Von Cinthia Briseño
Es ist die größte Volkszählung der Welt. Vollständig abgeschlossen ist sie aber noch nicht - und wird es möglicherweise auch niemals sein. Doch schon jetzt steht fest: Der Katalog der Meere, den Hunderte von Forschern des internationalen Großprojekts Census of Marine Life erstellt haben, umfasst bisher rund 185.000 verschiedene Arten. Vom winzigen Einzeller bis zum Blauwal, unter dem ewigen Eis an den Polkappen bis zu den tropisch warmen Gewässern der Südsee: Die Mehrheit des Lebens auf unserem Planeten schwimmt, krabbelt und frisst in den Meeren.
Zwar kommt die Erhebung erst Anfang Oktober zu ihrem vorläufigen Höhepunkt - dann nämlich soll das gesamte Kompendium der Meere der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Doch schon jetzt ist ein Großteil der Resultate in insgesamt zwölf verschiedenen Veröffentlichungen im Wissenschaftsjournal "PloS One" nachzulesen.
"Es ist das erste Mal, dass sämtliche Informationen, die wir über die Meere haben, in einer einzigen öffentlich zugänglichen Quelle zu finden sind", sagt Patricia Miloslavich von der Universidad Simón Bolívar in Caracas, Venezuela. Die Meeresbiologin gehört zu den federführenden Autoren des Census of Marine Life und koordiniert das Programm für die Karibik. "Jeder, der zum Beispiel etwas über die Artenvielfalt der Karibik wissen möchte, kann einfach auf eine Webseite klicken, bekommt dort die entsprechende Veröffentlichung und erhält sämtliche Daten über die Spezies, die dort leben."
Was lebt im Meer?
Das Ergebnis ist eine Karte mit den 25 wichtigsten Regionen der Ozeane - von der Antarktis über die gemäßigten und tropischen Gewässer hin zur Arktis - und deren jeweiligen Meeresbewohnern:
Dafür haben die Forscher unzählige Daten zusammengetragen und ausgewertet. Voraussichtlich 230.000 Einträge wird der Katalog am Ende umfassen - bisher listet er rund 185.000 Arten auf. Die Zahl der Fische wird sich vermutlich bei rund 21.800 einpendeln, heißt es bei den Meeresbiologen.
Doch das könnte noch vergleichsweise vorsichtig formuliert sein, denn auf jede bekannte Tierart im Meer, so die Forscher, könnten noch vier weitere existieren. Das gilt weniger für die gut erforschten Wale oder Haie als viel mehr für die schier unfassbare Zahl kleiner Schnecken, Würmer, Muscheln oder Einzeller.
Eine ganze Reihe von gesicherten Daten und Erkenntnissen können die Forscher dennoch jetzt schon vermelden:
Die "Kosmopoliten" der Meere, also diejenigen Arten die weltweit verbreitet sind, setzen sich aus zwei höchst unterschiedlichen Gruppen zusammen: Zum einen winzige Algen, kleine tierische Einzeller, sogenannte Protozoen, zum anderen die zum Plankton zählenden Ruderfußkrebse. Ebenfalls fast allgegenwärtig sind die Seevögel sowie die großen Meeressäuger, die lebenslang die Ozeane durchpflügen. Herrscher der Tiefsee ist dagegen der bizarre, leuchtende Viperfisch, Chauliodus sloani - mit bis zu 35 Zentimetern Länge und den riesigen krummen Fangzähnen eine überaus auffällige Erscheinung. In über einem Viertel aller Meeresregionen lauert dieser Jäger in der ewigen Dunkelheit auf Beute.
Rund zehn Millionen Arten - die meisten werden namenlos bleiben
Am 4. Oktober soll in London der vollständige Meereskatalog der Weltöffentlichkeit vorgestellt werden. Allerdings ist das Wort "vollständig" an dieser Stelle nicht ganz zutreffend. Am Ende des Projekts Census of Marine Life "werden die meisten Organismen der Ozeane dennoch namenlos und ihre Zahl weiterhin unbekannt sein", sagte die Meeresbiologin Nancy Knowlton von der Smithsonian Institution. Sie leitete das Projekt, in dem die Korallenriffe katalogisiert wurden.
Das sei aber bei weitem kein Misserfolg. "Die Ozeane sind einfach so überwältigend groß, dass wir trotz der jahrelangen Arbeit nur einen Schnappschuss davon bekommen haben, was in den Meeren lebt", sagt Knowlton. Bisher sei die Inventur der Meere eben nur ein Beginn. "Dieser ersten Bestandsaufnahmen liegen spärliche und ungleich verteilte Proben zugrunde, die künftige Forschung wird den (bekannten) Bestand ganz ohne Zweifel verändern", erklärt der Hauptautor der Census-Zusammenfassung, Mark Costello. Er arbeitet am Leigh Marine Laboratory der University of Auckland in Neuseeland.
In den Ozeanen leben vermutlich rund zehn Millionen verschiedene Arten, glaubt Pedro Martínez, Direktor des Forschungsinstituts Senckenberg am Meer (Wilhelmshaven). Diese Zahl sei eine Hochrechnung, aber vor allem in der Tiefsee tue sich eine riesige Vielfalt auf.
Lange Zeit blieben die offenen Ozeane und die Tiefsee unerforscht. Das ist dem Glauben geschuldet, der erstmals von Charles Wyville Thomson, einem Pionier der Meeresbiologie der Tiefsee, geäußert wurde: Thomson war der Ansicht, dass der Lebensraum in den Tiefen der Meere von zwei Gürteln begrenzt würde, einem an der Oberfläche und einem am Boden. Dazwischen, so Thomson, seien kaum Meeresbewohner zu finden.
Doch die neuen Möglichkeiten zur Untersuchung der Tiefsee haben gezeigt, dass die Vermutung nicht stimmt. Dennoch gehört die Tiefsee weiterhin zu den unerforschtesten Habitaten der Ozeane überhaupt. "Es ist schockierend, dass wir im Jahr 2010, dem Jahr der Artenvielfalt, so gut wie nichts vom größten Lebensraum der Erde wissen", sagt der Meeresbiologe Tom Webb von der University of Sheffield.
Trotz der unvorstellbar riesigen Zahl an Meeresbewohnern, die in den Ozeanen unseres Planeten beheimatet sind: "Die See ist in Schwierigkeiten", sagt Knowlton. "Ihre Bewohner haben in keinem nationalen oder internationalen Gremium Sitz oder Stimme, aber sie leiden, und müssen gehört werden." Den Meeresbiologen zufolge wird die Artenvielfalt der Meere am meisten durch Überfischung bedroht. Der Verlust der Lebensräume, einwandernde Arten, Verschmutzung, Überdüngung, Sauerstoffmangel, Verklappung von Müll oder die Versauerung der Meere sind weitere Probleme.
Deshalb gleicht die Volkszählung der Meere für die Forscher einem Wettlauf mit der Zeit: Um die Artenvielfalt zu schützen, müsse man das Wissen über die unbekannten Spezies schneller erweitern, sagt die Meeresbiologin Miloslavich. Der einzige Weg sei der internationale Austausch von Daten, Expertise und Ressourcen. "Census of Marine Life ist der effektivste Weg dafür."
Mit Material von dpa und apn
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