Verhandlungspoker: Ozonabkommen soll Klimawandel bremsen

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Montreal-Protokoll: Plan B in der Klimapolitik Fotos
AFP

Das Montreal-Protokoll hat die Rettung der Ozonschicht ermöglicht - jetzt soll es auch zum Verbot extrem klimaschädlicher Gase eingesetzt werden. Selbst die USA sind dafür, doch die Entwicklungsländer fürchten um ein kurioses Instrument zur Geldvermehrung.

In politikwissenschaftlichen Lehrbüchern gilt das Montreal-Protokoll als Meisterstück internationaler Kooperation. Mit dem Vertrag von 1987 verpflichten sich die Staaten der Welt, gegen den Abbau der Ozonschicht vorzugehen - mit Erfolg, wie mittlerweile klar ist. Das Übereinkommen sei, so sagte der frühere Uno-Chef Kofi Annan, "vielleicht der erfolgreichste internationale Vertrag überhaupt." Ohne großes Getöse sorgte das Protokoll dafür, dass ganze Gruppen von gefährlichen Substanzen binnen kurzer Zeit vom Markt verschwanden, allen voran die Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW). Die Ozonschicht, der lebenswichtige Schutzschild gegen die gefährliche UV-Strahlung der Sonne, erholte sich merklich.

Diese Erfolgsgeschichte soll nun auch den internationalen Klimaschutz voranbringen - wo gute Nachrichten ansonsten selten sind. Unmittelbar vor dem Klimagipfel von Cancun sieht es noch immer nicht so aus, als könnten sich die Staaten auf konkrete Schritte gegen die Erderwärmung einigen. Einen Teil dieser Aufgabe könnten nun aber das so erfolgreiche Montreal-Protokoll und seine später ausgehandelten Nachfolger übernehmen. Das haben sich zumindest die USA und einige andere Staaten - darunter Kanada und Mexiko - vorgenommen. Sie machen sich auf einem derzeit laufenden Treffen der Vertragsstaaten in Bangkok dafür stark, das Protokoll um eine Gruppe hochwirksamer Treibhausgase zu erweitern.

Konkret geht es um Fluor-Kohlenwasserstoffe (FKW, im englischen Sprachraum HFC abgekürzt), die zum Beispiel in Klimaanlagen und Kühlsystemen zum Einsatz kommen. Die Industrie war nach dem Verbot der FCKW zum Teil auf diese Stoffe ausgewichen. Das Problem: Die organischen Verbindungen können die Erdatmosphäre massiv aufheizen. Sie haben eine bis zu 15.000-mal so hohe Klimawirkung wie CO2. Deswegen ließe sich mit einem Verbot auch vergleichsweise einfach eine Verschnaufpause fürs Klima durchsetzen - zumal es umweltfreundliche Alternativen gibt, für deren Einsatz sich die Autoindustrie stark macht.

Nach Berechnungen der US-Umweltschutzbehörde Epa würde ein Aus für die FKW der Atmosphäre bis zum Jahr 2050 Treibhausgase der Wirkung von umgerechnet 88 Milliarden Tonnen CO2 ersparen. "Wegen der großen klimapolitischen Bedeutung ist es zwingend, dass das Problem der FKW-Gase gelöst wird", sagt Christoph Bals, politischer Geschäftsführer der Umweltschutzorganisation Germanwatch.

Ablenkungsmanöver aus Washington

Genau genommen ist der Vorschlag für ein Verbot der FKW-Gase schon ein paar Jahre alt - und hat jetzt möglicherweise die entscheidenden Unterstützer bekommen. Ursprünglich stammt die Initiative von den Föderierten Staaten von Mikronesien. Im pazifischen Inselstaat hat man panische Angst vor einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels durch den Klimawandel. Nun macht sich aber erstmals die Regierung in Washington für den Plan stark - wohl nicht zuletzt, um vom eigenen Versagen in den internationalen Klimaverhandlungen und dem gescheiterten US-Klimaschutzgesetz abzulenken.

Beim Montreal-Protokoll sitzen die USA außerdem am Verhandlungstisch. Bei den internationalen Klimaverhandlungen, wo es um einen Nachfolger für das Kyoto-Protokoll geht, ist das nur über Umwege der Fall.

Allerdings hat der Plan auch Nachteile: Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien haben wenig Lust auf ein schnelles Verbot der FKW - nicht zuletzt, weil sie in der Industrie dieser Staaten zum Einsatz kommen. Die gefertigten Produkte werden freilich in die gesamte Welt exportiert.

Der Verhandlungsführer der USA, Daniel Reifsnyder, geht nach eigenen Angaben davon aus, dass eine Einigung zu den Gasen in einigen Jahren zu schaffen sein könnte. Chemie-Nobelpreisträger Mario Molina - er hatte die Zerstörung der Ozonschicht entscheidend mit erforscht - setzt zwei bis drei Jahre für die nötigen Gespräche an.

Der Vorschlag begeistert aber längst nicht jeden. Einige Gegner führen ins Feld, dass die FKW nicht unter den Ozonschutz-Vertrag fallen sollten - weil sie zwar den Treibhauseffekt verstärken, die Ozonschicht aber kaum schädigen. Stattdessen müsse bei den internationalen Klimaverhandlungen über die Gase gesprochen werden. Umweltschützer Bals lehnt das aber ab. Schließlich, so sagt er, seien die fluorierten Kohlenwasserstoffe vor allem aufgekommen, um die im Montreal-Protokoll verbotenen Gase zu ersetzen.

HFC-23-Vermeidung als Milliardengeschäft

Doch neben formaljuristischen Fragen gibt es einen weiteren Grund, warum sich Staaten wie China einstweilen gegen eine Einbeziehung der FKW in das Montreal-Protokoll wehren - und der ist pragmatischer: Das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz sorgt bisher dafür, dass die Gase für manche Staaten eine Art Lizenz zum Gelddrucken sind.

Mit dem sogenannten Clean Development Mechanism (CDM) des Kyoto-Protokolls werden Entwicklungsländer - China und Indien zählen dazu - mit Geld aus Industriestaaten für Klimaschutzmaßnahmen belohnt. Zu den Gasen, für deren Vermeidung es Geld gibt, gehört auch HFC-23 - eine der Substanzen, über deren Komplettverbot nun gesprochen werden soll.

Der Stoff entsteht als Abfallprodukt bei der Herstellung eines anderen Kältemittels. Das Gefährliche an HFC-23 ist sein enormes Treibhauspotential: Eine Tonne des Gases schadet dem Klima so viel wie 11.700 Tonnen CO2. Deswegen wird die Vermeidung mit besonders viel Geld belohnt. Allerdings kosten die nötigen Maßnahmen kaum etwas - und werfen fast ohne Aufwand Milliardengewinne ab.

Die Vermeidung von CO2 ist dagegen vergleichsweise unattraktiv und blieb in der Vergangenheit im Zweifelsfall auf der Strecke. Zwischenzeitlich lohnte es sich sogar, HFC-23 absichtlich herzustellen, um sich später mit viel Geld für seine Zerstörung belohnen zu lassen - Klimaschutz paradox. Nach Berechnungen der Umweltschutzorganisation Environmental Investigation Agency (EIA) werden allein die Europäer den Entwicklungsländern bis 2012 rund sechs Milliarden Euro für die Vermeidung von HFC-23 überweisen. Den Firmen dort entstünden im gleichen Zeitraum aber nur Kosten von 80 Millionen Euro.

Wer FKW unter dem Montreal-Protokoll komplett verbieten will, muss dieses Problem lösen: Wie können Staaten wie China für ein Ende der Produktion gewonnen werden, ohne dass ihnen Milliardeneinnahmen wegbrechen? Und wie kann auf der anderen Seite ein Missbrauch der Förderinstrumente für den Klimaschutz in Entwicklungsländern verhindert werden?

Am Ende, so argumentieren Wissenschaftler, würde ein Verbot der FKW durchaus positive Wirkungen für das Klima haben - doch das reiche nicht aus: "Was uns langfristig den Klimawandel einbrockt, ist CO2", sagt Malte Meinshausen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). "Und mit dessen Reduktion müssen wir jetzt beginnen, das dürfen wir nicht herausschieben."

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Kein Titel
Beate Hartmann, 11.11.2010
Mehr zum Thema HFC-23 und den abstrusen Folgen internationalen Regulierungswahns: http://ef-magazin.de/2010/09/01/2492-trillion-dollar-baby--klima-kobras-kohlenstoff
2. Die Ozonschicht.
kurtwied, 11.11.2010
Komisch, ich hatte nun schon des öfteren gelesen, dass die Ozonschicht nicht durch Verbot von FCKW gerettet wurde - das Ozonloch hat sich völlig davon unabhängig vergrößert und geschlossen.
3. Komisch
Maschinchen, 11.11.2010
Zitat von kurtwiedKomisch, ich hatte nun schon des öfteren gelesen, dass die Ozonschicht nicht durch Verbot von FCKW gerettet wurde - das Ozonloch hat sich völlig davon unabhängig vergrößert und geschlossen.
Das ist wirklich komisch. Ich habe auch nun schon des öfteren gelesen, dass Rauchen keinen Krebs versuacht, dass der Amerikaner gar nicht auf dem Mond war, dass der Klimawandel nicht vom Menschen beeinflusst wird, dass die Twin Towers....usw. Merken Sie was?
4. Wofür braucht China Geld???
Frank Simon 11.11.2010
> Ich finde es etwas seltsam, dass ausgerechnet China genannt wird. Falls China von etwas mehr als genug hat, ist es wohl Geld. Nach dem derzeitigen Stand haben sie, nicht zuletzt wegen der hohen Exportüberschüsse, Währungsreserven in Höhe von ca. 2,4 Billionen Dollar angehäuft haben, und nun sollen sie (angeblich) wegen eines Anteils an ein paar Milliarden das Abkommen blockieren? Vielleicht kann mir das mal jemand erklären.
5. x
Jochen Binikowski 11.11.2010
Zitat von Frank Simon> Ich finde es etwas seltsam, dass ausgerechnet China genannt wird. Falls China von etwas mehr als genug hat, ist es wohl Geld. Nach dem derzeitigen Stand haben sie, nicht zuletzt wegen der hohen Exportüberschüsse, Währungsreserven in Höhe von ca. 2,4 Billionen Dollar angehäuft haben, und nun sollen sie (angeblich) wegen eines Anteils an ein paar Milliarden das Abkommen blockieren? Vielleicht kann mir das mal jemand erklären.
Ich vermute dass diese riesigen Devisenreserven von den Chinesen als Druckmittel gegen westliche Staaten eingesetzt werden. Auf den diversen internationalen Konferenzen wird nur beschlossen was den Chinesen nützt. Mal ein Beispiel: Die gesetzlich eingeführten Energiesparlampen enthalten große Mengen Quecksilber. Wegen der hohen Giftigkeit ist dieses Metall in fast allen anderen Produkten verboten. Das war schlecht für die Chinesen weil die auf den weltgrößten Quecksilbervorkommen sitzen. Was für ein Zufall aber auch.
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Jeder Mensch trägt täglich weiter zur Erderwärmung bei - mit Steak-Konsum, Flügen nach Mallorca und der Autofahrt ins Büro. Kennen Sie Ihre persönliche CO2-Bilanz? Finden Sie es heraus im Klima-Quiz von SPIEGEL ONLINE.

Wer wie viel CO2 reduzieren will
EU
Die Staaten der Union haben sich verpflichtet, ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 um mindestens 20 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Wenn andere Staaten mitziehen, versprechen die Europäer sogar ein Minus von 30 Prozent. Die Aufteilung der EU-weiten Ziele auf Mitgliedstaaten ("Effort Sharing") wird unter Berücksichtigung der Wirtschaftsleistung pro Kopf und der nationalen Voraussetzungen vorgenommen.
Russland
Russland will sich dem EU-Ziel von 20 Prozent weniger Treibhausgasen bis 2020 anschließen. Basisjahr soll 1990 sein. In einem zweiten Schritt könnte die Einsparung sogar auf 25 Prozent erhöht werden. Russlands CO2-Ausstoß ist infolge des wirtschaftlichen Zusammenbruchs Anfang der neunziger Jahre ohnehin massiv zurückgegangen.
USA
Die USA planen bis 2020 eine Verminderung um 17 Prozent, allerdings bezogen auf das Basisjahr 2005. Verglichen mit 1990 bedeutet das nach Berechnungen der Bundesregierung nur ein Minus von rund sechs Prozent. Bis 2025 sollten sie dann um 30 Prozent und bis 2030 um 42 Prozent sinken - jeweils bezogen auf 2005. Ob der Senat - dort wird derzeit über ein Klimaschutzgesetz gestritten - diese Ziele unterstützt ist unklar.
Japan
Das Land hat zugesagt, den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 um mindestens 15 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2005 zu reduzieren. Das soll unter anderem durch den Bau neuer Kernkraftwerke geschehen. Umweltschützer kritisieren, dass sich bezogen auf das Basisjahr 1990 nur eine Reduktion um acht oder neun Prozent ergibt - und Japan bereits sechs Prozent Reduktion nach dem Kyoto-Protokoll zugesagt hat.
Brasilien
Brasilien hat größere freiwillige Emissionssenkungen in Aussicht gestellt. Der CO2-Ausstoß soll im Jahr 2020 zwischen 36,1 und 38,9 Prozent niedriger liegen als die bisher prognostizierten Werte. Damit lägen die Emissionen wieder auf dem Niveau von 1994. Gegenüber dem Niveau des Jahres 2005 würde der Schritt einen Rückgang von rund 20 Prozent bedeuten. Etwa ein Viertel der Zielvorgabe soll dadurch erreicht werden, dass erheblich weniger Regenwald abgeholzt wird.
China
Peking will bisher keine bindenden CO2-Reduktionsziele akzeptieren. Als freiwillige Maßnahme will China aber dafür sorgen, dass der Ausstoß an Treibhausgasen in Zukunft nicht mehr ganz so stark zulegt wie das Wirtschaftswachstum des Landes. Die Treibhausgase, die für jeden Yuan Wirtschaftsleistung ausgestoßen werden, sollen demnach bis zum Jahr 2020 um 40 bis 45 Prozent verringert werden. Vergleichsjahr ist 2005.
Indien
Auch Indien hat mehrfach klargemacht, dass sich das Land formalen Reduktionsverpflichtungen definitiv verweigern will.
Australien
Das Land arbeitet seine Reduktionsverpflichtungen derzeit noch aus. Diskutiert werden Vorschläge der Regierung, bis zum Jahr 2020 den CO2-Ausstoß um fünf Prozent im Vergleich zum Jahr 2000 zu verringern. Wenn andere Staaten sich ebenfalls zu Reduktionen verpflichten, ist ein Minus von 15 Prozent für denselben Zeitraum in Aussicht gestellt.
Interaktive Grafik
SPIEGEL ONLINE
Klimaschutz-Index 2010: Die zehn größten CO2-Emittenten