US-Studien Klimawandel löst stärkere Hurrikane aus

Ist der Klimawandel und damit der Mensch mitschuldig an der Hurrikan-Rekordsaison 2005? Seit der "Katrina"-Katastrophe von New Orleans haben Experten darüber gestritten. Jetzt halten zwei US-Forscherteams die menschliche Mitverantwortung für bewiesen.

Von Volker Mrasek


Ein knappes Jahr nach der Hurrikan-Katastrophe von New Orleans geht an der Ostküste der USA wieder die Angst um: Wird es wieder zu Wirbelstürmen kommen, die ähnlich vernichtende Wirkung erreichen wie "Katrina" und "Rita" im vergangenen Jahr? Droht eine Neuauflage der Rekord-Sturmsaison 2005?

Neue Studien von Klimaforschern sprechen dafür, dass sich die Bewohner der US-Ostküste langfristig tatsächlich auf neue Katastrophen einstellen müssen. Gleich zwei neue Studien erhärten den Verdacht, dass die Rekordsaison 2005 mit ihren insgesamt 28 Hurrikanen und Tropenstürmen maßgeblich vom Klimawandel befeuert wurde. Damit wächst zugleich die Sorge, dass Wirbelstürme über dem Atlantik bei weiter steigenden Meerestemperaturen in Zukunft noch zahlreicher und stärker werden könnten. Denn ein wärmerer Ozean und höhere Verdunstungsraten füttern Hurrikane mit zusätzlicher Energie.

James Brian Elsner, Professor für Geografie an der Florida State University in Tallahassee, wird am Mittwoch dieser Woche im Fachblatt "Geophysical Research Letters" eine neue Analyse vorlegen. Demnach lässt sich die Erwärmung des Nordatlantiks während der Hurrikansaisons der letzten Jahrzehnte verlässlich auf die Erwärmung der Atmosphäre zurückführen. Umgekehrt sei das nicht der Fall, sagt Elsner: "Im statistischen Sinne verursacht ein Temperaturanstieg in der bodennahen Luftschicht den Temperaturanstieg der Meeresoberfläche." Das sei "der erste direkte Beleg" für den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und aktiver gewordenen Hurrikanen im Atlantik.

Was erwärmte sich zuerst? Wasser oder Luft?

Elsner hatte sich die Klimadaten der vergangenen 135 Jahre besorgt und untersucht, welcher Zusammenhang zwischen Meeres- und Lufttemperaturen besteht. Entscheidend ist dabei die Frage, ob sich zuerst das Oberflächenwasser des Nordatlantiks erwärmt hat oder die bodennahe Luft.

Schon lange schwelt ein wissenschaftlicher Streit darüber, ob der Anstieg der Temperatur im Nordatlantik - insbesondere im für die Hurrikan-Entstehung entscheidenden Bereich zwischen dem 10. und 20. Breitengrad - dem menschlichen Einfluss zuzuschreiben ist oder nur einem natürlichen Klimazyklus folgt. Eine solche Oszillation existiert tatsächlich: Langfristige Veränderungen der Tiefenströmungen führen dazu, dass sich der Ozean auch ohne das Zutun des Menschen erwärmt und dann wieder abkühlt, und zwar auf Zeitskalen von mehreren Jahrzehnten.

Deshalb gibt es im tropischen Nordatlantik ohnehin Phasen mit erhöhter und mit niedriger Hurrikan-Aktivität. Im Augenblick sei das Meer in seinem Warmzustand, und vor allem deshalb bringe es Monsterstürme wie "Katrina" und "Rita" im Vorjahr hervor, sagen die Verfechter der Oszillationstheorie.

Steigt aber erst die Außen- und dann die Meerestemperatur, würde das auf einen zunehmenden Einfluss atmosphärischer Treibhausgase und damit auf eine Verantwortung des Menschen hindeuten. Und genau das, meint Elsner, ist nun bewiesen.

Unterstützung bekommt er von Kollegen, die unmittelbar zuvor zu ähnlichen Schlüssen gekommen sind. Kevin Trenberth und Dennis Shea vom National Center for Atmospheric Research (NCAR) in Boulder haben sich fleißig durch Wetterarchive gekämpft. Jahr für Jahr, beginnend im frühen 20. Jahrhundert, haben sie die global gemittelte Meerestemperatur mit der im tropischen Nordatlantik verglichen. Abweichungen, so die Logik der NCAR-Experten, könne man dem natürlichen Klimazyklus im Nordatlantik zuschreiben.

"Katrina" profitierte von ausbleibenden Winden

Auf diese Weise haben Trenberth und Shea auch die heiße Hurrikansaison 2005 seziert. Ihr Fazit: Die natürliche Oszillation spielte keine große Rolle bei der ungewöhnlichen Meereserwärmung des vergangenen Sommers. Die Forscher schreiben ihr einen Anteil von lediglich zehn Prozent (0,1 Grad Celsius) zu, heißt es in ihrer Studie, die ebenfalls in den "Geophysical Research Letters" erschienen ist. Den Beitrag des Klimawandels veranschlagen die Forscher dagegen auf 0,45 Grad. "Die langfristige Erwärmung der Ozeane dürfte die Entstehung von Hurrikanen begünstigen", folgert Trenberth.

Er selbst weist allerdings darauf hin, dass es auch noch andere wichtige Wetterfaktoren gibt, die über das Aufkommen und Abflauen von Wirbelstürmen entscheiden. Hurrikane wie "Katrina" und "Rita" profitierten nicht nur von den Badewannen-Temperaturen des Meerwassers im Sommer 2005, sondern auch vom Ausbleiben starker Scherwinde aus unterschiedlichen Richtungen, die einen Wirbelsturm schnell wieder zersausen können. Darum lässt sich kaum sagen, wie stark die Klimaerwärmung atlantische Hurrikane wirklich zusätzlich aufpäppelt.

Zudem weist Christopher Landsea vom Hurrikan-Zentrum der US-Wetterbehörde NOAA darauf hin, dass es in den zwei Jahrzehnten vor "Katrina" keine erkennbare Zunahme in der Intensität tropischer Wirbelstürme gegeben habe. Und das, so der Meteorologe im Fachblatt "Science", obwohl die globale Meerestemperatur in dieser Zeit um 0,25 Grad Celsius gestiegen sei: "Extreme Wirbelstürme hätten in den letzten beiden Dekaden eigentlich häufiger werden müssen." Gibt es also gar keinen Trend? Oder stimmten die sonstigen Randbedingungen einfach nicht?

Hitzewelle in der Hurrikan-Küche

Landsea rät dazu, die vorhandenen Datensätze noch einmal gründlich zu analysieren. Und er begrüßt ausdrücklich, dass Klimaforscher in ihren Modellrechnungen extreme Wetterereignisse wie Hurrikane inzwischen stärker im Blick haben. Denn auch der Skeptiker stimmt im Prinzip mit dem überein, was James Elsner in seiner jüngsten Studie schreibt: "Dass der Klimawandel die Zerstörungskraft von Hurrikanen steigern kann, ist ein Grund zur Sorge."

Denn sollten Elsner, Trenberth und Shea Recht behalten, könnte es an der US-Ostküste ziemlich ungemütlich werden. Nach NOAA-Daten hat sich das Oberflächenwasser im tropischen Nordatlantik zwischen dem 10. und 20. Breitengrad während des vergangenen Jahrhunderts um 0,6 Grad Celsius erwärmt. Im Rekordsommer 2005 lag die Temperatur sogar um fast ein Grad Celsius über dem Mittelwert für diese Jahreszeit. Klimamodellen zufolge wird sich die Hurrikan-Küche auch in diesem Jahrhundert weiter erwärmen.



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