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Verfehlte EU-Politik: Regierung räumt katastrophale Überfischung ein

Von Christian Schwägerl

Viele Meere sind verheerend überfischt - Schuld daran hat auch die EU mit ihrer übergroßen, schlecht kontrollierten Fangflotte. Die Bundesregierung prangert in einem Bericht riesige Verfehlungen der europäischen Fangpolitik an - doch ihr fehlt der Mut zu harten Einschnitten.

Berlin - Die Europäer sind Plünderer. Sie entnehmen aus ihren Meeren deutlich mehr Fische als im Meer nachwachsen. Ihre Regierungen dulden Raub, denn illegaler Fischerei setzen sie kaum Staatsgewalt entgegen. Sie planen die Überfischung sogar mit, denn sie halten an einer aufgeblähten Fangflotte fest.

So hart lässt sich zusammenfassen, was die Bundesregierung nun als Bilanz der europäischen Fischereipolitik zu Papier gebracht hat - in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag, Drucksache 16/11729.

Natürlich drückt sich die Regierung anders aus: Zu beklagen seien "mangelnde Konsequenz bei der Festsetzung zulässiger Gesamtfangmengen", "Schlupflöcher im Fischereikontrollsystem", ein "oftmals nicht abschreckendes Sanktionsniveau" sowie eine "mangelnde Beseitigung von Überkapazitäten bei einigen Flotten".

Die Folgen der Misswirtschaft haben die Vereinten Nationen erst Anfang März im neuen Weltfischereireport beschrieben. 80 Prozent der Fischbestände sind demnach überfischt oder bis an die Grenzen ausgebeutet. Darunter leidet das Ökosystem Meer - aber auch die Menschheit, der in Zukunft wichtige Proteinnahrung fehlen dürfte. "Die weltweite Fischerei ist ein Verlustgeschäft für Mensch und Natur, sie könnte bis Mitte des Jahrhunderts ganz zusammenbrechen", erläuterte Karoline Schacht von der Umweltschutzorganisation WWF in Reaktion auf den Weltfischereireport. Die wirtschaftlichen Verluste durch Überfischung würden auf etwa 40 Milliarden Euro im Jahr geschätzt. Der WWF fordert ein "nachhaltiges Management" der Fischerei, mehr Schutzgebiete, umweltfreundlichere Fangtechniken und wesentlich kleinere Fangflotten. Die von Politik und Industrie zugesagte Trendwende sei ausgeblieben.

So auch von Seiten der Bundesregierung. Bei der Frage, ob ein kompletter Neuanfang in der Fischereipolitik nötig sei, verlässt die Bundesregierung in ihrer Antwort an das Parlament der Mut: Es könnten "weder die gemeinsame Fischereipolitik in ihrer Gesamtheit noch einzelne Instrumente pauschal als gescheitert betrachtet werden", heißt es da.

Verbot der Beifangentsorgung nur schrittweise

Die Bundesregierung betont, sie arbeite aktiv an zahlreichen Verbesserungen des Systems mit. So solle die Fangmenge in Zukunft "auf der Grundlage wissenschaftlicher Empfehlungen" festgelegt werden. Das wäre schon längst möglich gewesen, denn der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) legt solche Empfehlungen vor - doch haben die EU-Länder sie noch immer ignoriert, sehr häufig mit deutscher Zustimmung.

Außerdem, schreibt die Regierung, solle es "schnellstmöglich" verboten werden, Fische einfach von Bord ins Meer zurückzuwerfen. Die Entsorgung des Beifangs im Meer erlaubt es, nur die wertvollsten und besten an Land zu bringen. Ein Rückwurfverbot wäre eine Pflicht, den gesamten Fang an Land zu bringen. Das würde Fischer dazu bringen, selektivere Fangtechniken einzusetzen, also nicht wahllos das Meer zu leeren, sondern gezielter auf Fang zu gehen.

Allerdings schränkt die Bundesregierung den Vorstoß gleich wieder ein: Nur kommerziell nutzbare Arten, die unerwünscht ins Netz gehen und an Land gebracht werden müssten, sollten von der insgesamt erlaubten Fangmenge abgezogen werden. Kommerziell nicht nutzbare Meereslebewesen blieben also weiter unberücksichtigt. Weiterhin betont die Regierung, dass sich ein Rückwurfverbot "aufgrund der komplexen Auswirkungen allerdings voraussichtlich nur schrittweise einführen" ließe.

Komplexe Auswirkungen? Aus dem Behördendeutsch übersetzt sind das wirtschaftliche Einbußen für Fischer, die besonders heftig überfischen.

Angst vor dem Zorn der europäischen Partner

Der Hintergrund ist klar: Noch immer traut sich die Bundesregierung nicht, offen in Brüssel gegen wichtige Fischereinationen wie Spanien und Dänemark aufzutreten und trotz der relativ kleinen deutschen Fischfangflotte das deutsche Gesamtgewicht in der EU einzusetzen. Zu groß ist der Angst, sich den Zorn der europäischen Partner zuzuziehen und sie auf anderen Gebieten als Verbündete zu verlieren.

Entsprechend enttäuscht ist die Initiatorin der Anfrage, die Fischereipolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Cornelia Behm: "Die Regierung ignoriert, wie katastrophal überfischt die europäischen Meere sind. Diese realitätsferne Haltung der Bundesregierung lässt auch für die Zukunft nur eine zögerliche Herangehensweise an die Reform der Fischereipolitik befürchten", sagt sie. Wenn die Bundesregierung in der Fischereipolitik glaubwürdig werden wolle, müsse sie rasch die Initiative dafür ergreifen, die Zahl und Kapazität der Fischfangboote deutlich zu reduzieren.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Zukunft von Mensch und Tier
wowiku, 15.03.2009
Zitat von sysopViele Meere sind verheerend überfischt - Schuld daran hat auch die EU mit ihrer übergroßen, schlecht kontrollierten Fangflotte. Die Bundesregierung prangert in einem Bericht riesige Verfehlungen der europäischen Fangpolitik an - doch ihr fehlt der Mut zu harten Einschnitten . http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,613336,00.html
Wo zeigt diese Regierung denn Mut, wenn es um die Zukunft der Menschheit geht? Weder bei der Ausbeutung des Tieres noch des Menschen wird halt gemacht
2. eins nach dem anderen
nursoma, 15.03.2009
nu' lasst uns erstmal Opel retten ... zu IGLU kommen wir, wenn es soweit ist ...
3. Klimawandel war anscheinend wichtiger
Wolf_68, 15.03.2009
Zitat von sysopViele Meere sind verheerend überfischt - Schuld daran hat auch die EU mit ihrer übergroßen, schlecht kontrollierten Fangflotte. Die Bundesregierung prangert in einem Bericht riesige Verfehlungen der europäischen Fangpolitik an - doch ihr fehlt der Mut zu harten Einschnitten . http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,613336,00.html
Ach komisch, als wenn das Problem des industriellen Fischfangs auf einmal von gestern auf heute aufkam; ABER NEIN! das kollabierende Klima war ja wichtiger.
4. Ist doch schon länger bekannt
Knut Oellersen, 15.03.2009
Immerhin bringt der Spiegel-Online jetzt mal eine zweitrangige Nachricht zu diesem Thema auf die Webseite. Solange die Medien solche Zustände totschweigen werden keine massiven Verbrauchermeinungen die politischen Entscheidungen beeinflussen. Die Verantwortung liegt bei Euch Journalisten - macht was draus! Außerdem haben wir gerade Wahljahr. Da sind Politiker beweglicher als sonst.
5. wir sitzen...
NAP2009 15.03.2009
mit der berühmten säge auf dem ast... Man muss nur mal schauen wieviel fisch in welchen darreichungsformen auch immer täglich zu welchen preisen zur verfügung steht...und wieviel davon letztlich vernichtet wird... Für den planeten erde mit der vielfalt seiner lebewesen sind wir doch schon lange nur noch ein übel juckender hautausschlag, wenn nicht sogar das todbringende geschwür!!! Ressourcenvernichtung wohin man sieht, wir sind einfach zuviele und denken zuwenig(nach) Halt die krone der (Er)schöpfung!!! Mässigung täte not, gestern schon... ps.: Ich lebe was ich predige, faste schon seit Aschermittwoch - kaufe nur saisonal verfügbares aus der unmittelbaren umgebung und es ist mir scheissegal das ich durch konsumverzicht evtl. arbeitsplätze vernichte...
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