Partnersuche: Verkehrslärm verändert Zirpen von Grashüpfern

Verkehrslärm macht auch Grashüpfern zu schaffen: Leben die Insekten in der Nähe viel befahrener Straßen, passen sie ihren Balzgesang an, um von Weibchen noch gehört zu werden. Biologen befürchten, dass das die Partnerwahl der Insekten beeinflusst.

Nachtigall-Grashüpfer: Am lauten Straßenrand wird anders gezirpt als auf der stillen Wiese Zur Großansicht
dapd/ Ulrike Lampe

Nachtigall-Grashüpfer: Am lauten Straßenrand wird anders gezirpt als auf der stillen Wiese

Grashüpfer zirpen, um Weibchen auf sich aufmerksam zu machen. Doch was tun, wenn man in der Nähe einer Straße lebt, wo der Autolärm fast alles andere übertönt? Die Heuschrecken verändern dann ihr Liebeslied, berichten Forscher der Universität Bielefeld im Fachmagazin "Functional Ecology".

Das Team um Ulrike Lampe sammelte 200 männliche Nachtigall-Grashüpfer (Chorthippus biguttulus) aus ruhigen Gegenden sowie aus dem Grasstreifen entlang stark befahrener Straßen ein. Im Labor ließen sie die Tiere in der Nähe eines Weibchens zum Minnesang antreten. Ergebnis: Die Hüpfer vom Straßenrand verschieben beim Zirpen die mittleren Töne in den hohen Bereich. Das sei sinnvoll, weil der Verkehrslärm die Signale im mittleren Frequenzbereich leicht überdecken könne, kommentierte Biologin Lampe. So verhindern die Insekten offenbar, dass die Weibchen sie wegen des Hintergrundlärms überhören.

Dass Vögel, Wale und Frösche ihre Gesänge in lauten Umgebungen verändern, ist schon seit einiger Zeit bekannt. Dies sei nun der erste Beleg für eine solche Anpassung bei einem Insekt. "Der von Menschen verursachte Lärm beeinträchtigt zunehmend die akustische Kommunikation von Tierarten in ihren natürlichen Lebensräumen", schreiben die Forscher. Bei den Grashüpfern ist der Gesang ein wichtiger Teil des Paarungsverhaltens: Die Männchen erzeugen ihn, indem sie mit ihren Hinterbeinen über eine hervorstehende Ader ihres Flügels streichen, und locken so Weibchen an.

Passen die Grashüpfer ihren Gesang spontan an?

"Nachtigall-Grashüpfer erzeugen Gesänge, die aus tiefen und höheren Frequenzkomponenten bestehen", erklärt Lampe. Typischerweise dauere eine Strophe zwei bis drei Sekunden und bestehe aus schneller werdenden Tick- und Zirpgeräuschen. Die Zusammensetzung der Strophen und die Art, wie sie vorgetragen werden, helfen den Weibchen dabei, einen passenden Partner zu finden.

Nach Ansicht der Forscher könnte zunehmender Verkehrslärm langfristig Folgen für das Paarungsverhalten der Grashüpfer haben - trotz der festgestellten Anpassungen. "Die Weibchen könnten bei zunehmendem Lärm die männlichen Balzgesänge nicht mehr richtig hören und so die Männchen ihrer eigenen Art nicht mehr erkennen", sagt Lampe. Der veränderte Gesang könnte es den Weibchen zudem erschweren, am Zirpen einzuschätzen, ob ein Männchen attraktiv sei oder nicht.

Im nächsten Schritt wollen die Forscher klären, ob die Grashüpfer ihre Gesänge spontan an den Lärmpegel ihrer Umgebung anpassen. Möglich wäre auch, dass der Lärm im Laufe der Generationen bereits genetische Spuren hinterlassen hat. Das veränderte Gesangsverhalten wäre dann im Erbgut der Männchen aus lauten Habitaten verankert, ihre Gene müssten sich von denen der Männchen aus leiseren Standorten unterscheiden.

wbr/dapd/dpa

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