US-Studie: Arktis-Öl könnte Welt drei Jahre versorgen

Von Christoph Seidler

Ölfässer in Kulusuk (Grönland): Großes Interesse für Öl und Gas aus der Arktis Zur Großansicht
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Ölfässer in Kulusuk (Grönland): Großes Interesse für Öl und Gas aus der Arktis

Ein neues US-Gutachten offenbart verborgene Schätze in der Arktis. Öl aus dem hohen Norden könnte die Weltnachfrage drei Jahre lang sättigen, noch üppiger sind die Gasvorkommen. Fast ein Viertel der unentdeckten Reserven der Welt liegt nördlich des Polarkreises.

Für die einen ist es eine schier unglaubliche Verheißung, für die anderen ein Fluch. In jedem Fall ist es ein unausweichlicher Prozess: Das Eis der Arktis taut immer mehr ab - in einem Tempo, das Wissenschaftler noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hatten. Und durch die große Schmelze werden Öl- und Gaslagerstätten in der Arktis zugänglich, die bisher unter einem dicken Eispanzer versteckt waren.

Zwar gibt es seit einiger Zeit meist spekulative Diskussionen darüber, wie viel Öl und Gas tatsächlich im hohen Norden liegen. So hatte der Geologische Dienst der USA (USGS) geschätzt, ein Viertel aller Öl- und Gasvorkommen der Welt liege in der Arktis - musste diese Zahl aber nach unten korrigieren und versprach eine umfassende Analyse für diesen Sommer. Diese liegt nun vor: Am späten Mittwochabend wurde die erste öffentlich zugängliche Schätzung zu unentdeckten Öl- und Gaslagerstätten in der Arktis in Washington vorgestellt. "Wir haben uns alles nördlich des Polarkreises angesehen", sagte Don Gaultier, Chef des zehnköpfigen USGS-Teams, das den Bericht erarbeitet hat.

Seine Bilanz: Satte 22 Prozent der unentdeckten, aber technisch erreichbaren Öl- und Gasvorkommen der Welt befinden sich nördlich des Polarkreises.

Mit statistischen Verfahren betrachten die Forscher in dem Bericht Felder, die noch nicht entdeckt sind, bei denen sie aber davon ausgehen, dass sie mit derzeitiger Technik erreicht und gefördert werden können. Exotischere Energiedepots wie Ölsande oder Gashydrate blieben bewusst außen vor.

An die Landkarten der USGS-Forscher muss man sich erst gewöhnen: Sie sind alle auf den Nordpol zentriert, weil sich die gesamte Arktis so am besten überblicken lässt. 25 Ölprovinzen nördlich des Polarkreises wurden überprüft, zum Teil aufgeteilt in mehrere Untersuchungsgebiete - insgesamt sind es 48 Einheiten. Für ihre Analyse stützten sich die Geologen vor allem auf existierende Daten, waren also auf die Kooperation von Kollegen in anderen Polarstaaten angewiesen.

Die Datenqualität in den verschiedenen Gebieten der Arktis ist höchst unterschiedlich: Die Meeresbereiche nördlich von Alaska sind vergleichsweise gut untersucht, zu Gebieten wie Ostgrönland gibt es nur wenige Daten - dort ist es noch immer so kalt und eisig, dass dort nur wenige Testlöcher gebohrt wurden. Die Aussagen der USGS-Geologen für solche Gebiete sind entsprechend unsicher.

Dessen ungeachtet kommen die Geologen auf den durchaus beeindruckenden Wert von 22 Prozent. Ihre wichtigsten Erkenntnisse:

  • In der Arktis lagern 90 Milliarden Barrel unentdecktes Öl - das sind 13 Prozent der noch nicht gefundenen Welt-Vorkommen.
  • Wichtig sind vor allem drei Öl-Provinzen: das Arktische Alaska (USA), das Kanadabecken (Kanada) und Ostgrönland (Dänemark). Dort liegen in der Summe mehr als die Hälfte der vermuteten Lagerstätten.
  • Noch interessanter als Öl sind die reichen Gasvorkommen. Davon gibt es in der Arktis 50 Milliarden Kubikmeter, außerdem 44 Milliarden Barrel Flüssiggas. Auf Öläquivalent umgerechnet sind diese Vorkommen dreimal so groß wie die vermuteten arktischen Öl-Lagerstätten. Insgesamt schlummern im hohen Norden wohl 30 Prozent der unentdeckten Gasvorkommen und 20 Prozent des Flüssiggases der Welt.
  • Wichtig sind beim Gas vor allem drei Provinzen: das Westsibirische Becken (Russland), das Östliche Barentsbasin (Norwegen/Russland) und erneut das Arktische Alaska (USA)

Der allergrößte Teil der Lagerstätten befindet sich den Forschern zufolge vor den Küsten der Polarstaaten und muss mit aufwändiger Offshore-Technik vom Meeresgrund geholt werden. Ein grundsätzliches Problem ist das aber nicht mehr. In Hintergrundgesprächen geben Öltechniker zu verstehen, dass sie theoretisch ab sofort am Nordpol fördern könnten. So wird im Snøhvit-Feld vor der nordnorwegischen Küste am Meeresboden schon heute vollautomatisch Gas gefördert.

Doch längst nicht alle technisch möglichen arktischen Offshore-Unternehmungen sind auch wirtschaftlich sinnvoll. Entscheidend ist die Höhe des Ölpreises. Steigt er weiter, lohnt sich auch der Vorstoß in technisch besonders anspruchsvolle Gebiete. In einem weiteren Gutachten 2009 will der USGS die Frage betrachten, in welchen Bereichen der Arktis die Förderung unter welchen ökonomischen Rahmenbedingungen Sinn hätte.

Konzerne dürften diese Rechnung schon aufgemacht haben. Für neue Öllizenzen in der Tschuktschensee vor Alaska gibt es ebenso viele Interessenten wie für Explorationsgenehmigungen in Westgrönland. Eine Ausschreibung für Ostgrönland soll bald folgen. Nur in Russland haben es westliche Ölfirmen schwer. Die Regierung hat vor wenigen Tagen ein Gesetz beschlossen, das den Staatskonzernen Gasprom und Rosneft auf den Leib geschneidert ist.

Interessant ist, dass der größte Teil der von den USGS-Forschern prognostizierten Lagerstätten auf den Kontinentalsockeln liegt, also vergleichsweise nah an den Küsten der Polarstaaten. Am Nordpol, um dessen Besitz seit einiger Zeit ein Kampf tobt (mehr im SPIEGEL...), sind dagegen kaum Öl und Gas zu erwarten. "Unsere Resultate zeigen, dass die Geologie am Nordpol nicht interessant im Bezug auf Öl ist", sagt USGS-Mann Gaultier. Wenn dies zutrifft, wäre der Streit zwischen den Nordmeer-Anrainern um zusätzliche Meeresgebiete im Norden geopolitisch fragwürdig.

Wie viel sind die potentiellen arktischen Vorkommen nun im globalen Maßstab wert? Auf den ersten Blick nicht allzu viel. Denn in den Bilanzen der Ölkonzerne stehen derzeit ohnehin so große Ölreserven wie noch nie - Lager, die erkundet sind und an denen die Produktion kurzfristig starten könnte. Laut dem aktuellen "Statistical Review of World Energy" des Ölkonzerns BP sind sie von 891 Milliarden Barrel Anfang 1996 auf 1238 Milliarden Barrel Öl zu Beginn dieses Jahres gestiegen. Rechnet man die Ölsande in Kanada hinzu, ergeben sich sogar 1390 Milliarden Barrel.

Tatsächlich allerdings stagniert die weltweite Ölproduktion. Die Frage ist, was daran die 90 Milliarden Barrel an förderbaren Vorkommen in der Arktis ändern könnten.

Im Vergleich zu den bilanzierten weltweiten Ressourcen wirkt die Zahl zwar klein. 90 Milliarden Barrel würden jedoch den Bedarf des gesamten Planeten für knapp drei Jahre decken. Außerdem ist Öl nicht gleich Öl. Die USA interessieren sich vehement für eine stärkere heimische Förderung in Alaska. Denn jeder dort geförderte Tropfen reduziert die politische Abhängigkeit von politisch unsicheren Lieferanten am Golf oder in Südamerika.

Umweltschützer und zahlreiche Wissenschaftler sehen den Treck nach Norden allerdings mit großer Skepsis. So warnte ein Bericht der Arctic Monitoring and Assessment Programme (Amap) im Januar vor ökologischen Gefahren - zum Beispiel durch defekte Rohrleitungen und Tankerunglücke. Ausgetretenes Öl sei in der Arktis "besonders gefährlich, weil sich die kalten und sehr stark jahreszeitabhängigen Ökosysteme nur langsam erholen. Außerdem ist die Beseitigung von Ölschäden in abgelegenen und kalten Regionen sehr schwierig, vor allem in Meeresbereichen mit Eisvorkommen".

Die politischen Handlungsempfehlungen des Berichtes durften die Forscher übrigens nicht veröffentlichen. Die USA und Schweden hatten Druck gemacht. Wieso genau, ist unklar - es scheint, als sei das arktische Öl zu attraktiv für völlige Offenheit.

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