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Verhaltensforschung: Hennen leiden mit ihren Küken

Auch Tiere fühlen Mitleid - nachgewiesen ist das unter anderem bei Delfinen und Menschenaffen. Aber wie sieht es bei Hühnern aus, die auf Geflügelhöfen regelmäßig mit leidenden Artgenossen konfrontiert werden? Zumindest auf ihren gestressten Nachwuchs reagieren Hennen sofort.

Geflügelhof in Nordrhein-Westfalen: Leben auf engstem Raum Zur Großansicht
REUTERS

Geflügelhof in Nordrhein-Westfalen: Leben auf engstem Raum

Hennen fühlen anscheinend mit ihren Küken. Werden diese bedrängt, reagieren die Hühnermütter körperlich so, als ob sie die Störung selbst erlebt hätten, berichten britische Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B" . Im Vogelreich ist ein solches Verhalten den Wissenschaftlern zufolge bisher nur bei Rabenvögeln beobachtet worden. Diese gelten als besonders intelligent.

Im Experiment harrten jeweils eine Henne und eines ihrer Küken in benachbarten, durch eine Plexiglas-Scheibe voneinander getrennten Käfige aus. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit wurden entweder die Henne oder das Küken kurzen, kräftigen Luftstößen ausgesetzt. Dabei maßen die Veterinärmediziner beim Muttertier die Pulsrate und protokollierten das Verhalten der Henne. Zusätzlich ermittelten die Forscher die Augen- und Kammtemperatur - sie geben Aufschluss darüber, ob das Tier unter Stress steht. Insgesamt wurden 32 Hennen samt Küken dem Test unterzogen.

Die Auswertung zeigte, dass die Hennen eindeutig auf ihr gestresstes Küken reagierten, berichten Joanne Edgar von der Universität Bristol und ihre Kollegen: Die Temperatur von Augen und Kamm fiel ab, die Hennen hörten während der zehnminütigen Testphase fast vollständig mit ihrer üblichen Federpflege auf und waren aufmerksamer und wachsamer. Die gleiche Reaktion zeigten die Hennen, wenn sie selbst angepustet wurden - mit einem Unterschied: Nur wenn das Küken offensichtlich litt, fing das Herz der Hennen an, heftiger zu schlagen. Wurden die Muttertiere indes selbst mit einem Luftstoß traktiert, stieg ihre Herzfrequenz nicht an.

Die Reaktionen der Hennen zeigen, dass sie sehr sensibel auf die Befindlichkeit ihrer Küken reagieren, folgern die Forscher. Das hilft ihnen vermutlich dabei, potentielle Gefahren rechtzeitig zu erkennen und sich entsprechend auf eine Verteidigung des Nachwuchses einzustellen. Wie genau diese einfache Form der Empathie funktioniert, sei damit allerdings nicht geklärt, stellen die Wissenschaftler klar. So könne man nicht sagen, ob die Hennen nur eine Art Interesse für die Situation ihrer Küken zeigen oder ob sie deren Stimmungslage - wie bei der Empathie beim Menschen - tatsächlich nachempfinden.

Empathie - also die Fähigkeit, die Emotionen anderer nachzufühlen - haben Forscher bereits bei anderen Tierarten nachgewiesen, unter anderem bei Menschenaffen, Delfinen und - in begrenztem Umfang - bei Nagetieren. Küken haben in früheren Experimenten immerhin gezeigt, dass sie zu einfachen Rechenoperationen in der Lage sind.

Die Forscher wählten das Federvieh aber vor allem aus, weil die Vögel in der Geflügelhaltung sehr häufig Stress von Artgenossen mitbekommen - so finden sich unter Masthähnchen häufig Tiere, die wegen verkümmerter Beine kaum laufen könnten. Auch Knochenbrüche sind keine Seltenheit. Die Ergebnisse sollen helfen, mit Tieren in der Zucht und auch bei Laborexperimenten besser umzugehen.

wbr/dapd/dpa

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