Verschwinden des Mammuts Forscher überbieten sich mit Aussterbe-Theorien

Lange dominierten Mammuts die Welt - warum verschwanden sie nach der Eiszeit? In einer regelrechten Studien-Schlacht übertreffen sich Wissenschaftler mit Theorien zum Aussterben der Großsäuger. Doch leider widersprechen sich die Ergebnisse.

Rätsel Mammut: Warum verschwanden die mächtigen Großsäuger?
Natural History Museum

Rätsel Mammut: Warum verschwanden die mächtigen Großsäuger?

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Höhlengemälde ließen Böses erahnen. Sie zeigen Menschen, die mit Speeren auf Mammuts einstechen. Fraglos gehörten die zotteligen Riesen zu den beliebtesten Jagdtieren unserer Vorfahren. Hunderttausende Jahre hatte das Mammut die Kontinente bevölkert, bis es nach der letzten Eiszeit vor 18.000 Jahren verschwand; die jüngsten Spuren des Großsäugers sind 4000 Jahre alt. Und zumeist werden Menschen für das Aussterben des Mammuts verantwortlich gemacht - die sogenannte "Overkill-Theorie" hält sich seit Jahrzehnten.

Erst kürzlich meinte der renommierte Mammutforscher Dan Fisher von der Universität Michigan (USA), den Menschen endgültig als Übeltäter überführt zu haben: Die Zähne der Großsäuger seien oftmals von Speerspitzen ramponiert, hatte Fisher im Fachblatt "Vertebrate Paleobiology and Paleoanthropology Series" resümiert. Zudem seien die meisten gefundenen Mammuts im Herbst gestorben, wenn die Tiere am gesündesten waren - Folgerung: Menschen schlachteten das Mammut ab.

Weitere Studien basierten auf dieser These. Im Mai stellten Forscher im Wissenschaftsblatt "Nature" die Theorie auf, die Abschlachtung der Mammuts hätte eine Kältewelle ausgelöst , weil der Methanausstoß der Tiere plötzlich ausblieb. Später berichten hingegen Christopher Doughty und Kollegen im Fachblatt "Geophysical Research Letters", die Ausrottung des Mammuts habe die Temperaturen in gegenteiliger Richtung verändert: Weil die Großfresser verschwanden, hätten sich Birken ausgebreitet. Die neue Landschaft habe die Reflexion von Sonnenstrahlung ins All vermindert - die Forscher sprechen von der "ersten menschengemachten Klimaerwärmung".

Ergebnis hält elf Tage

Die Studie ist gerade elf Tage alt, da kommen andere Experten zu einem ganz anderen Ergebnis: Nicht die Jagd des Menschen, sondern Futtermangel habe die Mammuts aussterben lassen, berichten Forscher der Universität Durham und anderer Institute jetzt im Fachblatt "Quaternary Science Reviews". Weideflächen seien zurückgegangen, resümieren die Forscher um Brian Huntley nach der Analyse von Blütenpollen. Mit Bohrungen hatten Wissenschaftler die pflanzlichen Zeugen der Vergangenheit aus der Erde Sibiriens geborgen.

Die nacheiszeitliche Klimaerwärmung habe die Grünflächen schwinden und Wald sprießen lassen, berichten die Forscher. "Das Wollhaarmammut zog sich vor 14.000 Jahren nach Nord-Sibirien zurück, während es die 100.000 Jahre zuvor durch viele Teile Europas gewandert war", sagt Brian Huntley.

Die Studie ist eine der umfassendsten Untersuchungen der Vegetation in den ersten Jahrtausenden nach der Eiszeit. Doch sie widerspricht anderen Untersuchungen urzeitlicher Pflanzenreste: Nicht Wärme, sondern Kälte raffte die Mammuts dahin, schrieb Dale Guthrie von der University of Alaska in Fairbanks 2006 in "Nature". Zunächst haben sich während der nacheiszeitlichen Erwärmung Mammuts ausgebreitet. Doch eine tausendjährige Kälteperiode - die Jüngere Tundrenzeit - habe den Großsäugern dann weitenteils den Garaus gemacht.

Während des warmen Jahrtausends vor der Jüngeren Tundrazeit hätten sich zunächst andere Großtiere in den Mammut-Gefilden ausgebreitet. Als die Kälte zurückkehrte, seien sie anpassungsfähiger gewesen als die alteingesessenen Mammuts. Nur in Nord-Sibirien hätten Mammuts noch einige Zeit Zuflucht gehabt.

Lesen im Mammut-Dung

Immerhin sind Guthrie und Huntley sich in einem einig: Der Mensch war ihren Erkenntnissen zufolge nicht hauptverantwortlich für das Aussterben der Mammuts. Die Großsäuger hätten sich unabhängig von menschlicher Invasion vermehrt, konstatierte Guthrie. Zu diesem Schluss kamen auch andere Forscher: Im November 2009 veröffentlichten sie eine Analyse von Mammut-Dung. Fazit: Das Mammut starb allmählich aus, der Mensch war wohl unschuldig.Das Sterben der nordamerikanischen Megafauna habe schon mindestens tausend Jahre vor dem Zuzug prähistorischer Jäger begonnen.

Nun konzentriert sich die Diskussion auf die letzten ihrer Art. Wenn der Mensch schon nicht für das weltweite Verschwinden der Mammuts verantwortlich gemacht werden kann, könnte er dem wolligen Riesen aber doch den Todesstoß versetzt haben: Die letzten Mammuts lebten vor knapp 4000 Jahren isoliert auf der westsibirischen Wrangelinsel - 5000 Jahre, nachdem ihre Verwandten auf dem Festland verschwunden waren.

Im April meinten Wissenschaftler um Veronica Nyström von der Stockholm University zeigen zu können, dass diese verbliebenen Tiere binnen kurzer Frist starben. Das hätte die Analyse von Mammut-Erbgut ergeben, berichteten die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the Royal Society B". Folglich habe wohl eine Katastrophe die letzten Mammuts dahingerafft. Womöglich seien Menschen auf der Wrangelinsel erschienen und hätten die Tiere kurzerhand vernichtet. Vielleicht gab es aber auch einen anderen Grund. Sicher ist: Der Streit um das Aussterben des Mammuts wird einstweilen nicht aussterben.

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