Verwirrte Vögel Wenn Geier nur auf Männer stehen

Viele Bartgeiermännchen sind homosexuell. Einige haben es gar auf ihre menschlichen Pfleger abgesehen: Nur mit Kraulen und Kuscheln lassen sie sich nicht abspeisen. Dafür ziehen sie ihrem Mann zuliebe auch adoptierte Jungvögel groß. Eine Beziehungsgeschichte.

Von Vivienne Klimke


Eigentlich hat Hans Frey es vom ersten Moment an gespürt. Der verhielt sich doch nicht normal, dieser Russe da im Zoo von Grünau. Der schaute immer herüber. Der wollte doch anbandeln. Er hat ihn mitgenommen zu sich nach Haringsee bei Wien. Dort fing das an mit dem Herumgetrippel und dem komischen Blick. Diese kirschroten Augenringe. Er habe sich erst nichts dabei gedacht, sagt Hans Frey. Aber irgendwann hat er mal einen Moment nicht aufgepasst. Hat sich gebückt, um etwas aufzuheben. Und das Bartgeiermännchen hat es ausgenutzt, ist auf seinen Rücken gesprungen und hat ihn begattet.

Geier: Manche mögen ihre Pfleger besonders gern
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Geier: Manche mögen ihre Pfleger besonders gern

Vermutlich war der Geier überzeugt, Hans Frey hätte es schließlich auch gewollt. Was sonst hätte er sich denken sollen? Da nimmt ihn dieser Mensch mit nach Hause, besucht ihn jeden Morgen eine Stunde lang in seiner Voliere, man krault und streichelt sich gegenseitig - in Bartgeiermanier, versteht sich. Der Mann bringt ihm sogar Material mit, das der Geier zu einem wunderhübschen Nest verarbeitet. Jetzt habe ich ihm ein Haus gebaut, wird sich der Bartgeier gedacht haben, jetzt darf ich aber auch ran.

Hans Frey ist kein Sodomist, sondern Veterinärmediziner an der Universität in Wien und der gefragteste Experte für die einst ausgerotteten Bartgeier in Österreich. In Haringsee leitet er die Vienna Breeding Unit, kürzlich umbenannt in Richard-Faust-Bartgeier-Zuchtzentrum, unterstützt unter anderem von der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft und heute die Mutter-Schutzstation Mitteleuropas. Ein angenehmer, zurückhaltender Mann von schlankem Bau und sanftem Wesen. Man kann kaum glauben, dass dieser Mann fast 20 Jahre lang eine Beziehung mit einem Bartgeier hatte - länger als seine erste Ehe hielt.

Er habe ihn gebraucht, um Jungvögel großziehen zu können, die von ihrem stärkeren Geschwisterchen aus dem Nest geworfen wurden, sagt Frey. Ein Geier nimmt die fremde Brut aber nur an, wenn vorher das volle Programm gelaufen ist: Flirten, Nestbau, Paaren, Brüten. Setzt man ihm ohne Vorspiel ein Küken ins Nest, wirft er es raus.

Und der Geier wollte nur ihn, vom ersten Moment an, als sie sich damals im Zoo in Grünau sahen. Vielleicht war er als Jungtier verstoßen und in der Prägephase von Menschen aufgezogen worden. Er habe ihm leid getan, sagt Frey. Es sei ja nicht so einfach für einen fehlgeprägten Vogel, einen Partner zu finden.

Nun ist Schwulsein kein Thema unter Bartgeiern. Die sind sexuell sehr tolerant, irgendwie passend, denn ihr Geschlecht ist äußerlich nicht zu erkennen. Da muss man als Mensch schon eine Genanalyse machen oder unter Narkose reinschauen. Für sie spielt es keine große Rolle, wer von welchem Ufer stammt. Besonders gerne treiben sie es im Trio, hat ein Forscher mal herausgefunden.

Aber auf Menschen zu stehen erschwert die Partnersuche extrem. Hans Frey und ein paar wenige Kollegen haben sich geopfert. In Andalusien gibt es eine Aufzuchtstation, in der ein junger Geier gleich mit zwei Helfern etwas anfing. Die machen da jetzt zu dritt rum. In den Pyrenäen baut gerade ein Bartgeierexperte ein Zentrum auf, der ebenfalls mit einem männlichen Vogel verpaart ist.

Wie hat man sich das überhaupt vorzustellen mit einem sieben Kilo schweren Vogel mit fast drei Meter Flügelspannweite? Da muss einer schon Stand beweisen und bereit sein, Knie oder Rücken hinzuhalten, je nach Geschmack. Hans Frey musste immer buckeln, und das in der Paarungszeit bis zu zehnmal am Tag. Mit einem "Morgenschnacksler" war es da nicht getan: "Der konnte nicht genug kriegen von mir. Und ich stand dann immer da."

Gefunden in...
Nun liegt die Paarungszeit der Geier ausgerechnet im Dezember. Irgendwann schlug Frey seiner Frau vor, der Geier könne doch samt Geierhorst unter der Treppe im Hausflur einziehen. Zu ihrer Reaktion muss man wohl nichts weiter sagen.

Fast 20-mal hat Hans Frey Nachwuchs mit seinem Geier aufgezogen. Hat Flirten, Nestbauen, Paaren und Brüten 15 Jahre lang mitgemacht und viel über die Eltern-Kind-Beziehung beim Bartgeier gelernt. "Diese Vielzahl an Kontaktlauten, dieses Stimminventar, mit dem der Jungvogel seine Bedürfnisse kommuniziert, war unglaublich!"

Gerade mal 35 Jahre alt wurde Hans Freys Vogel. Kein Alter für einen Bartgeier. Der Tierarzt hat den Geier in die Uni gebracht und nachgeschaut, woran er gestorben ist. Es war das Herz.



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