US-Ölpest Wie das Desaster möglich wurde

Der Ölteppich im Golf von Mexiko wird durch eine Meeresströmung Richtung Kuba und Florida geschwemmt, Experten rechnen mit einer Katastrophe an den Küsten. SPIEGEL ONLINE zeigt in einem interaktiven Protokoll, wie das Verhängnis seinen Lauf nahm - lange vor der Explosion auf der Bohrinsel.

REUTERS

Von , New York


Ihre letzte Hoffnung sind Golfbälle. Damit wollen die Ingenieure, die seit mehr als drei Wochen erfolglos gegen die Ölpest im Golf von Mexiko ankämpfen, dem schwarzen Tod am Ende doch noch Einhalt gebieten. Sollten alle anderen Versuche fehlschlagen, bleibt nur ein solcher "Junk Shot": Dabei wird aller möglicher Sperrmüll unter Wasser in das geborstene Rohrgestänge gefeuert, um es zu verstopfen - Reifen, Schrott, verknotete Taue.

Und eben auch Golfbälle.

So weit ist es gekommen. Die Plattform "Deepwater Horizon", ein fast 600 Millionen Dollar teures, gigantisches schwimmendes Wunderwerk, galt als der höchste Stand der Ölbohrtechnologie. Bis sie am 20. April explodierte, zwei Tage später sank und elf Crewmitglieder mit in die Tiefe riss. Seither breitet sich ein Ölteppich ungehindert auf dem Golf aus, treibt im Zeitlupentempo auf die Küsten der US-Staaten Louisiana, Mississippi, Alabama und schlimmstenfalls auch Florida zu. Eine wichtige Meeresströmung hat der riesige Ölteppich schon erreicht: den sogenannten Loop Current im Golf von Mexiko. Er wird den Dreck nun wohl nach Kuba und Florida tragen - die Folgen sind kaum absehbar.

"Deepwater Horizon" - Protokoll einer Katastrophe

AP
Von den ersten Sicherheitsbedenken bis zur Öl-Katastrophe - SPIEGEL ONLINE rekonstruiert das Desaster um die Bohrplattform "Deepwater Horizon".

Interaktive Zeitleiste: Zwölf Jahre bis zum Untergang - das Drama im Golf von Mexiko...

Immerhin gibt es inzwischen einen ersten Hoffnungsschimmer: Der Versuch, ein Rohr in das beschädigte Bohrloch am Meeresboden einzuführen und das austretende Öl abzusaugen, ist offenbar zumindest teilweise erfolgreich. 2000 der täglich ausströmenden 5000 Barrel Öl würden aufgefangen, teilte der britische Ölkonzern BP am Dienstag mit. Zuvor war das Unternehmen davon ausgegangen, höchstens 1000 Barrel pro Tag auf diese Weise absaugen zu können.

Wie es zu dem Desaster kam und wer dafür verantwortlich ist, bleibt jedoch unklar. Die Top-Manager des BP-Konzerns (der "Deepwater Horizon" geleast hatte), des Unternehmens Transocean (dem sie gehörte) und des Konzerns Halliburton (der das Bohrloch mit Zement abdichten sollte) schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

"Diese Katastrophe scheint von einer verhängnisvollen Verkettung von Material- und Betriebsversagen verursacht worden zu sein", resümierte Henry Waxman, der demokratische Vorsitzende des Energieausschusses im US-Repräsentantenhaus, der eine Untersuchung eingeleitet hat. "Wären die weltgrößten Ölkonzerne vorsichtiger gewesen, hätten elf Leben gerettet werden können, und unsere Küste wäre geschützt geblieben."

SPIEGEL ONLINE hat die Vorgeschichte, den Hergang und die Folgen des Unglücks rekonstruiert, vom Baubeginn der "Deepwater Horizon" im Jahr 1998 bis heute. Das Protokoll zeigt, dass die Katastrophe schon lange vor dem 20. April ihren Lauf nahm - durch eine Kombination von womöglich fahrlässigen Versäumnissen und zufälligen Schicksalswendungen.

insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cromagnon 19.05.2010
1. menschengemacht
Zitat von sysopDer Ölteppich im Golf von Mexiko wird durch eine Meeresströmung Richtung Kuba und Florida geschwemmt, Experten rechnen mit einer Naturkatastrophe. SPIEGEL ONLINE zeigt in einem interaktiven Protokoll, wie das Desaster seinen Lauf nahm - lange vor der Explosion auf der Bohrinsel. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,695392,00.html
Sicherlich eine Katastrophe für die Natur, aber ganz bestimmt keine Naturkatastrophe!
Matthias Limburg 19.05.2010
2. Betrachtet man den Menschen als einen Teil der Natur,
Zitat von cromagnonSicherlich eine Katastrophe für die Natur, aber ganz bestimmt keine Naturkatastrophe!
so ist es doch irgendwie eine Naturkatastrophe.
alphamale, 19.05.2010
3. CBS Beitrag zum Thema
Es gibt einen ganz interessanten Beitrag von CBS zu dem Thema, der die Gottgegebenheit der Katastrophe deutlich in Frage stellt. http://www.cbsnews.com/video/watch/?id=6490378n
kurtwied, 19.05.2010
4. Kurzfristig schlimm - langfristig nicht.
" ... Das zeigt die Erfahrung mit einer früheren, noch gravierenderen Katastrophe im Golf von Mexiko. 1979 havarierte dort die Bohrinsel «Ixtoc 1». 3,3 Millionen Barrel Rohöl strömten ins Meer. Bis heute ist der Ixtoc-Unfall die zweitgrösste Ölpest der Geschichte geblieben. Zum Vergleich: Mit den derzeit vor Louisiana ausströmenden Mengen würde es zwei Jahre dauern, um auf die gleiche Gesamtmenge Öl zu kommen. Für die mexikanische Ölgesellschaft Pemex war der Unfall ein finanzielles Desaster, für die Natur war er nach einem guten Jahr fast wieder vergessen. «Die Umwelt erholt sich, auch wenn es während der Ölpest nach dem Ende der Welt aussieht», sagte damals der Chemiker Edward Overton an einer Tagung der amerikanischen Chemiker-Gesellschaft. «Manche Menschen glauben, eine Ölpest schaffe eine tote Umwelt. Doch das ist nicht der Fall.» "
DoubleU, 19.05.2010
5. In der Tat
Ich denke sie meinten wohl Venezuela.:-) Makaber? Indeed.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.