Vogelstudie Gestresste Weibchen legen Testosteron-Bomben

Stress hat auch für Vögel Folgen: Wenn Japanwachteln gestresst sind, geben sie das direkt an ihren Nachwuchs weiter. Bereits im Eidotter steigt der Gehalt des Sexualhormons Testosteron deutlich an - und die frisch geschlüpften Jungen entwickeln sich anders.


Nicht nur die vererbten Gene entscheiden, wie sich der Nachwuchs entwickelt. Von verschiedenen Säugetieren ist bekannt, dass die Lebensumstände der Mutter während der Schwangerschaft die späteren Eigenschaften ihrer Jungen deutlich beeinflussen können - vom Sozialverhalten über die kognitiven Fähigkeiten bis hin zum Tagesrhythmus. Ein Team von österreichischen und französischen Forschern hat jetzt untersucht, welchen Einfluss mütterlicher Stress auf junge Japanwachteln hat.

Japanwachteln leben in sozialen Gruppen. Die einzelnen Vögel bauen Beziehungen zueinander auf. Bringt man die Tiere in einen neuen Verband, wie die Forscher dies alle drei Tage mit insgesamt 50 Weibchen getan haben, setzt man sie sozialem Stress aus. Im Experiment verhielten sich die Wachteln wie erwartet aggressiver als 50 Weibchen, die in einem festen Verband leben durften.

Diese Belastung gaben die Weibchen direkt an ihren Nachwuchs weiter: Die Forscher um Cécilia Houdelier von der CNRS-Université de Rennes haben nachgewiesen, dass unter diesen Umständen der Testosterongehalt im Eidotter merkbar erhöht ist. Testosteron ist vor allem als männliches Geschlechtshormon bekannt, es beeinflusst jedoch auch soziales Verhalten - unter anderem die Aggressivität.

Die Entwicklung der Jungen, die aus den Eiern mit hohem Testosterongehalt schlüpften, war in den ersten Wochen verändert, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Plos One" .

Die Ergebnisse decken sich mit früheren Studien, in denen Forscher höhere Testosteronkonzentrationen in Eiern von Haussperlingen, Staren und amerikanischen Blesshühnern fanden, wenn diese stärkerem Stress ausgesetzt waren. Erstmals nachgewiesen haben die Forscher ihren Angaben zufolge aber, dass die Küken aus diesen Eiern auch verspätet schlüpfen und in den ersten drei Wochen langsamer wachsen.

Das Verhalten der Jungtiere war demnach ebenfalls auffällig: Sie waren unruhiger, vorsichtiger und reagierten empfindlicher auf Störungen. Die Studienautoren vermuten, dass diese Jungvögel besser darauf ausgerichtet sind, Bedrohungen auszuweichen. Dies wäre durchaus sinnvoll: In einer besonders gefährlichen Umgebung steigt der Testosteronspiegel des Wachtelweibchens, was es an ihren Nachwuchs weitergibt, so dass es ihm einen weiteren Überlebensvorteil verschafft.

wbr



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