Washington/London - Zeiten, in denen die Ölpest im Golf von Mexiko hauptsächlich in den Weiten des Ozeans stattgefunden hat, sind endgültig vorbei: Auch an den Küsten nehmen die Folgen dramatische Ausmaße an. Am schwersten betroffen ist Mississippi: Große Mengen der dunklen Masse verschmutzen die Küste des US-Bundesstaats. Am Donnerstag trieben hohe Wellen riesige Stücke gehärteten Öls an die Strände. Manche von ihnen seien so groß wie Schulbusse, hieß es in Medienberichten. Zuvor hatte öliges Wasser eine Absperrmauer überwunden und ließ eine Küstenstraße sowie ein empfindliches Stück Marschland verdreckt zurück. Allein am Mittwoch fanden Arbeiter die Kadaver von 35 ölverschmierten Seevögeln.
"Das Öl läuft jetzt ungehindert in die Feuchtgebiete im Landesinneren", sagte Brian Adam, Direktor der Mississippi Emergency Management Agency. "Das ist genau das, was wir verhindern wollten." Tommy Longo, der Bürgermeister von Waveland, einer der betroffenen Gemeinden, übte scharfe Kritik am Ölkonzern BP. "Wir haben seit Beginn der Ölpest um einen besseren Schutz gebeten", so Longo. "Wir sind frustriert. Es scheint, als wolle BP geradezu, dass das Öl die Küste erreicht." Küstenwachensprecher Charles Diorio erklärte dagegen, der Schutz der Küsten genieße oberste Priorität. Doch der Hurrikan "Alex", der vergangene Woche über dem Golf von Mexiko tobte, habe den Einsatz von Schiffen gegen die Ölpest erschwert.
BP weckt Hoffnung auf vorzeitigen Erfolg der Entlastungsbohrung
Die US-Regierung hat unterdessen erneut den Druck auf BP erhöht. In einem Brief an den britischen Konzern forderte das Weiße Haus Klarheit über Pläne, einen neuen Zylinder über das sprudelnde Bohrloch zu stülpen. Für die Antwort wurde BP eine 24-stündige Frist gesetzt. Der neue Zylinder soll fester versiegelt sein als der bisherige Behälter, aus dem Schiffe über Leitungen Öl aufsaugen. Dies soll sicherstellen, dass auch bei stürmischer See das Öl weiter abgepumpt werden kann. Die US-Regierung sorgt sich aber darüber, dass während des Auswechselns der Behälter das Öl wieder ungebremst ins Wasser gelangen könnte. Sie will wissen, was geplant ist, um eine weitere Ausbreitung der Ölpest in dieser Zeitspanne zu verhindern.
BP hofft unterdessen, die Quelle mit Hilfe einer Nebenleitung endgültig zu versiegeln. Sie wird zurzeit gebohrt und soll tief im Meeresboden auf das Hauptbohrloch treffen. BP will dann zunächst Schlamm und danach Zement einleiten, um die Quelle endgültig zu verstopfen. BP-Manager Robert Dudley hatte in einem Interview des "Wall Street Journal" angedeutet, dass dies schon früher gelingen könnte als Mitte August, dem bisher geplanten Termin. "In einer perfekten Welt ist es möglich, die Quelle zwischen dem 20. und dem 27. Juli zu schließen", sagte Dudley.
Eine BP-Sprecherin sagte, ein Erfolg Ende Juli sei denkbar, aber "das ist das allerbeste Szenario. Das wäre der Fall, wenn alles perfekt nach Plan laufen würde." Weitere Hurrikane und andere Probleme dürften dann nicht mehr auftreten.
Letzter Bohrabschnitt besonders anspruchsvoll
Admiral Thad Allen, der Ölpestsonderbeauftragte von US-Präsident Barack Obama, warnte erneut davor, die Erwartungen zu hoch zu schrauben. Er bestätigte zwar wie schon zuvor, dass BP bei der Entlastungsbohrung den Plänen um etwa sieben Tage voraus sei, verwies aber zugleich darauf, dass der letzte Bohrabschnitt besonders kompliziert sei.
Nach Parallelbohrungen zum Hauptbohrloch war nach Angaben der "Washington Post" noch eine Strecke von etwa 60 Metern bis zum Treffpunkt zu bewältigen. Dabei sollte der Bohrer in Abständen immer wieder zurückgezogen und eine Sonde eingeführt werden, um etwaige magnetische Signale vom Rohr im Hauptbohrloch aufzufangen. Experten halten es für möglich, dass nach einem erfolgreichen Treffer mehr als ein Versuch nötig ist, um die Quelle mit Schlamm und Zement zu verschließen. Jede Runde, sagte Allen, könnte eine Woche bis zehn Tage dauern.
Seit der Explosion der Bohrinsel "Deepwater Horizon" am 20. April sind 330 bis 640 Millionen Liter Öl ins Meer geströmt. Der BP-Konzern plant nun ein weitergehendes Säuberungsprogramm, um nach dem Schließen des Unterwasserlecks auch das unter der Strandoberfläche verborgene Öl zu beseitigen. Dazu soll das Öl gezielt verbrannt werden. Dieser Plan ist unter Experten umstritten. Einige Meeresbiologen sehen darin nur einen Nutzen für den Tourismus, andere halten eine Tiefenreinigung für wichtig, da der Sand Lebensraum von Tieren wie Sandflöhen ist, die am Anfang der Nahrungskette stehen. Bislang wird der Strand nur an der Oberfläche gereinigt.
mbe/dpa/Reuters
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