ihre Nahrung zupften und abrissen, bevor sie diese mit den weiter hinten im Maul befindlichen, wie bei einem Krokodil nachwachsenden Zähnen zerkleinerten;
  • die gedrungene, bullige Gestalt, die meist ein wenig zu klein für den massigen Schädel wirkt;
  • die gegenüber den Hinterbeinen verkürzten Vorderbeine, die die Tiere in eine leichte "Vorlage" brachten;
  • die Kopf- und Nasenhörner, mitunter von beeindruckender Länge.

Ihre Lebensweisen dürften die Ceratopsidae ebenfalls weitgehend geteilt haben. Wie prähistorische Büffel mögen sie in Herden weidend umhergezogen sein. In puncto Arten- und Variantenreichtum aber hätten sie unsere Wildrinder wohl geschlagen: Rund 30 Arten gelten als klar bestimmt, ein paar sorgen wegen unvollständiger Funde noch für Debatten. Das Gros der bekannten Arten wurde erst im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts entdeckt, allein drei neue Arten kamen in den letzten zwei Jahren hinzu - manche frisch ausgegraben, manche im Schrank gefunden.

Ordnung muss sein

Innerhalb der Sauriergruppe Ceratopsidae teilt man sie zwei unterschiedlichen systematischen Untergruppen zu (sogenannten Taxa). Triceratops zählt zu den Chasmosaurinae, der neue Fund zu den Centrosaurinae. Schon dass Nasutoceratops seinem Vetter so sehr ähnelt, zeichnet ihn als ungewöhnlich aus: Zwei ausgeprägte Stirnhörner bei gleichzeitig wenig ausgeprägtem Nasenhorn sind für einen Vertreter seiner Gruppe die seltene Ausnahme. Längere Stirnhörner als bei Nasutoceratops wurden noch bei keinem Vertreter seines Taxons gefunden.

Ausnahmecharakter hat er aber auch in anderer Hinsicht. Als bemerkenswert beschreibt ein Team um den Paläontologen Scott D. Sampson in der aktuellen Ausgabe der "Proceedings of the Royal Society B" eine ganze Reihe an Eigenschaften des Fundes. Dazu gehören nicht nur die ungewöhnlich gestauchten Proportionen des Schädels, der sehr flach und kurz, dafür aber hoch ausgebaut war. Ungewöhnlich sind auch die deutlich vergrößerten Nüstern und voluminösen, dahinter liegenden Nasenhöhlen, die in dieser Form noch bei keinem Ceratopsiden gefunden wurden: Sie könnten auch bei der Erzeugung von Tönen eine Rolle gespielt haben.

Der Fund stützt zudem die These, dass etwa 75 bis 76 Millionen Jahre vor unserer Zeit zwei unabhängige, voneinander getrennte Dinosaurier-Populationen auf dem prähistorischen Inselkontinent Laramidia lebten. Der bestand aus dem bergigen Westrand des heutigen Nordamerika und umfasste ein Gebiet, das im Norden vom heutigen Alaska bis hinab nach Mexiko reichte. Über 90 Prozent aller bisher gefundenen Ceratopsidae konzentrierten sich dort auf das Gebiet des heutigen Montana, Alaska und Alberta.

Bewegung im Stammbaum der Familie

Nasutoceratops, mit rund 2,5 Tonnen eher ein Leichtgewicht unter den Hornsauriern, fand sich hingegen auf dem Gebiet des heutigen Utah - so wie die anderen Ausnahmen aus der Gruppe der Centrosaurinae, die zudem weitere Ähnlichkeiten mit dem neuen Fund teilen. Grund genug für die Autoren der Studie, sie in eine eigene, bisher nicht erkannte Klade einzuordnen: Demnach gehörten Nasutoceratops und der wohl eng verwandte Avaceratops zu einer eigenen Untergruppe der Centrosaurinae.

Unter dem Strich unterscheidet sich Nasutoceratops also relativ deutlich von seinen Verwandten. Das ist nicht immer so, und selbst wenn, kann es mitunter irreführend sein - über die Abgrenzung mancher Arten wird teils heftig debattiert.

So starb (zumindest für einen Teil der Fachwelt) im Jahr 2010 der bereits 1891 von Othniel Marsh beschriebene Torosaurus gewissermaßen ein zweites Mal aus: Eine Paläontologengruppe hatte ihn als die endgültig ausgewachsene Form des Triceratops erkannt.

Was man bis dahin als Triceratops bezeichnete, wären demnach nur die jugendlichen Tiere gewesen - und Veränderungen von Proportionen und Gestalt von Nackenschild und Behornung bei Ceratopsidae offenbar ein Kennzeichen verschiedener Reifestufen.

Das mag durchaus so gewesen sein, was die Einordnung von Funden nicht erleichtert. Es bedeutet aber auch nicht unbedingt, dass man Torosaurus nun als Triceratops verstehen muss: Studien aus den Jahren 2011 und 2012 widersprachen dieser These, die Debatte läuft weiter. Vieles ist eben im Fluss, in kaum einer Wissenschaft herrschte in den vergangenen zwanzig Jahren mehr Bewegung als in der Paläontologie. Man kann das irritierend finden - es macht die Sache aber auch spannend.

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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wach hält.
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