Schlaue Tiere Pferde wissen, was du weißt

Die Gedanken anderer zu erahnen, gelingt Menschen ganz gut. Zu den wenigen Tierarten mit derartigen Fähigkeiten gehört das Pferd. Das ist kein Zufall, wie Forscher nun berichten.

Monamie Ringhofer

Von Nora Schultz


Ein Pferd erlebt, wie ein Forscher einen gerade noch zum Beschnuppern hingehaltenen Leckerbissen außer Reichweite in einem Eimer versteckt. Wenig später kommt sein vertrauter Pfleger vorbei. Kann das Pferd auf sein Begehren aufmerksam machen und um Hilfe bitten?

Pferdenarren haben ihren Gefährten schon oft geistige Höhenflüge nachgesagt. Zum Beispiel Wilhelm von Osten, der Anfang des 20. Jahrhunderts seinem Hengst, dem "klugen Hans", vermeintlich das Zählen, Rechnen, Lesen und Buchstabieren beibrachte. Seine Antworten kommunizierte Hengst Hans mit Hufklopfen und Kopfbewegungen.

Doch die Geschichte vom genialen Ross war zu schön, um wahr zu sein. Wie der Psychologe Oskar Pfungst in sorgfältigen Studien nachwies, verfügte Hans mitnichten über das Können eines Grundschülers - sondern nur über besondere Aufmerksamkeit für die Mimik seiner Aufgabensteller. Statt wirklich zu lesen oder zu rechnen, erkannte das Pferd offenbar an kleinsten unwillkürlichen Körperbewegungen der ihm gegenüber stehenden Menschen, wann seine Antwort richtig war und es aufhören konnte mit Hufklopfen.

Ausdrucksstarke Blicke

Doch ein genaues Gespür für die Gedankenwelt anderer Wesen kann schon für sich genommen eine beachtliche Geistesleistung sein. Eine neue Studie aus Japan zeigt nun, dass Pferde nicht nur menschliche Signale interpretieren können, sondern auch die eigene Kommunikation fein auf Menschen abstimmen.

Monamie Ringhofer und Shinya Yamamoto von der Universität Kobe versteckten Möhren in Eimern außer Reichweite der Koppel und beobachteten, wie die Pferde anschließend mit ihren Pflegern umgingen, die das Versteckspiel entweder gesehen hatten oder nicht.

Alle Pferde zögerten nicht lange, die Pfleger ganz offensichtlich um Hilfe zu bitten, indem sie zu ihnen hinüber liefen, sie anschauten und gelegentlich auch anstupsten. In einem ähnlichen Experiment zeigten Rachele Malavasi von der italienischen "Schule für ethisches Reiten" und Ludwig Huber von der Veterinärmedizinischen Universität Wien, dass Pferde sogar mit Blickrichtungswechseln zwischen Pfleger und Eimer und ausdrucksstarken Kopfbewegungen auf den Eimer "zeigten".

Die Pferde in Ringhofers Studie gingen noch raffinierter vor. Hatten ihre Pfleger das Möhrenverstecken nicht beobachtet und wussten daher nichts von den Wünschen ihrer Schützlinge, legten sich die Pferde ganz besonders in Zeug, um die Aufmerksamkeit der Menschen zu erhaschen. "Die Pferde signalisierten mehr und deutlicher und gaben einfach nicht auf", sagt Ringhofer. "Pferde können scheinbar ihr Kommunikationsverhalten daran anpassen, ob ein Mensch etwas weiß oder nicht."

Fotostrecke

13  Bilder
Schlaue Pferde: Was weiß das Gegenüber?

Pferde und Hunde können mit Menschen umgehen

Das Wissen darum, was andere wissen, wollen, planen oder sogar vortäuschen, auch "Theory of Mind" genannt, gilt als wichtige Komponente der menschlichen Intelligenz. Kinder beherrschen diese Fähigkeit erst mit ungefähr vier Jahren.

Der Nachweis, dass auch Tiere erahnen können, was hinter der Stirn anderer Individuen vorgeht, gelang bisher hingegen nur selten. Menschenaffen wissen zum Beispiel, an welchem Ort ein Mensch eine kostümierte Figur vermutet, selbst wenn diese ihr Versteck inzwischen gewechselt hat. Auch Rabenvögel gelten als besonders klug und verstecken zum Beispiel ihr Futter erneut, wenn sie beim ersten Versuch von Artgenossen beobachtet wurden.

Bei Pferden war die Datenlage bislang allerdings dünn und das, obwohl sie wie kaum ein anderes Tier auf eine gemeinsame Geschichte mit dem Menschen zurückblicken. Vor über 5000 Jahren begannen die Bewohner der Eurasischen Steppe damit, Pferde als Reit- und Lasttiere zu nutzen. Seitdem hat der Mensch über Generationen hinweg versucht, Eigenschaften zu züchten, die Pferde zu guten Partnern machen.

Nur ein anderes Tier hat eine ähnlich enge und noch längere Verquickung mit uns Menschen erlebt: der Hund. "Pferde und Hunde sind beide danach ausgewählt worden, dem Menschen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Insofern sollten wir gewisse Ähnlichkeiten bei den geistigen Fähigkeiten erwarten", sagt der Verhaltensforscher Josep Call vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Heißer Draht zwischen Pferd und Mensch

Dass bis zu 40.000 Jahre des Zusammenlebens ihre Spur im Gehirn des Hundes hinterlassen haben, gilt inzwischen als akzeptiert. Im Gegensatz zu ihren nahen Verwandten, den Wölfen, beherrschen sie im jungen Alter die ausgeprägte Gabe, das Verhalten von Menschen zu deuten und mithilfe von Blicken mit ihnen zu kommunizieren. "Die Geselligkeit der Hunde, das Leben im Rudel, hat wahrscheinlich zu ihrem Erfolg als Begleiter des Menschen beigetragen", sagt Call.

Beim Pferd liegt der Ursprung seiner kommunikativen Talente vermutlich ebenfalls im Gruppenleben, glaubt Konstanze Krüger von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. In einer Herde kann es sich lohnen, darüber Bescheid zu wissen, wer schon Bescheid weiß, erklärt sie: "Pferde sind Fluchttiere. Die Flucht gelingt besser, schneller und koordinierter, wenn alle Gruppenmitglieder das Raubtier sehen." Um solchen Ideen nachzuspüren, will Ringhofer künftig die Kommunikation zwischen verwilderten Pferden studieren.

Mehr Verhaltensforschung

Krüger hingegen fahndet nach weiteren Belegen für den heißen Draht zwischen Pferd und Mensch. Sie vermutet, dass die gemeinsamen Jahre das Pferd - ähnlich wie den Hund - mit einem besonderen Gespür für den Menschen versehen haben. Ihr Team konnte erst kürzlich nachweisen, dass Pferde Menschen beobachten und dabei lernen, einen Lichtschalter zu bedienen, um eine Futterkiste zu öffnen. Demnächst will sie Beispiele auswerten, in denen Pferdebesitzer über besonders intelligentes Verhalten ihrer Tiere berichten, zum Beispiel, wie Pferde Türen öffnen oder versuchen, ihre Pfleger zu Handlungen "zu überreden".

Ob dem klugen Hans sein Kommunikationsgeschick am Ende genützt hat, weiß man nicht. Nach dem Tod Wilhelm von Ostens führte sein neuer Besitzer Karl Krall zwar noch sieben Jahre lang psychologische Versuche mit Hans und anderen Tieren durch. Doch 1916 wurde der Hengst in den Ersten Weltkrieg geschickt. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ars+mundi 01.01.2017
1. ist das jetzt neu und irgendwie überraschend?
Die Hunde und Katzen, mit denen ich aufgewachsen bin oder zusammenlebe, beherrschen solche "Künstückchen" oder "Mentalisierungsfähigkeiten" mit dem Menschen und anderen Tieren ganz selbstverständlich. Es geht dabei sogar um dieses "Leckeren Angelstupse" weit hinaus. Auch können Pferde noch viel mehr - das weiß wohl jeder Pferdepfleger... Übrigens bei vielen Tieren zu beobachten. Tiere sind bei Weitem nicht so dumm und unsensibel, wie wir Menschen das gerne hätten.
egonon 01.01.2017
2. Arme Pferde werden vermenschlicht!
Wer wie ich jahrelang mit Pferden der verschiedensten Rassen umgegangen ist, weiss durchaus, dass Pferde eine Vielzahl von Signalen aussenden, die sowohl Artgenossen als auch Menschen zur Interaktion auffordern Als Herden- und Lauftiere mit gemwinsamen Urängsten ausgestattet, haben sie eine große Anzahl von Instinkten ausgebildet, die ihnen ihr Überleben in der Natur ermöglicht hat. Wer sich aber jetzt die vielen armen Pferde ansieht, die von ihren Besitzern verhätschelt, und deren natürliche Bedürfnisse unterdrückt werden kann sich nur für seine menschlichen Artgenossen schämen. Auf winzigen Flächen einzeln gehalten und dick eingedeckt, können sie weder ihren Bewegungsdrang noch ihren Sozaialbedürfnis ausleben. Das Schlimme ist, das deren Besitzer ( in der Regel meist junge Frauen ) auch noch der Überzeugung sind, ihren Tieren etwas Gutes zu tun. Leider kümmert sich kein Tierschutzverein um die nicht artgerechte Haltung dieser Pferde.
Bueckstueck 01.01.2017
3. Pferde und Hunde können mit Menschen umgehen
Schon beeindruckend. Aber genau so beeindruckend finde ich, dass Katzen in kürzerer Zeit erlernt haben sich Menschen gefügig zu machen und sie mit einer grossen Anzahl an Lauten, Blicken und Gesten dazu zu bringen, genau das zu tun was Katze will und wann sie es will. Und dabei fühlt sich Mensch nicht mal als das Personal, dass Mensch in Wahrheit ist, sondern einfach nur wohl dabei...
alwalis 01.01.2017
4. In Grunde alles kalter Kaffee
Jeder, der mit Tieren zu tun hat, weiß um die Fähigkeiten der Tiere, egal, ob jetzt Hund, Katze, Schwein, Pferd, Delfin usw.. Möglicherweise ist das alles noch nicht genügend erforscht, was sicher auch daran liegt, dass es bislang wenig Interesse gab, das zu tun. Ich erinnere mich an meine Kindheit, wie mich bei einem Besuch bei Verwandten ein dort gehaltenes frei rumlaufendes Schwein mit vollem Einsatz zum Eimer der gekochten Kartoffeln schob, die zum abkühlen außer Reichweite des Schweins standen. Ich dachte damals zuerst, dass das Schwein wollte, dass ich die esse solle. Die anwesenden Erwachsenen lachten sich kaputt und erklärten mir, dass das Schwein von mir gefüttert werden will. Das Schwein hatte somit auch erkannt, dass ich als Kind (ich muss 5-6 Jahre alte gewesen sein) am ehesten dazu animiert werden kann, möglichst rasch an die Kartoffeln zu kommen.
my50cents63 01.01.2017
5.
Zitat von ars+mundiDie Hunde und Katzen, mit denen ich aufgewachsen bin oder zusammenlebe, beherrschen solche "Künstückchen" oder "Mentalisierungsfähigkeiten" mit dem Menschen und anderen Tieren ganz selbstverständlich. Es geht dabei sogar um dieses "Leckeren Angelstupse" weit hinaus. Auch können Pferde noch viel mehr - das weiß wohl jeder Pferdepfleger... Übrigens bei vielen Tieren zu beobachten. Tiere sind bei Weitem nicht so dumm und unsensibel, wie wir Menschen das gerne hätten.
Tiere sind nicht nur bei weitem nicht so dumm und unsensibel, wie wir Menschen dies gerne hätten, vielmehr sind wir Menschen, zumindest ein grosser bzw. der grösste Teil von uns bei weitem nicht so intelligent und sensibel wie wir uns das immer wieder einreden. Und letztendlich ist die "Annahme", dass Tiere dumm und nur instiktgesteuert sind teilweise ein Schutzschild, damit man nicht ständig drüber nachdenken muss, wie wir mit diesen Wesen umgehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.