Vergifteter Fluss in Bangladesch Schwarzer Schaum auf dem Buriganga

Einst die Lebensader von Bangladesch, jetzt ein Todesfluss: Am Buriganga sind die Folgen der Globalisierung zu besichtigen. Abwässer haben den Strom in einen gefährlichen Sud verwandelt - mit bösen Folgen für Millionen Menschen.

Von Joachim Hoelzgen


Der Buriganga ist die Lebensader von Dhaka. Der Fluss teilt die Hauptstadt von Bangladesch, auf ihm wimmelt es nur so von Fähren, Schaufelraddampfern und Ausflugsbooten - und den kleinen Kähnen von Obsthändlern, die am Ufer Ananas und Mangofrüchte feilbieten. Doch die Passagierschiffe in der Mitte des Stroms erzeugen keine weiße Gischt. Die Schaumkronen sind grau und manchmal sogar schwarz - wie der ganze Buriganga.

Der Fluss ist tot. Das Leben im Buriganga ist in dem Tempo verschwunden, mit dem die Zwölf-Millionen-Metropole Dhaka wild in alle Richtungen gewuchert ist. Hochhäuser ragen empor und Einkaufszentren. Wellblech-Slums markieren die Welt der Armut, und qualmende Schlote sind die Zeichen einer rasanten Industrialisierung.

Walzwerke und Papierfabriken, Zuckermühlen und Zementhersteller, Kunstdünger-, Kunststoff- und Chemieanlagen ballen sich in und um Dhaka. Und dazu Hunderte von Textilfabriken und dampfenden Gerbereien, die rohe Tierhäute für den Export in Lederwaren aller Art verwandeln.

Es waren Billigstlöhne und ein riesenhafter Pool von Arbeitskräften, die Dhaka zu einem Gewinner der Globalisierung gemacht haben - und zu ihrem krassesten Verlierer. Denn mit dem vermeintlichen Fortschritt entstand ein frühindustrielles Abwasserinferno aus giftigem Sud, schillernder Brühe, Schmutz und Gestank, das den Buriganga zum Todesfluss machte.

Der Fluss habe sich "in schwarzes Gel verwandelt", sagt der führende Gewässerkundler Bangladeschs, Ainun Nishat. "Alle Fische sind verendet, und das Wasser riecht so furchtbar, dass man nicht mal auf ihm rudern kann", klagt der Repräsentant der Naturschutzorganisation International Union for Conservation of Nature.

Hände riechen nach Kerosin

Übertrieben klingt das nicht. Manchmal wirkt der Strom wie Zelluloid, das sich von Ufer zu Ufer spannt. Und an der Brücke der Freundschaft inmitten der Stadt hat es den Anschein, als käme die dickflüssige Brühe zum Stehen.

Verwunderlich ist das kaum, wie eine Studie der Weltbank zeigt. Danach ergießen sich täglich 1,5 Millionen Kubikmeter Haushaltsabwässer in den Buriganga und dazu 500.000 Kubikmeter nahezu ungeklärter Industrieabwässer. Dem Fluss, in dem es einst Schildkröten und Süßwasserdelfine gab, hat das den Garaus gemacht. "Der Sauerstoff ist im Buriganga aufgebraucht. Wir bezeichnen ihn als biologisch tot", beschreibt Khawaja Minnatullah, der Weltbank-Wasserspezialist für Bangladesch, die Situation.

Auch die Nebenflüsse des Buriganga sind betroffen. Am Turag etwa, an dem sich hauptsächlich Färbereien und Textilfabriken angesiedelt haben, würden die Hände nach Kerosin riechen, wenn man sie mit Flusswasser gewaschen habe, berichten die Anwohner. Fische gibt es hier keine mehr.

Eine "purpurfarbene Flüssigkeit" quelle aus den Fabrikationsstätten, hat die Tageszeitung "The Daily Star" beobachtet. Und: Keine von ihnen besitze eine Anlage zum Herausfiltern der Schadstoffe - Chemikalien, Salze und Säuren, die beim Färben der Wolle und Garne zum Einsatz kommen.

Diverse Regierungen in Dhaka haben das Problem der Flussverpestung erkannt und Kläranlagen für die Industrien vorgeschrieben. Doch die Gesetze waren so dünn wie das Papier, auf dem sie geschrieben stehen. Die Lederfabrikanten etwa sperren sich seit Jahren gegen einen Umzug und den Betrieb einer zentralen Kläranlage. Das sei Sache der Regierung; sie solle die Kosten doch aus Geldern der Entwicklungshilfe aufbringen, argumentiert die Leder-Lobby.

Slipper und Handtaschen

Berüchtigt für ihre Abwässer sind vor allem die 195 Gerbereien von Hazaribagh, dem Zentrum der Lederindustrie in Bangladesch. Der Wasserverbrauch beim Enthaaren und Einweichen der Tierhäute und deren Verarbeitung zu Slippern, Handtaschen und Gürteln ist beträchtlich: 60 Kubikmeter Wasser werden pro Tonne des Rohmaterials benötigt - und zu Laugen konzentriert, die Chromsalze, Mangan, Blei und Kupferbestandteile enthalten, erläutert der Chemiker Ajoy Kumar Das, Lehrstuhlinhaber an der Universität Dhaka. Täglich schwappten 22.000 Kubikmeter dieser Lauge in den Buriganga, hat das Umweltministerium in Dhaka berechnet.

Das Schicksal des Stroms hat nicht nur die Menschen am Flussufer und die Fischer aufgerüttelt. Die Zeitungen von Dhaka haben den Buriganga zum Hauptthema gemacht und enthüllen fast täglich neue Missstände. So erwähnte gerade erst das Wirtschaftsblatt "Financial Express" eine Studie, die auf eine meterdicke Schicht aus Polyethylen auf dem Grund des Flussbetts hinweist: Millionen Plastiktüten, mit denen am Ufer ein schwungvoller Handel betrieben wird, die dann aber doch achtlos weggeworfen wurden.

Mit alldem soll nun Schluss sein. Das fordert die höchste gerichtliche Instanz in Dhaka: Der High Court hat angeordnet, dass zum Beispiel die Gerbereien von Juli nächsten Jahres an die Abwässer klären müssten. Wer dem nicht Folge leiste, habe mit der Polizei und der Schließung des Betriebs zu rechnen. Alles müsse unternommen werden, um die Menschen von Dhaka zu retten, proklamieren die Richter.

Mit Material von Reuters



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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silverboy 06.07.2009
1. gegenüber
der Umweltverschmutzung von Flüssen, Seen, Meeren ist die aktuelle C02 Scheindiskussion grotesk! Hier geht es direkt um Leben und Tod. Aber vielleicht ist das sogar beabsichtigt. Die nächste Eiszeit wird hoffentlich die Co2 Diskussion wie damals beim FCKW(Patente liefen aus) im Keim ersticken. UMWELTSCHUTZ statt wirrem Klimagedöns! Aber nö - immer schön Quecksilber Energieglühbirnen kaufen und dann auf den Hausmüll damit.
hiccups, 06.07.2009
2. schlimm
Das ist echt schlimm was dort passiert. Die Menschen sind arm und brauchen den Fluss, ganz zu schweigen von den Folgen für die Umwelt. Hauptsache Geld machen! Manche Industriefirmen ist die Umwelt egal! Aber die Natur rächt sich und dann beschweren sich wieder alle, dass tausende Menschen wegen Naturkatastrophen sterben! Schuld ist nicht die Natur, sondern der Mensch, der die Natur herausfordert und ratet mal wer dabei gewinnt!?
rochush 06.07.2009
3. Globalisierung?
Was hat es mit der Globalisierung zu tun, wenn sich der Staat Bangladesch nicht um seine Umwelt kümmert? Die Globalisierung bringt Märkte zusammen, schafft Arbeitsplätze und Wohlstand in Ländern, die vorher davon ausgeschlossen waren. Wenn dieser Fluss mittlerweile tot ist, ist das nicht die Schuld eine Globalisierung, sondern der dortigen Industrie und des Staates. Andererseits, was sich dort abspielt, hat genauso in Europa zu Begin der Industrialisierung statt gefunden. Nun kann man Ländern wie Bangladesch nicht eine Industrialisierung aus Umweltschutzgründen nicht verbieten. Man kann ihnen auch nicht vorschreiben, dass sie ihren Standortvorteil durch teure Reinigungs und Filtermaschinerie vertun. Staaten wie Bangladesch müssen selbst ihren Weg finden.
bürger mr 06.07.2009
4. !
Zitat von sysopEinst die Lebensader von Bangladesch, jetzt ein Todesfluss: Am Buriganga sind die Folgen der Globalisierung zu besichtigen. Abwässer haben den Strom in einen gefährlichen Sud verwandelt - mit bösen Folgen für Millionen Menschen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,634061,00.html
Diese Menschen haben die gleichen Probleme wie wir, an den richtigen Gesetzten mangelt es nicht , wohl aber an deren Umsetztung. Hier wie da wird die tataächliche Politik von den Lobbyisten bestimmt. Man kann den Untergang unseres Planeten bereits riechen und schmecken.
aug apfel, 06.07.2009
5. made in india
Sehen Sie sich doch mal die Labels in unseren T-Shirts, Hemden, Jeans und Schuhen an...made in India, natürlich billgst für 5 € bei H&M, C&A etc. erworben... bei solchen Preisen muss ja irgendwo in der Kette an allem Möglichen gespart werden,und das geht mit erbärmlichen Löhnen bis hin zu nicht existierenden Umweltstandards. Aber genau deswegen ist Indien ja der neue kommende globale Ueberplayer. Nur die Kosten dafür werden erstmal in aller Globalisierungseuphorie gar nicht erst in die Kalkulation mit einbezogen.
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