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Knochensplitter

T. Rex-Verwandter Vegetarier mit seltsamen Füßen

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Die als "Raubsaurier" bekannten Theropoden kennt man gemeinhin als Fleischfresser. Viele von ihnen aber waren Vegetarier - und Chilesaurus diegosuarezi wohl einer der seltsamsten unter ihnen. Forscher vergleichen seinen Eigenschaften-Mix mit Schnabeltieren.

Als der siebenjährige Diego Suárez die Paläontologen eines internationalen Forschungsteams zu den versteinerten Knochen führte, die er zufällig gefunden hatte, fiel denen die Einordnung zunächst schwer. Sie wiesen so viele Merkmale hoch unterschiedlicher Arten auf, dass sie zunächst glaubten, mehrere Fossile gefunden zu haben. Inzwischen ist klar: Chilesaurus diegosuarezi war eine Art Puzzle-Saurier - einfach anders als die meisten seiner Verwandten.

Ein Forscherteam um Fernando Novas vom Museo Argentino de Ciencias Naturales Bernardino Rivadavia in Buenos Aires (Argentinien) berichtet in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" über den Fund. Der Theropode besitze Merkmale, die man zum Teil völlig anderen Sauriergruppen zuordne: kurze Vordergliedmaßen, aber einen langen Hals, einen für Raubsaurier untypisch kleinen Kopf, blattförmige Zähne und seltsame Füße.

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Raubsaurier: Es muss nicht immer Fleisch sein
Den irritierenden Eigenschaften-Mix deuten sie als Resultat konvergenter Evolution: Die Körpermerkmale sind keine "Erbschaften" innerhalb von Entwicklungslinien, sondern wurden unabhängig ausgeprägt, weil sie für Lebensraum- und -weise des Tieres nützlich waren.

Chilesaurus gehörte zu den Theropoden, die sich pflanzlich ernährten. Gemeinhin verbindet man mit diesen Verwandten des T. Rex eine blutige, karnivore Lebensweise. In den letzten fünfundzwanzig Jahren aber wurde klar, dass die vermeintlichen Raubsaurier viel breiter aufgestellt waren, als lange gedacht: Nicht alles, was da auf zwei Beinen lief und nach Räuber aussah, war auch einer. Neben Fleisch- und Aasfressern gab es Fisch- und Allesfresser, Kannibalen, zahlreiche "Veganer" und sogar Insektenvertilger in der Familie.

Fragment des rechten Kiefers: Die Zähne eines "Pflanzen-Jägers" Zur Großansicht
REUTERS

Fragment des rechten Kiefers: Die Zähne eines "Pflanzen-Jägers"

Allein vier Entwicklungslinien der Theropoden gelten heute als komplett Nicht-Karnivor, in anderen gibt es zumindest Ausnahmen. 2010 führten Lindsay Zanno und Peter Makovicky im Fachblatt "PNAS" für 44 Theropoden-Spezies den Nachweis vegetarischer Ernährung.

Auch Chilesaurus diegosuarezi war Vegetarier. Seltsam ist an dem vergleichsweise kleinen Tier, von dem in der Region Aysén im Süden Chiles gleich mehrere Fossile von Hühnergröße bis drei Meter Länge gefunden wurden, aber vor allem der verblüffende Mix von Eigenschaften.

Ein Saurier-Puzzle, das an Schnabeltiere erinnert

Die Forscher nennen ihn scherzhaft einen "Platypus"-Saurier, also einen "Schnabeltier-Saurus". Das australische Schnabeltier ist ein eierlegendes Säugetier mit einem Entenschnabel und Giftstacheln an den Hinterbeinen - ein Tier wie ein Puzzle.

Der Artbegriff diegosuarezi verweist auf den kleinen Jungen, der in der Region Aysén die ersten Knochen gefunden hatte. In der Folge wurden mehrere Funde aus der sogenannten Toqui-Formation dort der Art zugeordnet.

Bis vor etwa zwanzig Jahren ging man davon aus, dass die zweibeinig laufenden Theropoda ursprünglich alle Fleischfresser gewesen seien. Demnach hätten sich erst spät einige Entwicklungslinien auf andere Ernährungsweisen umgestellt: Die spektakulären, langklauigen Therizinosaurier waren alle Vegetarier, viele Maniraptoren und Troodontidae wohl auch. Vor allem in der Entwicklungslinie, die über die Proaves zu den Vögeln führte, wurde die Ernährungsweise dann häufiger.

Seit Beginn der Neunzigerjahre aber fand man immer mehr Fossilien veganer Theropoden auch in älteren Schichten. Chilesaurus diegosuarezi verstärkt nun diese Ränge: Mit einem Alter von rund 145 Millionen Jahren war er ein Theropode des ausgehenden Jura und zählt so gerade noch zu den "early adopters" unter den veganen Theropoden. Die meisten Paläontologen gehen inzwischen davon aus, dass sich vegetarische Ernährungsweisen schon früh unter den Theropoden verbreiteten. Die Gruppe ist damit schlicht deutlich vielfältiger als lange gedacht. Chilesaurus trägt mit seinem Eigenschaften-Mix jedenfalls eine neue Facette dazu bei.

13 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
hinnerk.albert 28.04.2015
RobinB 29.04.2015
hinnerk.albert 29.04.2015
RobinB 29.04.2015
hinnerk.albert 29.04.2015
RobinB 29.04.2015
Pumkin 29.04.2015
hinnerk.albert 29.04.2015
Pumkin 29.04.2015
RobinB 30.04.2015
genutztername 30.04.2015
wauz 30.04.2015
hinnerk.albert 30.04.2015

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Die größten bisher bekannten Dinosaurierarten (geschätzt)
Puertasaurus (Titanosauria), Argentinien, Oberkreide, 40 Meter
Argentinosaurs (Titanosauria), Argentinien, Oberkreide, 35 – 40 Meter
Paralititan (Titanosauria), Ägypten, Oberkreide, 26 Meter
Antarctosaurus (Titanosauria), Argentinien, Oberkreide, 33 Meter
Futalognkosaurus (Titanosauria), Argentinien, Oberkreide, 30 – 35 Meter
Amphicoelias (Diplodocoidea), USA, Oberjura, 40 – 60 Meter, Rückenwirbel 2,30 Meter hoch
Diplodocus (Diplodocoidea), USA, Oberjura, 27 Meter
Seismosaurus (Diplodocoidea), USA, Oberjura, 32 Meter
Supersaurus (Diplodocoidea), USA, Oberjura, 30 – 35 Meter
Sauroposeidon (Brachiosauridae), USA, Unterkreide, 28 – 34 Meter (18 Meter hoch)
Quelle: Senckenberg Museum, Frankfurt

Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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