Versöhnungstagung: Der Klimakrieg kann weitergehen

Aus Lissabon berichtet

Droht der Welt der Hitzekollaps oder nur die Öko-Diktatur? In der Klimaforschung sind die Fronten zwischen warnenden Wissenschaftlern und Skeptikern verhärtet. In Lissabon fand jetzt eine Versöhnungstagung statt - doch am Frieden schien kein besonderes Interesse zu herrschen.

Abgase einer Chemiefabrik: Wer hat die Deutungshoheit in Sachen Klimawandel? Zur Großansicht
REUTERS

Abgase einer Chemiefabrik: Wer hat die Deutungshoheit in Sachen Klimawandel?

Die Probleme fangen schon damit an, die Kontrahenten richtig zu benennen. Kämpfen da jetzt Skeptiker gegen Alarmisten? Leugner gegen Katastrophisten? Oder Realisten gegen Warmisten? Die Rede ist vom Konflikt zwischen etablierten Klimaforschern, die vor den Folgen der vom Menschen verursachten Erderwärmung warnen, und jenem bunten Lager aus Wissenschaftlern und Laien, die den Rechenmodellen des Gegners misstrauen, die das ganze Gerede vom Klimawandel für einen großen Irrtum oder gar für eine Verschwörung von radikalen Ökologen halten.

Das Schlachtfeld dieses mit Kurven, Diagrammen und verbalen Tiefschlägen geführten Kampfes ist gewöhnlich der digitale Dschungel des Internets. Deshalb war es schon eine Sensation, dass vergangene Woche Teile der verfeindeten Lager tatsächlich in Lissabon physisch zusammenfanden - und das obendrein unter dem Titel "Versöhnung in der Klimadebatte". Ebenso bemerkenswert war die Tatsache, dass der Workshop mit rund 30 Teilnehmern ausgerechnet von der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission organisiert wurde. Denn die EU vertritt offiziell das Ziel, die Klimaerwärmung auf zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu begrenzen - und diese Vorgabe ist eines der beliebtesten Angriffsziele der Skeptiker.

Initiator des Treffens war Jerome Ravetz, ein Wissenschaftsphilosoph von der University of Oxford. "Die Fronten im Kampf um die Klimaforschung sind vollkommen verhärtet", lautete Ravetz' Diagnose. "Das Resultat ist ein gewaltiges Glaubwürdigkeitsproblem."

Einlassungen dieser Art führten dazu, dass Ravetz vom klimawissenschaftlichen Establishment abgekanzelt wurde. So verwunderte es wenig, dass dessen wichtigste Vertreter fehlten. Abwesend war etwa Gavin Schmidt, ein US-Klimatologe und Mastermind des Klimawarner-Blogs " Realclimate.org". Er war eingeladen und sagte ab, was wohl auch daran gelegen haben mag, dass Steve McIntyre seine Anwesenheit zugesagt hatte.

McIntyre fordert Sanktionen gegen Wissenschaftler

Der pensionierte Analyst für Bergbau-Investments hat es zum Intimfeind einer Reihe von Klimawissenschaftlern gebracht. Pedantisch begann er vor rund sieben Jahren, die sogenannte Hockeystick-Kurve zu prüfen. Die Grafik gilt als Ikone der Klimaforschung. Sie ist eine Rekonstruktion der globalen Temperatur der letzten tausend Jahre und soll beweisen, dass es in dieser Zeit noch nie so warm war wie heute.

"Klimaforscher müssen genauso wie Investmentbanker dazu verpflichtet sein, Informationen zu veröffentlichen, die ihren Prognosen zuwiderlaufen", sagte McIntyre in Lissabon. Andernfalls, so forderte er, müssten sie mit Sanktionen rechnen. "Die Manager von Enron sind ja auch nicht dafür in den Knast gegangen, dass sie Milliarden in den Sand gesetzt haben, sondern dass sie die Anleger mit dem Zurückhalten von Informationen getäuscht haben." Mit Sätzen dieser Art provoziert er seine Gegner mindestens genauso effektiv wie mit seinen zahllosen Aufforderungen, die Rohdaten ihrer Kurven herauszurücken.

McIntyre wurde in den Blogs von Klimaforschern verächtlich gemacht, was ihn dazu veranlasste, sein eigenes Internetforum " Climateaudit.org" zu gründen. Außerdem ließ der Kanadier sich nicht beirren und fand tatsächlich methodische Ungereimtheiten in den Berechnungen zur Hockeystick-Kurve.

Seitdem schimpfen einige Forscher den Mann aus Toronto "Trottel", "Irrer" oder "Spielplatz-Rüpel" - etwa in E-Mails, die Ende 2009 von einem Server der University of East Anglia gestohlen und ins Internet gestellt wurden. Die Klimatologen-Zunft nannte das kriminell, die Skeptiker tauften die Affäre "Climategate". Sie war - neben dem Bekenntnis des Weltklimarats, Fehler bei Prognosen zum Abtauen der Himalaja-Gletscher begangen zu haben - der vorläufige Höhepunkt im Konflikt um die Klimaforschung.

Das Wissen wächst, die Unterstützung der Bevölkerung schrumpft

Während die einen die Welt vor dem Fieberschock retten wollen, behaupten die anderen, die Menschheit vor einer Ökodiktatur zu beschützen. Der Mainstream der Klimatologen sieht allerdings keinen Kampf um die Wahrheit, weil die doch eindeutig auf ihrer Seite sei. Sie halten die Einwände gegen die eigenen Aussagen für Unsinn und die wissenschaftliche Debatte für längst entschieden.

"Das ist ein Irrtum", sagte Judith Curry in Lissabon. Die Geophysikerin vom Georgia Institute of Technology in Atlanta war eine der ersten, die sich mit dem Sketpiker-Lager auf Diskussionen einließ. Seitdem gilt sie als Paria - und bloggt auf ihrer eigenen Seite gegen ihre Gegner an. "Die Unsicherheiten in den Klimamodellen sind noch vollkommen unzureichend erforscht, und die etablierte Forschung versucht, diesen Umstand vor der Öffentlichkeit zu verschweigen", sagt Curry.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 293 Beiträge
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1. Keine Zeit für Idioten
Europa! 31.01.2011
Es kann keinen Zweifel daran geben, dass das hemmungslose Verbrennen sämtlicher fossiler Brennstoffe - Öl, Kohle Erdgas - katastrophale Folgen für unsere Atmosphäre hat. Ob das jetzt mit historischer Klimaforschung im Detail nachgewiesen wird oder nicht. Alles andere ist Verharmlosung, Wichtigtuerei oder Lüge, gefördert von denen, die von der Ausbeutung leben oder ihr Verhalten nicht ändern wollen. Es soll ja heute noch Leute geben, die nicht glauben wollen, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Leider können wir in der Klimafrage nicht so lange warten, wie wir darauf gewartet haben, dass auch die katholische Kirche den Lauf der Planeten begreift.
2. Irre
jenom, 31.01.2011
Immer wieder erstaunlich, dass von der Industrie bezahlte Klimaleugner wegen ihrer lebensgefährlichen Lügen nicht sofort verhaftet werden wie Holocaust Leugner, sondern sogar zitiert werden. Wenn wir irgendwas gegen Verpestung tun, droht uns die "Öko-Diktatur". Und Weshalb? Weil dann das Korruptionssystem zusammenbrechen könnte und das kommt für die jetzigen Profiteure irgendwie einer Diktatur gleich, wenn man die Bürger nicht mehr um Milliarden betrügen kann?
3. Wen kümmert das denn? Vor allem nach Lektüre dieses Artikels...
PJanik, 31.01.2011
Zitat von sysopDroht der Welt der Hitzekollaps oder nur die*Öko-Diktatur? In der Klimaforschung sind die Fronten zwischen warnenden Wissenschaftlern und Skeptikern verhärtet. In Lissabon fand jetzt eine Versöhnungstagung statt - doch am Frieden schien kein besonderes Interesse zu herrschen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,742612,00.html
Der Hockeystick ist doch nun wirklich nicht die Grundlage der Klimaforschung. Ein Teil der Diskussion und eine medienwirksame Folie. Selbst im Lager der Skeptiker bestreiten die wenigsten das das Klima sich erwärmt. Was meist bestritten wird ist ob wir als menschliche Zivilisation darauf Einfluß haben und wenn ja, wie viel. Hier gibt es tatsächlich Unsicherheiten, aber das ist als ob man diskutieren würde ob man sich nun mit einem Auto mit 110 km/h ungebremst auf eine Wand zubewegt, es nun 96km/h, sind oder wir gar mit 150 km/h darauf zu steuern. Klimaveränderungen passieren schleichend und haben mit dem Wetter eines einzelnen Jahres wenig zu tun. Den Medien die Wissenschaft zu vermitteln ist schwierig, weil sich viele gerade seit dem Vormittag damit Beschäftigen und die menschlichen Dramen viel interessanter sind die sich abspielen, als jetzt irgendwelche Projektionen auf 20, 30, 50 oder gar 90 Jahre hinaus. Empirisch vertraut man den Klimamodellen wohl in etwa so wie der Wettervorhersage, häufig stimmt es, manchmal aber auch nicht. Was der Titel des Artikels "Versöhnungstagung: Der Klimakrieg kann weitergehen" ja schon zeigt, es ist nicht interessant ob es Klimaveränderungen und von der menschlichen Zivilisation verursachte Faktoren gibt. Es ist viel Interessanter wenn sich ein paar Leute verbal eins auf die Mütze geben. Das versteht dann jeder. Leider ist es so, das jemand der nicht Nett über andere redet, oder in Mails lästert, durchaus in der Sache recht haben KANN. Abfällige Bemerkungen sind in einer Diskussion ein Faux Pas. Klar. Aber sie berühren nicht die Sachebene. Es gibt viele Gründe mit endlichen Ressourcen vernünftig umzugehen. Menschengemachte Erderwärmung ist einer davon, aber m.M. nach nicht der wichtigste. Wenn Unternehmen nicht Quartalsbezogen und Regierungen nicht Wahlperiodenbezogen agieren würden, könnte man sicher unaufgeregt und sachlich mit dem Thema Erderwärmung und was man für eine Entschleunigung derselben tun könnte umgehen. Solange aber die Form des Umgangs der Pro- und Contra Seiten eine größere Schlagzeile wert ist als die Inhalte, solange wird es nicht um objektive Informationen in den Medien gehen, sondern um Meinung und Meinungsmache. Und da sag einer noch lesen BILD-et!
4. Wut demaskiert
links_rechts 31.01.2011
Zitat von jenomImmer wieder erstaunlich, dass von der Industrie bezahlte Klimaleugner wegen ihrer lebensgefährlichen Lügen nicht sofort verhaftet werden wie Holocaust Leugner, sondern sogar zitiert werden. Wenn wir irgendwas gegen Verpestung tun, droht uns die "Öko-Diktatur". Und Weshalb? Weil dann das Korruptionssystem zusammenbrechen könnte und das kommt für die jetzigen Profiteure irgendwie einer Diktatur gleich, wenn man die Bürger nicht mehr um Milliarden betrügen kann?
Sie entlarven sich in Ihren Aussagen selbst dermaßen, das es schon wieder lustig ist. Sie verneinen eine "Öko-Diktatur", fragen sich aber, wie es sein kann, das Menschen die nicht Ihrer Meinung sind, sofort verhaftet werden. Wie war das mit der Meinungsfreiheit in Diktaturen? Sie argumentieren, das es um die Verpestung der Umwelt geht...und nicht um den Klimawandel. Danke! Übrigens wird Ihnen kaum einer widersprechen, das gegen Umweltverschmutzung was getan werden muß. Sie argumentieren, das die bösen dann die Bürger nicht mehr um Milliarden betrügen können. Um wieviele Milliarden wurden die Bürger bis jetzt schon im Namen des KLimaschutzes erleichtert??? Und es werden immer mehr. Ich sage nur Solarförderung, geplante EU-CO2-Steuer etc pp.
5. Mainstream ?
Michael KaiRo 31.01.2011
---Zitat von SPON--- "Aber es ist nicht klar", meint Curry, "ob es zwischen *Mainstream*-Wissenschaftlern und der kritischen Klima-Blogosphäre jemals normale Beziehungen gegeben hat." http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,742612,00.html ---Zitatende--- Trifft die Sache auf den Punkt: Der Mainstream (englisch für wörtlich „Hauptstrom“) spiegelt den *kulturellen Geschmack* einer großen Mehrheit wider,.. „Mainstream economics“ ist ein Begriff für eine ökonomische *Hypothese*, welche für einen bestimmten Zeitraum die allgemein akzeptierte Grundlage für Analysen ... Prinzipiell lässt sich der Begriff auf viele weitere Bereiche, insbesondere Gesellschaft, Politik und Einzelwissenschaften, ausweiten. Viele alternativ-reformistisch gesinnte Menschen und die Neuen Sozialen Bewegungen kritisieren vor allem den *„gedanklichen Mainstream“*. siehe Wiki
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