Vibrationssignale Wieso taube Tausendfüßer Liebeslieder anstimmen

Riesenkugler können nicht hören. Trotzdem spielen die Männchen Lieder, um Weibchen zu beeindrucken - und haben damit Erfolg. Biologen haben die erstaunlichen Tausendfüßer nun genauer untersucht.

Jörn Köhler

Hamburg - Sie sind die Igel unter den Krabbeltieren: Kugeltausendfüßer rollen sich zusammen, wenn sie eine Gefahr vermuten. Zwar besitzen sie keine Stacheln, doch ihr fester Panzer dient dann als guter Schutz vor Fressfeinden.

Die Tiere formen eine richtige Kugel - da größere Exemplare dabei durchaus die Größe einer Apfelsine erreichen können, werden diese Arten auch als Riesenkugeltausendfüßer beizeichnet.

Bei der Fortpflanzung wirkt das Verhalten der Tausendfüßer jedoch erst einmal problematisch. Denn das Männchen muss ein fest eingeigeltes Weibchen erst einmal überzeugen, die Schutzhaltung aufzugeben. Deutsche und belgische Biologen um Thomas Wesener vom Zoologischen Forschungsmuseum Bonn berichten im Fachmagazin "Naturwissenschaften" nun, wie die Männchen das anstellen.

Die Tiere erzeugen Geräusche, indem sie ihr letztes Beinpaar an ihrem Panzer reiben. Die Laute ähneln denen von Heuschrecken. Stimmt das Männchen die passende Tonfolge an, verlässt das Weibchen die Schutzhaltung.

Hören kann sie das Lied allerdings nicht: Die Tierchen besitzen keine Hörorgane, sind also taub, wie die Forscher berichten. Doch da das Männchen direkt beim Weibchen zu musizieren beginnt, spürt es die Vibrationen, welche die sogenannten Stridulation begleiten.

Bei neun untersuchten Arten von Riesenkuglern hätte sich das Muster des Gesanges klar voneinander unterschieden, so dass nur Tausenfüßer derselben Art so zueinander finden, berichten die Wissenschaftler.

Die jetzt veröffentlichte Studie stützt sich auf die Arbeit des deutschen Zoologen Ulrich Haacker, der bereits 1972 nach Südafrika gereist war, um dort Riesenkugler zu beobachten. Von der Expedition brachte der Wissenschaftler neben Tonbandaufnahmen eine Sammlung von fast 80 in Glasfläschchen aufbewahrten Tieren sowie sein Forschungstagebuch mit. Doch all das lagerte mehr als 30 Jahre ungeöffnet in einer Kiste - denn Haacker starb kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland an Leukämie.

Vor einigen Jahren bekam Thomas Wesener die Proben und Unterlagen. Haackers ehemaliger Student Stefan Fuchs, der die Kiste aufbewahrt hatte, war auf den Zoologen aufmerksam geworden, als der eine Arbeit über neu entdeckte Riesenkuglerarten auf Madagaskar veröffentlicht hatte. So konnte das in den siebziger Jahren gesammelte Material über die Lieder der tauben Tausendfüßer schließlich ausgewertet werden.

wbr

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