Von Frank Patalong
Vor 100 Jahren stampfte erstmals ein furchterregender Dinosaurier als Verkörperung der ultimativen Bestie durch die prähistorische Film-Pampa. Seitdem gehören Saurier zum ständigen Personal des Kinos, in Haupt- wie Nebenrollen. Es ist Teil der Erklärung für das nie verlöschende Interesse an der Vorgeschichte.
1913 brachte der amerikanische Filmpionier D.W. Griffith einen 33 Minuten kurzen Film namens "Brute Force" in die Kinos. Wir begegnen dem Dino darin zwar nur kurz, aber schon in der Rolle, die er in solchen "Realfilmen" letztlich bis heute meist spielt: als monströse Bedrohung.
Sie steht da steifbeinig in der Ur-Pampa und macht ihr mächtiges Maul kauend auf und zu, während drum herum unsere vermeintlichen Vorfahren hysterisch wimmeln.
Die Vorstellungen vom Dinosaurier waren damals ähnlich schräg wie die vom frühen Menschen. Der Mensch hatte den Dino zwar um knapp 63 Millionen Jahre verpasst. Hollywood lässt sie trotzdem bis heute am liebsten zusammen auftreten. Auch der Frühmensch kommt dabei selten gut weg: Meist erscheint er als äffischer, mit Fell bekleideter und behaarter Barbar, dem man mehr als Bedürfnisbefriedigung und Keulenschwingen nicht wirklich zutraut. Immer wieder gerne auch in Kombination miteinander.
Link zu Youtube: Film "Brute Force"
Wissenschaft? Darum ging es ja nicht
Den Saurier in Griffiths Film (siehe: Minute 7:55) nehmen wir heute als einen der drei oder vier jedem Kind vertrauten Dino-Archetypen wahr: ein mächtiger, aufrecht stehender Raubsaurier mit kleinen Stummelärmchen, aber umso riesigerem Maul. Zwar scheint er sich in diesem Fall vegan zu ernähren, aber Horn auf der Schnauze hin oder her erkennen wir ihn trotzdem als Theropoden, vielleicht gar als Vertreter der Tyrannosauridae.
1913 waren solche Raubsaurier noch ganz heiße News: Nur acht Jahre zuvor hatte Henry Fairfield Osborn als erster den Tyrannosaurus Rex beschrieben - den vermeintlichen König der Raubechsen. Bis Steven Spielberg in "Jurassic Park" zeigte, dass fiese kleine, aber flinke Saurier vielleicht viel beängstigender waren, blieb er die große Ikone des Schreckens und einer der beliebtesten Nebendarsteller des fantastischen Films.
Alptraumstoff für Generationen von Kindern, deren Erstbegegnung mit einem Saurier genau so aussah: meist steifbeinig, aber gierig sabbernd und mit horrenden Zähnen ausgestattet.
Also eigentlich absolut kein Sympathieträger. Tatsächlich war die frühe Faszination mit der "Urwelt" auch eher dem damit verbundenen Grauen geschuldet. Die Menschen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts stellten sich das Erdaltertum als düstere, brutale Zeit vor, in der Fressen-und-gefressen-werden die Hauptbeschäftigung war, wenn nicht gerade Vulkane ausbrachen oder man drohte, in stinkenden Sümpfen zu versinken. Klar, dass in deren Tiefen dann noch langzahnige Monstren auf Frischfleisch warteten.
Das Gegenbild: der freundliche Dino
Und doch, bereits im ersten erhaltenen Zeichentrickfilm über einen Dinosaurier ist auch schon dieses andere, Kinder ansprechende Bild angelegt: 1914 drehte Winsor McCay "Gertie The Dinosaur". Und die Heldin ist natürlich kein T-Rex, sondern eine Vertreterin jener angeblich liebenswerten, langhalsigen Geschöpfe, die Steven Spielbergs Fantasie-Paläontologe Alan Grant in "Jurassic Park" später mit sehr groß geratenen Kühen vergleichen sollte. Auch Gertie begegnet uns freundlich-schusselig und genüsslich ganze Bäume wiederkäuend. Groß, dick und ein bisschen blöd, aber gemütlich.
Das bemerkenswerteste Detail: Sie läuft lustig umher, statt bis zur Schulter im Sumpf zu stecken. Das war damals höchst unwissenschaftlich: Man ging noch davon aus, dass die langhalsigen, riesigen Sauropoda in Wasser oder Sumpf schwammen, weil ihre Beinchen sonst das Gewicht nicht hätten tragen können. Auch Wissenschafft irrt mitunter.
Link zu Youtube: Film "Gertie The Dinosaur"
Der "Langhals", wie er später in Don Bluths enorm erfolgreicher "In einem Land vor unserer Zeit"-Filmserie heißen sollte (bis heute 13 Teile!), wurde jedenfalls zum ersten Kuscheltier-kompatiblen Dino stilisiert.
Diese eigentümliche Stellung zwischen Angst, Staunen und Bewunderung, die der Saurier bis heute besitzt, begünstigte seinen Aufstieg zum Pop- und Filmstar. Fachleute greifen sich da oft voller Grauen an den Kopf, aber letztlich ist das unangebracht: Egal, ob wissenschaftlich korrekt dargestellt oder fantasievoll als Horror-Statist missbraucht, viele von uns sind den ersten Sauriern in unserem Leben in Kino, Comic oder Abenteuergeschichte begegnet. Und bei etlichen von uns hat es ein Interesse geweckt, das mit oft schräger Popkultur begann und bei Wissenschaft landete.
Ehrlich muss man noch anmerken, dass der Dinofilm natürlich weit mehr Trash produziert hat als filmische Perlen. Ich mag ihn trotzdem, gerade dann, wenn er mich zum Lachen bringt.
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Frank Patalong
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