Versuch mit jungen Mäusen Zu viele Reize schaden dem Hirn

Zumindest für Mäuseeltern könnte gelten: Wer sein Kind liebt, der lässt es manchmal einfach in Ruhe. Wenn zu viele Sinneseindrücke auf einmal das junge Gehirn erreichen, wird dessen Entwicklung gestört - zumindest wenn der Stress nicht schnell genug aufhört.

Forscher mit Labormaus (Archivbild): Gezielte Überstimulierung
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Forscher mit Labormaus (Archivbild): Gezielte Überstimulierung


London - Weniger kann manchmal mehr sein. Das jedenfalls legt ein Versuch mit jungen Mäusen nahe. Demnach schädigt chronische Überstimulierung das Gehirn der Tiere. Bei jungen Versuchstieren, die kurz nach der Geburt zum Beispiel dauernd mit Geräuschen beschallt wurden, hätten sich kaum noch kleine Blutgefäße im Gehirn gebildet, berichten Forscher um Christina Whiteus von der Yale University School of Medicine im Fachmagazin "Nature".

Auf Frühförderung fixierte, menschliche Helikoptereltern müssen sich trotzdem erst einmal noch keine Sorgen machen: Zwar halten es die Wissenschaftler grundsätzlich für möglich, dass auch beim Menschen Überstimulierung oder Reizüberflutung die Hirnentwicklung beeinträchtigt. Dies müssten aber erst weitere Untersuchungen zeigen.

Die Forscher hatten Mäusen ab einem Alter von 15 Tagen zehn Stunden täglich ein Gemisch aus verschiedenen Tönen, natürlichen Geräuschen oder weißem Rauschen vorgespielt - bis die Mäuse 25 Tage alt waren. Es zeigte sich, dass die Bildung neuer Blutgefäße in der Hörrinde des Gehirns um 70 Prozent gegenüber den Tieren aus einer Kontrollgruppe reduziert war. Das Längenwachstum der Gefäße schrumpfte um 80 Prozent.

Sauerstoffversorgung im Gehirn beeinträchtigt

Die gleichen Auswirkungen auf die Blutgefäße sahen die Forscher in den jeweils überstimulierten Hirnbereichen, wenn sie die jungen Mäuse fünf Tage drei Stunden täglich in einem Laufrad rennen ließen oder ihre Schnurrhaare zehn Stunden täglich für acht Tage mit Hilfe eines Luftstroms stimulierten.

Stress oder Energiemangel erklärten die beeinträchtige Gefäßbildung nicht. Vermutlich werde infolge der Überstimulierung im Gehirn zu viel Stickstoffmonoxid (NO) gebildet, berichten die Forscher. Von dieser gasförmigen Verbindung ist bekannt, dass sie die Bildung von Blutgefäßen mitsteuert. Verabreichten die Wissenschaftler den Nagern einen NO-Hemmstoff, verlief die Gefäßbildung normal.

Die Forscher fanden weiter heraus, dass die mangelnde Gefäßneubildung die Sauerstoffversorgung im Gehirn beeinträchtigt. Dies wiederum führte dazu, dass die Nervenzellen weniger Dornfortsätze bildeten. Diese kleinen Ausstülpungen sind für die Übertragung von Informationen zwischen den Nervenzellen wesentlich.

Beendeten die Forscher die Überstimulierung des Gehörs nach fünf Tagen, hatten die Nager einen Monat später normal entwickelte Blutgefäße. Hielt sie hingegen mindestens 15 Tage an, zeigten die Mäuse auch im Alter von fünf Monaten noch immer eine geringere Gefäßdichte als Kontrolltiere. Dies lege nahe, dass es einen kritischen Zeitraum gibt, in dem sich die Blutgefäße erholen könnten, schreiben die Forscher. Danach würden die Schäden chronisch.

chs/dpa



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