Virtuelle Reise: Neuer Google-Atlas offenbart Tiefsee-Abgründe

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Berge höher als der Mount Everest, Schluchten, gegen die der Grand Canyon mickrig wirkt: Neue Karten erlauben virtuelle Expeditionen an den Boden der Tiefsee. Es sind spektakuläre Einblicke in eine Welt, die normalerweise unter kilometerhohen Wassermassen verborgen bleibt.

Google Earth/ DigitalGlobe

Hamburg - Ein langes Tau benötigte der griechische Philosoph Poseidonios im Jahre 85 vor Christus, um die Tiefen des Mittelmeers zu messen. Er befestigte einen Stein am Seil und ließ es ins Meer sinken. Viele Versuche waren nötig, denn auf die wahren Abgründe des Gewässers waren die Alten Griechen nicht vorbereitet: Das Mittelmeer ist durchschnittlich 1450 Meter tief, an manchen Stellen senkt sich der Boden gar mehr als 5000 Meter unter den Meeresspiegel - ein stattliches Seil musste also parat liegen.

Heute vermessen Forscher den Tiefseegrund mit Schallwellen von Schiffen aus. Neue Karten machen jetzt fünf Prozent des Meeresbodens in unerreichter Genauigkeit auf Google Earth der Öffentlichkeit zugänglich. Bisherige Atlanten zeigten den Meeresboden meist auf einen Kilometer genau, kleinere Strukturen blieben unsichtbar. Die neuen Karten aber offenbaren alles, was größer ist als 100 Meter - selbst kleine Unterwasserhügel werden erkennbar. Die Daten stammen von Hunderten Schiffsexpeditionen, die unter anderem vom Earth Institute der Columbia University in den USA und dem Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften geleitet wurden.

Erstaunliche Landschaften - normalerweise verdeckt von kilometerdicken Wassermassen - werden sichtbar: Die flachsten Ebenen der Erde, ebenso wie ihre höchsten Berge und zerklüftetsten Täler. Die Landschaften unterscheiden sich erheblich von jenen an Land. Gebirgsketten etwa schlängeln sich in den Ozeanen Zehntausende Kilometer weit. Gräben klaffen sechsmal so tief wie der Grand Canyon. Kontinentgroße Lavafelder bedecken den Boden. Breite Plateaus, auf denen Deutschland leicht Platz fände, erheben sich. Und mancherorts ist der Boden auf der Größe des Mittelmeers so blank wie eine Steinplatte.

Im Marianengraben

Diese Gefilde bleiben üblicherweise selbst U-Booten verborgen, sie tauchen normalerweise nur einige hundert Meter weit hinunter. Auch Wale gehen kaum tiefer als tausend Meter. Forschungskapseln können immerhin für einige Stunden 6000 Meter tief tauchen. Die Rekordfahrt der "Trieste" der Forscher Jacques Piccard und Donald Walsh schaffte es gar auf fast 11.000 Meter in den Marianengraben.

Doch das sind Ausnahmen, die Weiten der Tiefseeböden bekommt kaum jemand zu Gesicht. Nun aber bieten die neuen Unterseekarten einzigartige Einblicke. Die spektakuläre Kane-Bruchzone etwa ist ein Ziel, das sich nun über Google Earth ansteuern lässt. Sie schneidet sich vier Kilometer tief in den Mittelatlantischen Rücken, einen langen untermeerischen Gebirgszug.

Die Kane-Schlucht ist eine von abertausenden Brüchen, die bei der Bewegung der Erdplatten entstehen: Der Tiefseegrund bricht auf, weil die Erde rund ist. Die im Vergleich zum Festland dünne Kruste des Meeresgrundes gibt der Dehnung nach, es bilden sich tiefe Rillen im Boden - oder eben Klüfte im Unterseegebirge wie die Kane-Schlucht.

Der Mittelatlantische Rücken selbst schlängelt sich als 15.000 Kilometer langer Gebirgszug mitten durch den Atlantischen Ozean, er teilt das Meer in zwei Hälften. Seine Flanken fallen auf 6000 Meter ab, manche Gipfel ragen bis über den Meeresspiegel: Island liegt auf dem Mittelatlantischen Rücken. Seine Vulkane fördern Tiefseelava.

Mächtige Gerölllawinen lösen sich

Aus dem Untersee-Gebirgsrücken quillt, von Beben begleitet, stetig Lava. Sie festigt sich zu neuer Erdkruste. Die Massen flüssigen Gesteins drücken den Tiefseeboden auf beiden Seiten des Gebirges mit etwa zwei Millimetern pro Monat zur Seite - mächtige Erdplatten werden in Bewegung gesetzt, der Atlantik weitet sich. Amerika und Europa entfernen sich pro Jahr einen Fingerbreit voneinander.

Auch der Pazifikboden ist übersät mit abertausend Bergen. Die Hawaii-Insel Mauna Kea ist der höchste Berg der Welt, sie ragt 10.000 Meter vom Meeresgrund auf, davon 4000 Meter über den Meeresspiegel. Die Nachbarvulkane, die die Inselkette Hawaiis bilden, erreichen ähnliche Höhen. Alle paar Jahre rutschen mächtige Gerölllawinen von den Flanken, die Geröllhaufen zeichnen sich als mächtige Fächer auf dem Tiefseeboden ab.

Die neuen Karten der Tiefsee bieten manch gruselige Einblicke: Vor der nordamerikanischen Westküste durchschneiden den Meeresboden abertausende Narben und Kerben - Zeugnisse eines gefährlichen Spannungsgebietes. Dort schiebt sich der Boden des Pazifiks mit einigen Zentimetern pro Jahr unter den amerikanischen Kontinent. Alle paar Jahrhunderte löst sich der Druck zwischen den Erdplatten bei gewaltigen Seebeben, die Tsunamis an die Küste schicken.

Neues entsteht

Seit Europäer vor rund 200 Jahren in die Gegend eingewandert sind, hat es in der Region keine stärkeren Erdbeben gegeben. Doch Überreste eines versunkenen Fichtenwaldes zeigen, dass die Küste im Frühjahr 1700 bei einem monströsen Tsunami-Beben versunken ist. Die virtuelle Reise in die Tiefsee zeigt nun den Ursprungsort der erneut zu erwartenden Katastrophe: Erdbebennähte am Meeresgrund. In den vergangenen 300 Jahren hat sich genug Spannung für ein ähnliches Beben wie im Jahre 1700 aufgestaut, das Großstädte wie Seattle, Portland und Vancouver verwüsten könnnte.

Die neuen Atlanten zeigen aber auch Orte, an denen Neues entsteht: Schlote schwarzen Rauches am Pazfikboden etwa schleudern Edelmetalle aus dem Erdinneren. An den sogenannten Schwarzen Rauchern bilden sich Lagerstätten von Gold, Silber und Kupfer. Diese Orte rücken zunehmend ins Visier von Rohstoffkonzernen. Auch Daten über den Meeresgrund des Arktischen Ozeans sind begehrt, angrenzende Länder streiten um Bodenschätze, die dort vermutet werden.

Doch die neuen Karten der Tiefsee sind nur ein Anfang. Noch immer sind weite Teile der Meere kaum erforscht, denn Schiffsexpeditionen sind teuer. Und so bleiben Wissenschaftler auf Satellitendaten angewiesen: Sie zeigen Dellen und Beulen des Meeresspiegels, die von der Anziehungskraft des Ozeanbodens verursacht werden - es entsteht ein Abbild der Meeresböden, allerdings ein ziemlich grobes. Viele Geheimnisse bleiben also weiterhin in der Dunkelheit der Tiefsee verborgen.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. naja...geht so
bunterepublik 10.06.2011
Die Animationen wirken so, als ob diese aus einer japanischen Fernsehproduktion der 90er entnommen wären.... Atemberaubend ist anders.
2. .
Christ 32 10.06.2011
wo gabs da spektakuläre Einblicke ? die Animation uninteressant und der Werbespot vorher spektakulärer
3. Was habt Ihr erwartet, Christ 32 & bunterepublik?
bigjes 10.06.2011
Es sind doch spekatukälre Einblicke, aus wissenschaftlicher Sicht zumindest! Braucht Ihr "Call of Duty"-Animationen oder was ist das Problem??? Was soll der Vergleich mit einer japanischen TV-Produktion aus den 90ern??? Es geht hier nicht um ein Grafikspekatkel abzuziehen, sondern wissenschaftliche Erkenntnis! Ich glaube, dass Ihr unter der falschen Maßgabe die Dinge betrachtet habt...
4. ---
tweet4fun 10.06.2011
Angesichts der technologischen Schwierigkeiten, diese visuelle Reisen überhaupt zu ermöglichen, kann ich den ersten beiden Kritikern in diesen Thread nur antworten: Dann macht´s doch besser, Ihr sesselpupenden Affen.
5. @tweet4fun
Beobachter008 10.06.2011
Zitat von tweet4funAngesichts der technologischen Schwierigkeiten, diese visuelle Reisen überhaupt zu ermöglichen, kann ich den ersten beiden Kritikern in diesen Thread nur antworten: Dann macht´s doch besser, Ihr sesselpupenden Affen.
In der Sache richtig, aber im Ton sehr daneben...
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