Aus Lissabon berichtet Gerald Traufetter
Die Probleme fangen schon damit an, die Kontrahenten richtig zu benennen. Kämpfen da jetzt Skeptiker gegen Alarmisten? Leugner gegen Katastrophisten? Oder Realisten gegen Warmisten? Die Rede ist vom Konflikt zwischen etablierten Klimaforschern, die vor den Folgen der vom Menschen verursachten Erderwärmung warnen, und jenem bunten Lager aus Wissenschaftlern und Laien, die den Rechenmodellen des Gegners misstrauen, die das ganze Gerede vom Klimawandel für einen großen Irrtum oder gar für eine Verschwörung von radikalen Ökologen halten.
Das Schlachtfeld dieses mit Kurven, Diagrammen und verbalen Tiefschlägen geführten Kampfes ist gewöhnlich der digitale Dschungel des Internets. Deshalb war es schon eine Sensation, dass vergangene Woche Teile der verfeindeten Lager tatsächlich in Lissabon physisch zusammenfanden - und das obendrein unter dem Titel "Versöhnung in der Klimadebatte". Ebenso bemerkenswert war die Tatsache, dass der Workshop mit rund 30 Teilnehmern ausgerechnet von der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission organisiert wurde. Denn die EU vertritt offiziell das Ziel, die Klimaerwärmung auf zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu begrenzen - und diese Vorgabe ist eines der beliebtesten Angriffsziele der Skeptiker.
Initiator des Treffens war Jerome Ravetz, ein Wissenschaftsphilosoph von der University of Oxford. "Die Fronten im Kampf um die Klimaforschung sind vollkommen verhärtet", lautete Ravetz' Diagnose. "Das Resultat ist ein gewaltiges Glaubwürdigkeitsproblem."
Einlassungen dieser Art führten dazu, dass Ravetz vom klimawissenschaftlichen Establishment abgekanzelt wurde. So verwunderte es wenig, dass dessen wichtigste Vertreter fehlten. Abwesend war etwa Gavin Schmidt, ein US-Klimatologe und Mastermind des Klimawarner-Blogs " Realclimate.org". Er war eingeladen und sagte ab, was wohl auch daran gelegen haben mag, dass Steve McIntyre seine Anwesenheit zugesagt hatte.
McIntyre fordert Sanktionen gegen Wissenschaftler
Der pensionierte Analyst für Bergbau-Investments hat es zum Intimfeind einer Reihe von Klimawissenschaftlern gebracht. Pedantisch begann er vor rund sieben Jahren, die sogenannte Hockeystick-Kurve zu prüfen. Die Grafik gilt als Ikone der Klimaforschung. Sie ist eine Rekonstruktion der globalen Temperatur der letzten tausend Jahre und soll beweisen, dass es in dieser Zeit noch nie so warm war wie heute.
"Klimaforscher müssen genauso wie Investmentbanker dazu verpflichtet sein, Informationen zu veröffentlichen, die ihren Prognosen zuwiderlaufen", sagte McIntyre in Lissabon. Andernfalls, so forderte er, müssten sie mit Sanktionen rechnen. "Die Manager von Enron sind ja auch nicht dafür in den Knast gegangen, dass sie Milliarden in den Sand gesetzt haben, sondern dass sie die Anleger mit dem Zurückhalten von Informationen getäuscht haben." Mit Sätzen dieser Art provoziert er seine Gegner mindestens genauso effektiv wie mit seinen zahllosen Aufforderungen, die Rohdaten ihrer Kurven herauszurücken.
McIntyre wurde in den Blogs von Klimaforschern verächtlich gemacht, was ihn dazu veranlasste, sein eigenes Internetforum " Climateaudit.org" zu gründen. Außerdem ließ der Kanadier sich nicht beirren und fand tatsächlich methodische Ungereimtheiten in den Berechnungen zur Hockeystick-Kurve.
Seitdem schimpfen einige Forscher den Mann aus Toronto "Trottel", "Irrer" oder "Spielplatz-Rüpel" - etwa in E-Mails, die Ende 2009 von einem Server der University of East Anglia gestohlen und ins Internet gestellt wurden. Die Klimatologen-Zunft nannte das kriminell, die Skeptiker tauften die Affäre "Climategate". Sie war - neben dem Bekenntnis des Weltklimarats, Fehler bei Prognosen zum Abtauen der Himalaja-Gletscher begangen zu haben - der vorläufige Höhepunkt im Konflikt um die Klimaforschung.
Das Wissen wächst, die Unterstützung der Bevölkerung schrumpft
Während die einen die Welt vor dem Fieberschock retten wollen, behaupten die anderen, die Menschheit vor einer Ökodiktatur zu beschützen. Der Mainstream der Klimatologen sieht allerdings keinen Kampf um die Wahrheit, weil die doch eindeutig auf ihrer Seite sei. Sie halten die Einwände gegen die eigenen Aussagen für Unsinn und die wissenschaftliche Debatte für längst entschieden.
"Das ist ein Irrtum", sagte Judith Curry in Lissabon. Die Geophysikerin vom Georgia Institute of Technology in Atlanta war eine der ersten, die sich mit dem Sketpiker-Lager auf Diskussionen einließ. Seitdem gilt sie als Paria - und bloggt auf ihrer eigenen Seite gegen ihre Gegner an. "Die Unsicherheiten in den Klimamodellen sind noch vollkommen unzureichend erforscht, und die etablierte Forschung versucht, diesen Umstand vor der Öffentlichkeit zu verschweigen", sagt Curry.
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