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Verhaltensforschung: Affen töten aus Gier nach mehr Land

Sie rotten sich in Gruppen zusammen und greifen dann die wehrlosesten an: Schimpansen neigen im Kontakt mit benachbarten Gruppen zu exzessiver Gewalt - und töten sogar gezielt Artgenossen. Das Motiv? Forscher haben jetzt herausgefunden, dass die Affen brutal neues Territorium erobern.

Aggressionen zwischen Menschenaffen: Sie töten für ein Stück Land Fotos
DPA

Auch Schimpansen haben eine dunkle Seite, das wusste schon in den siebziger Jahren die berühmte Forscherin Jane Goodall, die in ihren Büchern Szenen zwischen rivalisierenden Horden beschrieb: Damals konnte sie beobachten, wie sich Gruppen erwachsener Männchen zusammenrotteten und die Randgebiete des Reviers durchstreiften. Systematisch überfielen und töteten sie Tiere der Nachbargemeinschaft, bis diese völlig ausgerottet war - ein im Tierreich seltener Vorgang.

"Schimpansen töten einander. Sie töten ihre Nachbarn. Bisher wussten wir nur noch nicht, warum", sagt John Mitani von der University of Michigan, der mit seinen Kollegen jetzt die Antwort darauf gefunden zu haben scheint: Schimpansen töten Nachbargruppen für ein Stück Land, berichten die Anthropologen jetzt im Fachmagazin "Current Biology".

Für ihre Studie beobachteten die Forscher Schimpansen im Kibale-Nationalpark in Uganda. Die Gruppe der aggressiven Ngogo-Schimpansen war mit 150 Tieren ungewöhnlich groß. Insgesamt 18 Angriffe der Schimpansen auf benachbarte Gruppen konnten die Wissenschaftler dokumentieren. Bei jedem dieser Überfälle tötete die Horde mindestens ein Tier.

"Etwa zwei Angriffe im Jahr, bei denen einzelne Tiere getötet werden - das klingt vielleicht nicht dramatisch", sagt Kevin Langergraber, Primatenforscher am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber für kleine Gruppen von vielleicht zwanzig Tieren können solche Angriffe existenzgefährdend und extrem furchteinflößend sein." Tatsächlich führte die grausame Strategie zum Erfolg: Einige benachbarte Gruppen gaben ihr Territorium auf.

Überfall auf Weibchen und Säuglinge

Die Angriffe liefen meist ähnlich ab: Bei einem typischen Fall beobachteten die Forscher, wie sich 27 Männchen und ein Weibchen verbündeten und in fremdes Territorium eindrangen. Als sie dort auf eine Gruppe von weiblichen Affen stießen, von denen zwei Säuglinge mit sich trugen, griffen sie an. Sie töteten eines der Kinder und kämpften dann etwa 30 Minuten lang, um das zweite Jungtier seiner Mutter zu entreißen. "Sie haben das Kind nicht bekommen, aber sie haben es schwer verletzt", sagte Sylvia Amsler aus dem Forscherteam. "Wir glauben nicht, dass es überlebt hat." Die Wissenschaftler vermuten, dass die Angreifer sich auf Jungtiere konzentrieren, weil diese leichtere Gegner sind als ausgewachsene.

Wissenschaftler vermuten schon länger, dass die Gier nach einem größeren Lebensraum die Ursache für Gewalt unter benachbarten Gruppen von Schimpansen ist. Diese Hypothese konnten Mitani und seine Kollegen nun stützen: Sie beobachteten, dass die drangsalierten Tiere ihr Gebiet verließen und die Angreifer sich dort niederließen. So dehnten die aggressiven Ngogo-Schimpansen ihr Territorium um 22 Prozent aus.

"Das neuerworbene Territorium entspricht jenem Areal, das vorher von vielen Opfern bewohnt wurde", sagte Mitani. "Deshalb vermuten wir eine Ursachenbeziehung zwischen den vorherigen Akten tödlicher Gruppengewalt und der folgenden Ausdehnung des Reviers." Die Schimpansen pflegten im eroberten Gebiet ihre sozialen Kontakte und bedienten sich an Früchten und Nüssen. Der bessere Zugang zu Nahrung sei der wichtigste Anreiz für die Affen, das eigene Territorium zu erweitern, vermuten die Forscher.

Frühere Studien zu Gewaltexzessen unter Schimpansen hatten den Nachteil, dass die Forscher den Tieren Futter gegeben hatten. "Dieser Eingriff könnte die Schimpansen in ihrem Verhalten beeinflusst haben", sagte Kevin Langergraber. Die Autoren der aktuellen Untersuchung verzichteten darauf, die Tiere zu füttern. "Deshalb ist diese Studie zuverlässiger."

sus/apn/dpa/ddp

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