Zukunftsszenario: Forscher simulieren Vesuv-Ausbruch

Aus Wien berichtet

Jederzeit kann der Vesuv erwachen. Eine Simulation zeigt nun, wie ein mittelstarker Ausbruch verlaufen würde. Hunderttausende Anwohner sind in Lebensgefahr. Das Risiko für Neapel wird offenbar unterschätzt.

INGV

Wer mag sie schon hören, die Warnungen vor Naturkatastrophen? Am wenigsten vielleicht die Anwohner des Vesuvs, dem wohl gefährlichsten Vulkan der Welt. Schon als Kind hören sie die Geschichte, wie vor fast 2000 Jahren ihre Vorfahren in Pompeji unter heißen Aschewolken starben. Und wie 1631 und 1794 selbst schwächere Eruptionen des Vesuvs Tausende in der Nähe von Neapel töteten. Wie auch 1906 und beim bislang letzten Ausbruch 1944 Menschen starben, obwohl es damals nur vergleichsweise winzige Rülpser des Vulkans waren. Und auch von den Dutzenden anderen Eruptionen der vergangenen Jahrhunderte wurde den Neapolitanern oft erzählt.

"Besser einen Tag als Löwe leben als ein Leben als Feigling", entgegnen sie gern, wenn sie auf die Gefahr angesprochen werden. "Das Problem wird verdrängt", sagt der Vulkanologe William Aspinall von der University of Bristol.

Doch was würde heute, wo mittlerweile drei Millionen Menschen in der Gefahrenzone siedeln, bei einem Ausbruch geschehen? Ungewöhnlich lange ruht der Vesuv, seit fast 70 Jahren schon. Kaum ein Anwohner hat noch selbst erlebt, was eine Eruption bedeuten kann; das Risiko bleibt abstrakt. Wissenschaftler vergleichen die Situation mit der von Nordost-Japan vor dem Tsunami 2011: Dort siedelten die Küstenbewohner neben Wegsteinen aus dem Mittelalter, deren Inschriften vor Riesenwellen warnten.

In Neapel sollen jetzt moderne Medien Überzeugungsarbeit leisten: "Mit einer Animation wollen wir veranschaulichen, was geschehen kann", sagt der Vulkanologe Augusto Neri vom Instituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia in Italien (INGV) auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien. Das 3-D-Modell einer Vesuv-Eruption, das auf SPIEGEL ONLINE nun erstmals einer breiteren Öffentlichkeit gezeigt wird, beruht auf aktuellen Daten. "Wir wollen keine Panik verbreiten", betont Neri. Die Animation sei keine exakte Vorhersage, sie zeige eine mögliche Eruption mittlerer Stärke wie jene von 1631. Solch ein Szenario sei für die kommenden Jahre am ehesten zu erwarten.

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Vesuv-Animation: Inferno über Neapel
"Wir wollten wissen, wie der Aschestrom aussehen würde, welche Form, Temperatur und welchen Druck er hätte", sagt sein Kollege Robin Spence vom privaten Forschungszentrum Cambridge Architectural Research. So lasse sich etwa einschätzen, wo noch gebaut werden dürfe. Die Erkenntnisse der Animation sind nicht ermutigend: Bei einem mittelstarken Ausbruch von rund 50 Millionen Kilogramm Asche pro Sekunde aus dem Krater "Gran Cono" schießt eine Hunderte Meter dicke Aschesäule etwa 20 Kilometer in den Himmel.

Die erste Folge wären Wolken aus Asche und Lava, die den Himmel verdunkeln. Die tödliche Dramatik am Boden zeigt die Animation nicht, denn im Detail lässt sich nicht vorhersagen, was passieren wird. Doch der Ablauf ist bekannt: Ein Regen aus Lavasteinen prasselt auf Menschen, Straßen und Häuser. Beim großen Vesuv-Ausbruch 3800 vor Christus legte sich eine vier Meter dicke Ascheschicht auf Neapel. Bei der simulierten Eruption hingegen sind es im weiteren Umkreis nur ein paar Zentimeter, die je nach Windrichtung niedergehen. Selbst diese Menge des Gesteinpulvers kann aber ausreichen, um Dächer einstürzen zu lassen.

Fatale Bergkuppe

Die größte Vulkangefahr kommt lautlos - fast wie in der Animation: 800 Grad heiße Glut-Lawinen rasen gespenstisch still den Berg herab, es sind die gefürchteten pyroklastischen Ströme. Die Simulation zeigt nun, dass die glühende Masse die Vulkanflanken keineswegs gleichmäßig fluten würde - stark besiedelte Regionen im Süden, Osten und Westen träfe es mit doppelter Wucht. Denn an einer Bergkuppe im Norden des Kraters prallt der Strom ab, um der Animation zufolge dann die Flanken herunterstürzen.

Das Gemisch aus Lava, Asche und Steinen gleitet auf heißen Dämpfen wie auf einem Luftkissen mit gut 500 Kilometern pro Stunde. Wer nicht geflüchtet ist, hat keine Chance - die Überreste von Pompeji zeigen, was geschieht: In der Lunge festigt sich die Asche zu Zement, die Opfer ersticken; ihre Leichen verkohlen. Bei einer Autopsie müssen die Körper mit Hammer und Meißel geöffnet werden. Die Opfer in Pompeji wurden auf solch grausame Weise konserviert.

Sieben Kilometer weit schießen die Glut-Lawinen in der Simulation den Berg hinab, das Zentrum von Neapel würden sie also nicht erreichen, es liegt gut zehn Kilometer entfernt. Doch mindestens 600.000 Menschen in den Vororten leben auf den erstarrten Ablagerungen früherer Ascheströme. Der Staat hat den Bewohnern dieser sogenannten Roten Zone 30.000 Euro geboten, falls sie wegzögen - nur ein paar Tausend nahmen die Offerte bislang an. Stattdessen wurden dort Tausende neue Häuser gebaut; darunter sogar ein Krankenhaus. "Für die Bewohner der Roten Zone geht es bei einem Ausbruch um Leben und Tod", sagt Neri.

Kann überhaupt gewarnt werden?

Seit Jahrzehnten streiten Experten, wie im Ernstfall reagiert werden soll. Der aktuelle Notfallplan sieht eine Evakuierung der Roten Zone vor, sobald Vulkanologen in spätestens einer Woche einen Ausbruch erwarten. 16.500 Polizisten und Soldaten sollen täglich 80.000 Menschen mit Autos, Bussen und Schiffen aus der Zone bringen - in einer Gegend, in der schon alltags Verkehrschaos herrscht. Bewohner außerhalb der Roten Zone sollen erst nach dem Ausbruch erfahren, ob sie flüchten müssen - je nach Gewalt der Eruption sollen Maßnahmen angeordnet werden. Aber kann überhaupt rechtzeitig gewarnt werden?

Auf der EGU-Tagung in Wien präsentierten Experten ihre neuesten Methoden der Ausbruchsprognose: Eine Mischung aus Wettervorhersage und Vulkansimulation. Dass die Technologie aber noch am Anfang steht, haben die ungenauen Vorhersagen der Aschewolken aus Island 2010 und 2011 eindrucksvoll bewiesen.

Meist wehe glücklicherweise Westwind in der Region, der die Asche wenigstens von der Millionenmetropole Neapel wegtreiben würde, beruhigen sich Anwohner gerne. Doch das sei eine trügerische Hoffnung, erklärt nun ein Forscherteam um Ines Alberico vom Centro Interdepartimentale Ricerca Ambiente in Neapel. Die Wissenschaftler haben zwölf Ausbrüche seit 1649 aufgelistet, bei denen Aschewolken über Neapel niedergingen. Bei großen Ausbrüchen können demnach sogar pyroklastische Ströme die Stadt erreichen. Das Resümee der Forscher klingt mehr als unheimlich: "Die schwache Position der Stadt Neapel wird meist übersehen."

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