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US-Schulposse: Wut und Spott nach Verbot von Klima-Dokumentation

Ein US-Schulbezirk hat Al Gores Klima-Dokumentation "Eine unbequeme Wahrheit" aus dem Unterricht verbannt. Wenig später schlug eine Welle der Wut über der Behörde zusammen. Die Posse zeigt: Für Leugner des Klimawandels wird es in den USA ungemütlicher.

Seattle - Als Frosty Hardison erfuhr, was seine Tochter im Schulunterricht sehen sollte, hat ihn heiliger Zorn gepackt. Die Lehrerin einer Schule in Seattle plante, "Eine unbequeme Wahrheit" zu zeigen - den Dokumentarfilm über den Feldzug des früheren US-Vizepräsidenten Al Gore gegen die Klimaerwärmung.

Ex-Vizepräsident Al Gore (Filmszene aus "Eine unbequeme Wahrheit"): Proteste gegen Verbot an Schule
AP

Ex-Vizepräsident Al Gore (Filmszene aus "Eine unbequeme Wahrheit"): Proteste gegen Verbot an Schule

Der Streifen war ein Sensationserfolg an den Kinokassen, wurde von Wissenschaftlern für seine inhaltliche Korrektheit gelobt und vor wenigen Tagen für zwei Oscars nominiert. Für Frosty Hardison ein Grund mehr, misstrauisch zu sein. "Die liberale Linke hat Hollywood fest im Griff", sagte der siebenfache Vater der "Washington Post".

Also schrieb der 43-Jährige eine geharnischte E-Mail an die Lehrerin seiner Tochter: "Sie werden meinem Kind nicht dieses Propaganda-Video von Al Gore zeigen, das unserer Nation - dem großartigsten Land, das jemals auf diesem Planeten existiert hat - die Schuld an der globalen Erwärmung gibt." Hardison, ein evangelikaler Christ, hat seine eigene Erklärung für die globale Erwärmung: Sie sei ein Zeichen der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr Jesu Christi anlässlich des Jüngsten Gerichts.

Rüffel für Verwendung "umstrittenen" Materials

In anderen Ländern wäre Hardisons E-Mail wahrscheinlich im Ordner für Spinner-Briefe gelandet. Doch in Seattle sorgte sie gemeinsam mit einigen anderen Elternbeschwerden dafür, dass der Film nicht im Unterricht gezeigt wurde. Lehrerin Kay Walls sagte, der Schulrektor habe eine disziplinarische Verwarnung angekündigt: Sie habe gegen die Regel verstoßen, eine schriftliche Erlaubnis einzuholen, bevor sie "umstrittenes" Material im Unterricht zeige.

Als das Verbot bekannt wurde, tobte ein Sturm der Empörung durch die USA. Mitglieder der örtlichen Schulaufsichtsbehörde, die den Film zunächst verboten hatte, wurden mit Tausenden von E-Mails und Anrufen bombardiert. Nicht alle Urheber formulierten zurückhaltend. Man habe sie als Feinde der Meinungsfreiheit bezeichnet, der Ignoranz und der religiösen Zuhälterei beschuldigt, klagte David Larson stellvertretend für seine Kollegen in der Aufsichtsbehörde. "Höflichkeit und ehrlicher Diskurs sterben in unserem Land."

Man habe doch gar nicht versuchen wollen, Unterricht über die Klimaforschung zu unterbinden. Man wolle den Schülern lediglich "andere Perspektiven" anbieten. "Wir müssen nicht die Ausgewogenheit verlieren, um die Erde zu retten", sagte Larson - und erinnerte damit frappant an die Argumentation der Kreationisten, die mit religiösem Feuereifer versuchen, die biblische Schöpfungslehre mit dem Etikett "Intelligent Design" als Alternative zur Evolutionstheorie an US-Schulen zu etablieren.

Schulbehörde unter Dauerbeschuss

Inzwischen sind zwar praktisch alle seriösen Klimaforscher der Welt davon überzeugt, dass der Mensch die Verantwortung für die globale Erwärmung trägt. Doch das scheint Larson und seine Kollegen kaum zu beeindrucken. Entsprechend deutlich wurden Larsons Gegner bei einer Tagung der Schulaufsichtsbehörde: "Eine unbequeme Wahrheit" entspreche der wissenschaftlichen Wirklichkeit - alles andere sei "vorsätzliche Irreführung".

Manche Eltern aus dem Schuldistrikt wurden noch deutlicher: Sie verglichen Larsons Argumentation mit der Behauptung der Zigarettenindustrie, es gebe keine ausreichenden Beweise für eine Gesundheitsgefahr durch das Rauchen. Andere Eltern fragten Larson, ob er auch eine "ausgewogene" Darstellung des Holocaust wünsche - schließlich behaupteten einige Zeitgenossen, dass der Völkermord an den Juden nie stattgefunden habe.

"Den Holocaust hat es gegeben", sagte Larson. "Es gibt Beweise und Fotos." Der Unterschied zum Klimawandel sei, dass es keine Fotos von dem gebe, was in 50 Jahren geschehen werde. Lehrerin Walls warf ein: "Wir haben Fotos vom schmelzenden Eis am Kilimandscharo."

"Eine Fülle an Ausgewogenheit"

Dennoch entschied die Aufsichtsbehörde am Ende, die Gore-Dokumentation mit rigiden Einschränkungen zu belegen: "Eine unbequeme Wahrheit" darf nur nach schriftlicher Erlaubnis des Rektors im Unterricht gezeigt werden - und auch dann nur, wenn der Film von anderslautenden Ansichten begleitet wird, die ebenfalls vom Rektor für gut befunden wurden.

"Eine Fülle von Ausgewogenheit", bemerkte die "Washington Post" mit einem Sarkasmus, der sich durch den gesamten Artikel zieht - eine bemerkenswerte Entwicklung, denn bis vor kurzem noch war die "Post" selbst, gemeinsam mit den meisten US-Zeitungen, um eben jene Ausgewogenheit bemüht. In der Berichterstattung über den Klimawandel kamen stets auch immer Skeptiker und Lobbyisten der Energieindustrie zu Wort - egal, wie sehr sie sich in der Minderheit befanden. Das aber ändert sich nun, zumal auch die US-Bevölkerung sich derzeit sehr für den Klimaschutz erwärmt.

Frosty Hardison aber zeigte sich zufrieden. "Ich freue mich, dass die Kinder so viele Informationen wie möglich bekommen." Lehrerin Walls sagte, dass sie nun verzweifelt versuche, seriöse Artikel zu finden, die dem Inhalt der Gore-Dokumentation widersprechen. Bisher habe sie nur einen Artikel mit dem Titel "Die abkühlende Welt" gefunden. Er wurde im Magazin "Newsweek" veröffentlicht - vor 37 Jahren.

mbe/dpa

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