Spektakel im Vulkan: Müllbeutel entfacht Höllenfeuer

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Ein Sack mit Campingmüll stürzt in einen Lavasee - und sorgt für eine regelrechte Eruption. Ein Amateurvideo vom Vulkan Erta Ale in Nordafrika beeindruckt Wissenschaftler. Experten halten den Film für echt. Selbst ein großer Ausbruch wäre demnach möglich gewesen.

Dr. Richard Roscoe

Hamburg - "Ich wäre abgehauen", sagt der Vulkanologe Bernd Zimanowski von der Universität Würzburg. Das Experiment am Vulkan Erta Ale in Äthiopien sei höchst riskant gewesen. Ein Video zeigt, wie ein Mensch dort einen Gegenstand in den Lavasee wirft; angeblich handelt es sich um eine 30 Kilogramm schwere Tüte mit Campingmüll.

Das bisschen Abfall löst eine heftige Reaktion aus: Die Lava gerät in Wallung, die Kruste bricht immer weiter auf, glutrote Fontänen schießen hervor - nach 37 Sekunden bricht das Video ab; Experten halten es für echt. "Theoretisch kann solch ein Aufschlag in einen Lavasee auch eine größere Eruption auslösen", sagt Zimanowski.

Zum Extrem kam es diesmal nicht. Doch auch der kleine Ausbruch überrascht: Meist bleiben Gegenstände, die in Lava fallen, in der Kruste stecken, wo sie verbrennen. "Ich habe Felsbrocken gesehen, die auf Lavaseen abgeprallt sind", sagt Zimanowski. Warum also konnte der kleine Beutel den geschmolzenen Gesteinsbrei derartig in Wallung bringen, so dass aus einem kleinen Loch in der Kruste ein regelrechter Ausbruch wurde?

Hohlraum getroffen

Der Lavasee steht unter hohem Druck. Vulkanische Gase drängen nach oben. Auf der anderen Seite lastet die schwere Gesteinskruste auf der Oberfläche. Sie kann jederzeit einsinken. Anders als Eis auf einem Teich ist sie schwerer als die darunterliegende Brühe. "Manchmal genügen kleine Störungen, um das empfindliche System aus dem Gleichgewicht zu bringen", sagt Zimanowski.

Offenbar habe die Mülltüte in dem Video einen Hohlraum in der Kruste getroffen, meint der Experte. In der mehr als 1000 Grad heißen Lava fing der Abfall sofort Feuer, das zeigen die Dämpfe auf dem Video. Selbst Aluminiumdosen und andere Metallgegenstände wären geschmolzen. Weitere chemische Reaktionen seien vermutlich nicht passiert, meint Zimanowski: "Der Gesteinsbrei ist chemisch äußerst träge."

Die Verbrennung aber hat Gase und Dämpfe erzeugt - der See geriet in Wallung. Den größten Effekt jedoch habe wohl der Aufschlag selbst gehabt, sagt der Forscher: Lava sei verdrängt worden, der See schlug Wellen. Offenbar seien Blasen in der Lava geplatzt, so dass Fontänen hochschossen.

Wenn der heiße Gesteinsbrei erst mal in Wallung ist, wird er unberechenbar: Ähnlich wie ein kleiner Stein eine gewaltige Lawine auslösen kann, ist ein Vulkanausbruch oft nicht mehr aufzuhalten. Jede Eruption hat letztlich einen kleinen Auslöser. "Ein abstürzender Felsbrocken am Kraterrand könnte den Lavasee zum Ausbruch bringen", sagt Zimanowski.


Von Axel Bojanowski ist soeben sein neues Buch "Nach zwei Tagen Regen folgt Montag" über erstaunliche Rätsel der Erde erschienen (dieser Text stammt nicht aus dem Buch)

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