Vererbung Grüße vom Ex

Frühere Sexpartner der Mutter beeinflussen das Aussehen von späterem Nachwuchs - das haben Forscher bei Fliegen nachgewiesen. Der Samen des Ex bestimmt bei den Nachkommen ein wichtiges Merkmal.

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So groß wie der Ex-Mann: Bei australischen Fliegen kommt der Nachwuchs nach dem ersten Sexualpartner
Russell Bonduriansky

So groß wie der Ex-Mann: Bei australischen Fliegen kommt der Nachwuchs nach dem ersten Sexualpartner


Die krumpeligen Ohren vom Ex, die Beine vom Ex und auch die Augen. Nicht schön, aber jetzt nachgewiesen: Frühere Sexualpartner der Mutter beeinflussen das Aussehen späterer Nachkommen - zumindest bei Fliegen der Art Telostylinus angusticollis. Die hatten zwar nicht die Beine vom Ex-Freund der Mutter, aber sie waren genauso groß oder klein wie deren früherer Sexualpartner. Die Forscher um Angela Crean von der australischen University of New South Wales vermuten daher, dass der Samen der Ex-Partner einen Einfluss auf die Nachkommen hat. Zu diesem Ergebnis kommen sie in einer Studie im Fachmagazin "Ecology Letters".

Für ihren Versuch züchteten die Forscher besonders gut gewachsene Männchen - dafür fütterten sie die Larven der Fliegen mit sehr eiweißreicher Kost. Und sie züchteten Männchen, die wenig zu futtern bekamen und eher kleingewachsen daherkamen. Dann steckten sie die Weibchen entweder mit einem besonders großen oder einem besonders kleinen Männchen zwecks Paarung in einen Käfig. Die Weibchen waren zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht fortpflanzungsfähig und konnten noch keine Eier legen. Zwei Wochen später - jetzt waren sie geschlechtsreif - bekamen die Fliegenweibchen erneut ein paarungswilliges Männchen in den Käfig.

Sperma-Wettkampf

Nun legten die geschlechtsreifen Weibchen Eier und die Forscher konnten den Fliegennachwuchs nach dem Schlüpfen untersuchen. Das Ergebnis: Je größer der erste Sexualpartner der Mutter, umso größer die Nachkommen. "Wir wissen, dass die Samenflüssigkeit über die Geschlechtsorgane des Weibchens Effekte auf das Verhalten und die körperliche Leistung des Weibchens hat", so Crean. Die Studie zeige, dass familiäre Merkmale nicht nur über die Gene weitergegeben würden.

Diesen Effekt nennen Crean und ihre Kollegen Telegonie - der Begriff bezeichnet eine längst verworfene Vererbungstheorie. Sie geht zurück auf den griechischen Philosophen Aristoteles und besagt, dass vorhergegangene Partner das Aussehen von Nachkommen darauffolgender Partner beeinflussen können.

"Genetiker haben eine Vielzahl von Theorien schlechtgemacht, die unvereinbar mit den mendelschen Regeln der Vererbungslehre erschienen, weil lange angenommen wurde, dass nur ein einziger Mechanismus die Vererbung bestimmt", sagt Crean. "Heute wissen wir aber, dass verschiedene Vererbungsmechanismen parallel wirken, daher müssen einige diskreditierte Theorien neu untersucht werden."

Nun könnte natürlich theoretisch auch die Mutter ihren Teil zur Größe ihrer Nachkommen beitragen. Da hält Crean dagegen: "Natürlich beeinflussen die Gene der Mutter und des Vaters die Nachkommen", sagt sie. "Doch in diesem Versuch haben wir die Männchen so gezielt gezüchtet, dass wir wissen, dass die bei den Nachkommen beobachtete Größe vom ersten Männchen kommt."

Die Fliegen der Art Telesylinus agusticollis sind nicht sehr weit verbreitet. Sie kommen nur in Australien vor. Insgesamt gibt es von der Familie der Neriidae nur etwa hundert Arten - die meisten in den Tropen.

Ob sich die Ergebnisse auch auf andere Arten übertragen lassen? "Das Potenzial für Telegonie existiert in jeder Art, die sich mehrfach verpaart", sagt Crean. "Aber bisher haben wir es nur für diese Art nachgewiesen."

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
chandler_m_bing 05.10.2014
1.
Stichwort: Nature/Nurture, Stichwort: Regression zur Mitte. Fliegen zu füttern bis sie ordentlich groß sind, wird keinen Einfluss auf ihr Erbgut nehmen und sich mit ihrem Samen verteilen. Und selbst in dem hypothetischen Fall, dass die Forscher tatsächlich Fliegen mit extremer Merkmalsausprägung gezüchtet hätten , wäre anzunehmen, dass deren Nachkommen weniger extreme Merkmalsausprägungen haben aufgrund des Effekts der Regression zur Mitte. Klassischer Fehlschluss in der Kausalität ;)
happyrocker 05.10.2014
2. Steile These
wer von einer Forschungsarbeit an Insekten direkt auf "alle Arten" schließt, ist offensichtlich mehr auf Effekthascherei als auf seröse wissenschaftliche Erkenntnisse aus. Tierzüchter aus allen Jahrtausenden und aller Welt haben da bei Säugetieren jedenfalls immer andere Erfahrungen gemacht.
heinrich-wilhelm 05.10.2014
3.
Der menschliche Bulle muss wohl erst erschaffen werden, der mittels seines Samens eine genetische Mutation in der genetischen Ausstattung der Mutter bewirkt, die den Phänotypus des Kindes zu einem Zeitpunkt X bewirken kann. Und Fliegen der og. Art sind wir meines Wissens auch nicht, aber eine interessante Entdeckung bleibt es dennoch.
zieloptiker 05.10.2014
4. Lyssenko teilweise rehabilitiert?
Dies ist nicht das erste Experiment zum Thema, dass nicht allein Gene zur Vererbung beitragen ist sowieso schon eine ältere Theorie: Schon der verfemte ukrainisch-sowjetische Biologe Lyssenko, Freund von Stalin und "entmachtet" unter Chruschtschow hatte gemutmaßt, es gäbe auch noch andere Vererbungskriterien, die während des Lebens erworben würden. In seinen Ansichten war er radikal - lehnte daher Gene ab - und machte reihenweise methodische Fehler und ließ Gegner politisch verfolgen, ... aber, seine Thesen lauteten u.a.: "1 Die Vererbung ist eine Eigenschaft des gesamten Organismus. Es existieren keine diskreten Erbanlagen oder Gene. 2. Durch veränderte Umwelt- und Lebensbedingungen können erbliche Veränderungen induziert werden. Der Charakter der Veränderungen ist dem Charakter der induzierenden Bedingungen adäquat." http://de.wikipedia.org/wiki/Trofim_Denissowitsch_Lyssenko Es scheint, er könnte zumindest teilweise Recht behalten.
Emil Peisker 05.10.2014
5. Weiterforschen...
Eventuell werden genetisch relevante DNA-Abschnitte des ersten Sexualpartners in den noch nicht geschlechtsreifen Weibchen gespeichert und später verwendet. Alles andere, zum Beispiel die Erinnerung an den ersten Lover, halte ich für eine nette Story, aber genetisch für irrelevant. Weiterforschen, zuviel Spekulation, zu wenige Fakten.
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