Vogelperspektive Albatros-Kameras schießen spektakuläre Fotos

Verhaltensforscher haben Schwarzbrauenalbatrossen winzige Spezialkameras auf den Rücken geschnallt. Deren Bilder dokumentieren Flüge zu weit entfernten Fischfanggründen und liefern überraschende Einblicke in die Jagdtaktiken: Mitunter sammeln die Vögel Beutereste von Walen ein.

British Antarctic Survey

Seeleute nennen ihn Mollymauk. Stundenlang kann er ihren Schiffen folgen, ohne dabei einen Flügelschlag tun zu müssen. Grazil und mühelos gleitet er auf dem Wind. Eine Kreatur von atemberaubender Schönheit. Die Evolution hat Schwarzbrauenalbatrosse zu perfekten Segelfliegern gemacht. Mit einer Spannweite von mehr als zwei Metern können sich die Riesenvögel mit minimalem Energieaufwand fortbewegen. "Sie zu beobachten ist absolut phänomenal", schwärmt Philip Trathan.

Der Biologe kennt die majestätischen Tiere aus nächster Nähe. Trathan ist Wissenschaftler des British Antarctic Survey, dem britischen Polarforschungsprogramms in Cambridge, und erforscht das Verhalten südpolarer Seevögel: Pinguine, Sturmvögel und Albatrosse. Thalassarche melanophrys heißt der Mollymauk in der Sprache der Zoologen. Die Vögel kommen hauptsächlich in den kühleren Breiten der südlichen Hemisphäre vor, vereinzelt überqueren die Fernflieger jedoch den Äquator und verbringen den Sommer sogar in nördlichen Gefilden. Warum, weiß niemand.

Die Albatrosse geben den Forschern noch ganz andere Rätsel auf. Wie etwa finden die Vögel in den unendlichen Weiten des Ozeans ihre Beute? Vor allem bei rauer See wäre es ein schwieriges Unterfangen, Fische in ein paar Metern Tiefe von der Luft aus zu orten. Zudem müssen die Vögel wissen, wo sich möglichst dichte Schwärme aufhalten, denn nur so lässt sich mit wenig Aufwand der Magen füllen. Anders als seine nahen Verwandten frisst der Schwarzbrauenalbatros außerdem nicht nur Fisch und Tintenfisch, sondern oft auch Krill, wenige Zentimeter lange Krebse, die meist frei schwimmend im offenen Meer leben.

Um der Suchtaktik der Schwarzbrauenalbatrosse auf die Schliche zu kommen, hat sich Philip Trathan zusammen mit drei japanischen Kollegen einen Trick ausgedacht. Die Tiere sollten auf ihren Flügen zu den Fischgründen selbstauslösende Spezialkameras mit sich tragen und so aufzeichnen, wie sie die Schwärme finden. Die Geräte wiegen nur 82 Gramm und haben etwa die Größe eines Lippenstifts. Zusätzlich ausgestattet mit einem winzigen Thermometer und einem Tiefenmesser, macht die Kamera alle 30 Sekunden ein Bild. Dabei speichert die Messvorrichtung ständig die Temperaturschwankungen und, sofern der Albatros ins Wasser taucht, die Tiefe seines Tauchgangs.

Menschen sind keine Bedrohung

Im Januar dieses Jahres, mitten im antarktischen Sommer, besuchte das Forscherteam eine Schwarzbrauenalbatross-Kolonie auf Bird Island vor der Küste der Insel Südgeorgien. Dort widmeten sich die Vögel ganz dem Brutgeschäft. "Sie sind sehr zahm und bleiben fest auf ihrem Nest sitzen", berichtet Philip Trathan im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Kolonien hätten bisher praktisch keine Erfahrungen mit Menschen gemacht, weshalb sie Zweibeiner nicht als Bedrohung ansehen würden. Die Wissenschaftler hatten also leichtes Spiel.

Vier Albatrosse wurden kurzerhand als Forschungshelfer rekrutiert und bekamen je eine der Mini-Kameras auf dem Rücken befestigt. Die Tiere wehrten sich kaum. Vor ihren Schnäbeln nahmen sich die Biologen dennoch in Acht. "Das sind gemeine Waffen, die man nicht in der Nähe seines Gesichts haben möchte", sagt Trathan.

Während der Brutzeit und der Aufzucht des meist einzigen Jungtiers wechseln sich die Mollymauk-Eltern ab. Einer bleibt am Nest, der andere fliegt zur See. Anfangs sind die Vögel bis zu fünf Tage unterwegs und wandern manchmal bis zum Patagonischen Schelf vor der Küste Argentiniens. "Etwa 1.000 Kilometer Flug", sagt Philip Trathan. Ist das Küken erst einmal geschlüpft, bleibt für solche Fernausflüge keine Zeit mehr. Dann müssen die Altvögel das Futter für sich und den hungrigen Nachwuchs vor der Haustür erbeuten, in "nur" wenigen hundert Kilometern Umkreis.

Zwar ging eine der vier Kameras während der Versorgungsflüge verloren, dennoch zeichneten die Messapparaturen riesige Datenmengen auf: Insgesamt 28.725 Bilder brachten die Albatrosse mit, und ein Teil der Aufnahmen lieferte den Forschern einige der Hinweise, nach denen sie gesucht hatten. So ist etwa auf einem Foto deutlich der Buckel eines Orca-Wals zu erkennen. Die Aufnahme zeigt, dass ihm mindestens vier Albatrosse gezielt folgen. Kurz bevor und kurz nachdem die Aufnahme geschossen wurde, hatte der Tiefenmesser des gefiederten Fotografen mehrere Tauchgänge registriert. Anscheinend gab es im Wasser etwas zu holen.

Orcas als Helfer

Trathan und seine Kollegen glauben deshalb, dass Mollymauks bewusst die Nähe von Orcas suchen, um möglicherweise von deren Jagderfolg zu profitieren. Wenn sie die Futterreste der Wale einsammeln, könnten die Vögel Energie sparen, schreiben die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Internet-Fachmagazins "PLoS One". Oder aber die Tiere schnappen sich die Fische, die von den Orcas zur Oberfläche getrieben werden. Auf einigen anderen Aufnahmen erkannten die Wissenschaftler voranfliegende Artgenossen. Darin sehen sie ein Indiz dafür, dass sich Schwarzbrauenalbatrosse bei der Futtersuche zumindest gelegentlich auch zusammenschließen.

Doch Albatrosse sind gewiss nicht nur Müllsammler. "Sie verfügen über einen sehr gut entwickelten Bulbus olfactorius", erklärt Philip Trathan. Mit diesem Organ, dem Riechkolben, scheinen die Tiere ihre fischige Beute sogar riechen zu können. Bereits vor Jahren beobachtete der Biologe vom Schiff aus, wie man Mollymauks und Sturmvögel mit dem Krill-Duftstoff Pyrazin und mit Heringsöl anlocken kann, indem man die Substanzen einfach auf die Wellen gießt. Trathans US-amerikanische Kollegin Gabrielle Nevitt brachte in einer neueren Studie weitere Details ans Licht. Von ihr mit GPS-Empfängern ausgestattete Wanderalbatrosse (Diomedea exulans) schienen gezielt vom Wind getragenen Duftfahnen über Kilometer hinweg zu folgen und so Essbares zu finden. "Wir wissen aber noch lange nicht, wie die Vögel unter der Wasseroberfläche schwimmende Fische riechen können", sagt Trathan.



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