Erreger aus Afrika Usutu-Virus löst erneut Amselsterben aus

Das Usutu-Virus ist zurück: In Rheinland-Pfalz sterben derzeit massenhaft Amseln an dem Erreger aus Afrika. Auch ein Mensch hat sich bereits angesteckt. Experten rechnen damit, dass sich das Virus auch in anderen Teilen Deutschlands ausbreiten wird.

Kadaver einer am Usutu-Virus verendeten Amsel: Vogelsterben in Südwestdeutschland
dapd

Kadaver einer am Usutu-Virus verendeten Amsel: Vogelsterben in Südwestdeutschland


Hamburg/Waldsee - Das aus Afrika stammende Usutu-Virus hat in Südwestdeutschland erneut ein Massensterben bei Amseln ausgelöst. In der Umgebung von Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz würden täglich bis zu zehn tote Amseln entdeckt, sagte Norbert Becker von der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Stechmückenplage am Oberrhein (KABS) in Waldsee. Das Virus raffe selbst Küken in ihrem Nest dahin.

Das Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin hat inzwischen auch eine Infektion beim Menschen nachgewiesen. Nach Angaben des Leiters der virologischen Diagnostik, Jonas Schmidt-Chanasit, verlief bei Untersuchungen des Blutes von 4200 Blutspendern aus der Rhein-Neckar-Region ein Test positiv. Ein Patient aus dem hessischen Groß-Gerau hatte Antikörper gegen Usutu im Blut, war also wenige Monate zuvor daran erkrankt.

Vermutlich gebe es noch mehr Fälle, doch die Erkrankung werde oft nicht erkannt, sagte Schmidt-Chanasit. Bei leichtem Fieber und Hautausschlag würden Hausärzte kaum an das Usutu-Virus denken und eher eine Sommergrippe diagnostizieren. Schwere Fälle wie in Italien, wo das Virus bei immungeschwächten Patienten eine Gehirnentzündung ausgelöst hatte, gebe es in Deutschland bislang nicht.

Virus könnte noch Jahrzehnte in Deutschland wüten

Der Mensch könne die Ausbreitung des Virus nicht oder nur durch sehr kostspielige Maßnahmen verhindern, sagte Schmidt-Chanasit. Es könne Jahre bis Jahrzehnte dauern, bis das Virus zurückgehe. In dieser Zeit sei mit teils dramatischen Rückgängen bei der Amselpopulation zu rechnen. Der Erreger habe das Potential, im Laufe der Jahre in Deutschland Millionen Vögel zu töten. Ob und wohin er sich ausbreite, sei allerdings noch völlig unklar.

Überraschend sei, dass das Virus in diesem Jahr genauso schlimm wüte wie 2011, als es erstmals in Deutschland grassiert sei, sagte Becker. Die KABS-Mitarbeiter hatten darauf gehofft, dass die Vögel Resistenzen entwickeln und dadurch der Vormarsch des Virus gestoppt wird. Stattdessen habe sich die Problematik nur räumlich verschoben.

Es zeichne sich ab, dass sich das Virus in Deutschland weiter ausbreite, sagte Becker. Inzwischen gebe es einen ersten Fund in Nordrhein-Westfalen und zwei Funde in der Region um Freiburg in Baden-Württemberg. Befördert werde die Entwicklung durch die Wetterlage in diesem Sommer: Regen und Unwetter begünstigten die Ausbreitung von Mücken, die Usutu übertragen.

Nur geringe Gefahr für Menschen

Das Usutu-Virus stammt aus Afrika und ist mit dem West-Nil-Virus verwandt. Es wird durch Stechmücken übertragen und ist vor allem für Singvögel gefährlich, kann aber auch bei Säugetieren und Menschen Erkrankungen hervorrufen. Bei Amseln führt die Infektion oft zum Tod. Für Menschen besteht hingegen normalerweise keine große Gefahr: Eine Infektion ist selten und führt lediglich zu leichten Symptomen wie Fieber und Hautausschlägen. Bei immungeschwächten und älteren Patienten kann das Usutu-Virus aber auch schwere Erkrankungen wie eine Gehirnentzündung auslösen. Grundsätzlich sollten Vogelkadaver nicht mit bloßen Händen angefasst werden.

In Europa wurde das Virus erstmals 2001 in Österreich entdeckt. Damals löste es im Raum Wien ein Massensterben von Amseln aus. Die Vögel entwickelten jedoch nach einiger Zeit Resistenzen, und die Bestände konnten sich erholen. In den Folgejahren tauchte das Virus in Ungarn, der Schweiz, Großbritannien und Italien auf.

Im Sommer 2011 wurde Usutu erstmals auch in Deutschland nachgewiesen: Im Dreiländereck von Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg gab es ein Massensterben von Amseln, jede zweite Amsel fiel dort dem Tropenvirus zum Opfer. In Bad Dürkheim und Frankenthal wurden nach Angaben des Naturschutzbunds sogar drei Viertel aller Amseln getötet.

Mitte Juli 2012 wurde erstmals eine Amsel in Nordrhein-Westfalen entdeckt, die durch das Usutu-Virus ums Leben kam. Auch aus anderen Regionen wie dem Raum Freiburg wurden Fälle gemeldet. Bürger werden gebeten, tote oder kranke Vögel dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg zu melden, um die Ausbreitung der Krankheit verfolgen zu können.

mbe/dapd



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