Knochensplitter

Knochensplitter Paläon - irgendwo im Nirgendwo

Schöninger Speere: Hinter den Kulissen des Paläon Fotos
DPA

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"N 52.12728 E 10.99308" steht in der Adresszeile des Routenplaners, den man über die Webseite des Paläon aufruft. Es sind die GPS-Koordinaten des neuen wissenschaftlichen Erlebniszentrums, und vielleicht ist das gut so: Mit der offiziellen Adresse "Paläon 1" wird längst noch nicht jedes Navi fertig.

Kein Wunder, denn bis vor wenigen Jahren fuhren hier nur Braunkohlebagger. In der Schöninger Grube fand man 1994 und in den folgenden Jahren insgesamt acht Wurfspeere, die als wissenschaftliche Sensation gewertet wurden: Dass bereits vor 300.000 Jahren Vertreter der Gattung Homo mit angespitzten Stöcken auf die Jagd gingen, hat das Bild der frühen Hominine Homo erectus und heidelbergensis - sie sind nicht klar voneinander zu trennen - nachhaltig verändert.

Die kleine Gemeinde am Ostrand Niedersachsens erlebte dadurch einen erheblichen Bedeutungszuwachs. So richtig berühmt wurde sie allerdings erst, nachdem der Bund der Steuerzahler den Plan, mit 15 Millionen Euro aus Konjunkturfördermitteln rund um die Speere ein Erlebniszentrum an der Braunkohlegrube zu errichten, als Verschwendung von Steuergeldern geißelte (zur Kritik: siehe Kasten links).

Inzwischen sind Tatsachen geschaffen, jetzt erhebt sich am Rande der Grube in der Mitte eines 24 Hektar großen Geländes ein mit spiegelndem Aluminium verkleideter Bau, davor ausgedehnte Bus- und Pkw-Parkplätze. Kein Zweifel: Man hofft hier auf eine Menge Besuch, am Montag öffnet das Paläon seine Tore. Um die Frage, ob es überhaupt gelingen kann, die für einen wirtschaftlichen Betrieb nötige Anzahl an Besuchern hierherzulocken, wird seit Jahren hitzig gestritten.

Vier Tage vor Eröffnung bietet das "Forschungs- und Erlebniszentrum" noch das Bild einer Baustelle. Florian Westphal kann das nicht aus der Ruhe bringen: "Wir werden bis Montag fertig."

Der Archäologe ist Geschäftsführer der Paläon GmbH und gewissermaßen erster Verkäufer des Konzeptes. Der Altsteinzeit-Spezialist ist begeistert von der Fundstätte, an deren Rand nun das Erlebniszentrum liegt. Seine Augen glänzen, wenn er von den Speeren erzählt, von den fortlaufenden Ausgrabungen und den zahlreichen Funden: Von Menschen gefertigte Artefakte, Überreste zahlreicher Tiere.

Das alles zusammen verdichtet sich für ihn zu einem Bild vom Leben in der Altsteinzeit, und genau das will das Paläon nun darstellen: Nicht als Museum, sondern als Ort, an dem man Forschung erleben kann, sagt er. Indem man Wissenschaftlern über die Schulter schaut. Indem man präsentiert bekommt, wie aus kleinen Funden konkrete Vorstellungen und große Bilder entstehen. "Entdecke den Urmensch in Dir!", wirbt das Paläon.

Was hat das Paläon zu bieten?

Als Geschäftsführer steht Westphal mit seinem Konzept unter erheblichem Erwartungsdruck. Die Kernfrage: Werden Besucher dafür auch lange Anfahrtwege in Kauf nehmen? Die Gegend, sagt Westphal, sei "zugegebenermaßen strukturschwach", habe aber touristisch "eine Menge zu bieten".

Und das Paläon? In der Eingangshalle entstehen gerade noch Kassentresen und Shop, überall sind Handwerker, es wird gebaut und gebohrt, abgedichtet und ausprobiert. Zwei mächtige Treppen führen in die oberen Stockwerke: Die eine als Aufgang, die andere für den Weg zurück. Dazwischen wird sich der Erfolg des Paläon entscheiden.

Empfangen werden die Besucher von einem mächtigen Wandbild. Über 30 Meter Länge erstreckt sich das von dem russischen Künstler Misha Shenbrot entworfene Panorama, das in Collagenform Szenen und Eindrücke aus 300.000 Jahren menschlicher Lebenswelt darstellt. Warm- und Kaltzeiten in steter Abfolge, Fauna und Flora zwischen Eiswelt und Dschungel.

Für viele wird das die Vorstellung von der "Steinzeit" kräftig durcheinanderbringen: Gerade die Geschichte, die die Schöninger Speere erzählen, hat wenig gemein mit dem Vorurteil von den in Eiseskälte überlebenden Höhlenbewohnern.

"Die waren natürlich nicht sesshaft", erklärt Westphal. Der gemeine Niedersache aus dem Jahre 300.000 B.C. lebte als migrierender Jäger in einer Welt der Seen, Steppen und Wälder. Er jagte in Gruppen sein Wild, und offenbar erfolgreich auch Urpferde von erheblicher Größe: "Die hatten Schulter- und Widerristhöhen von gut 1,90 Meter, das waren durchaus gefährliche Tiere!"

Die Schöninger Homo heidelbergensis trieben sie am Seeufer in die Enge, erlegten sie mit aus Kiefern geschnitzten Wurfspeeren. Acht davon ließen sie zurück. Vielleicht aus kultischen Gründen, vielleicht, weil es wichtiger war, statt der einfachen Waffe das erbeutete Fleisch zu tragen. Die Ausstellung erzählt all das: Mit Bildern und Schautafeln, multimedialen Präsentationen, mit Originalfunden, die man ansehen kann, mit einfachen Experimenten.

Klicken, machen, interagieren

Es gibt ein "Labor" für die Besucher, das das Lernen und Verstehen interaktivieren soll, und echte Labore, in denen man Wissenschaftlern bei der Arbeit zusehen kann. Und dann gibt es zwei Seminarräume, Westphal nennt sie "Klassenzimmer", und nicht von ungefähr: "Wir haben die Anerkennung als außerschulischer Lernort schon vor der Eröffnung bekommen!"

Das ist Westphals eigentlicher Trumpf, das Ass, auf das das Paläon setzt: Sehr gezielte vielfältige Angebote für Schulklassen und Gruppen machen zu können. Am Curriculum ausgerichtet, als punktgenaue Angebote, Pflichtlernstoff in anderer Umgebung und auf interessante Weise zu vermitteln: "Wir haben jetzt schon zahlreiche Buchungen!"

Natürlich, denn die Neugier auf das Paläon dürfte gerade in den ersten Monaten groß sein. Es verspricht eine Menge, kann aber nicht alles sofort halten. So ist der "Erlebnisparcours", der einmal rund um das Gebäude an mehreren Stationen "erlebbar machen soll, was man alles beherrschen musste, um damals überleben zu können: Feuer machen, Fährten lesen, Speere werfen", vorerst eine Vision - eine Baustelle. "Die Speerwurfstation", sagt Westphal, "haben wir aber schon zur Eröffnung fertig.

Der Rest muss und wird sich im Laufe der Zeit zeigen, ab Montag, 24. Juni 2013. Wenn alles gut läuft, hört man vielleicht auf, den Wert des Paläons nur an der Preiskalkulation festzumachen.

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7 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
stisch 22.06.2013
Miere 22.06.2013
kioto 22.06.2013
murmelman71 23.06.2013
LurchiD 23.06.2013
jui1901 25.06.2013
rovership 25.06.2013
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Das Paläon: Daten
Öffnungszeiten:
Di.-Fr.: 9 bis 17 Uhr
Donnerstags: 9 bis 20 Uhr
Wochenende und Feiertage: 10 bis 18 Uhr

Preise:
Erwachsene: 9 Euro
Ermäßigte: 6 Euro
Familienkarte: 25 Euro

Adresse:
Paläon 1
38364 Schöningen

Die Hauptkritikpunkte am Paläon
Zweifel an der Wirtschaftlichkeit
Das Paläon wurde aus Mitteln der Konjunkturförderung finanziert und als GmbH gegründet, die sich selbst refanzieren soll. Der Bund der Steuerzahler geißelte das Investment von 15 Millionen Euro als Steuerverschwendung - auch andere Kritiker glauben nicht, dass das Paläon die Besucherzahlen erreichen kann, die es braucht, um rentabel zu sein. Dafür brauchte es - unterschiedlichen Schätzungen folgend - 70.000 bis 100.000 Besucher im Jahr.
Geteilte Meinungen über Zugkraft des Themas
Funktionieren kann das Paläon nur, wenn es attraktiv genug wird, die nötigen Zuschauer zu locken. Die Speere allein reichen dafür wohl nicht: Vor fünf Jahren verschlang eine erste, von den Medien im Vorfeld extensiv begleitete Ausstellung der Speere in Braunschweig und Hannover 800.000 Euro, lockte am Ende aber nur 30.000 Besucher an - ein eher verhaltenes Interesse. Bliebe das so, würde das Paläon zum Millionengrab.
Der wankende Superlativ
Der zentrale Claim, mit den Speeren "die ältesten Jagdwaffen der Welt" zeigen zu können, ist inzwischen umstritten. Während der Bauphase des Paläons fanden Forscher in Südafrika Speere, die sogar schon Steinspitzen trugen - und angeblich sogar 500.000 Jahre alt sein sollen. Die Forschungsergebnisse wurden im November 2012 im Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlicht. Seitdem wackelt Schöningens Superlativ. Die wissenschaftliche Bedeutung des Schöninger Fundes steht dagegen außer Frage.
Der Standort-Nachteil
Schöningen liegt kräftig ab vom Schuss: Bis Helmstedt sind es 16 Kilometer, bis Braunschweig und Wolfsburg 50. Von Hannover liegt das Paläon 110 Kilometer entfernt, von Berlin 200, von Hamburg 250. Ab Helmstedt geht es über die Landstraße, ab Schöningen City dann noch drei Kilometer querfeldein: "In Schöningen fahren Sie auf die L652 Richtung Hötensleben - das Paläon liegt auf der linken Seite." Kurzum: Es wird wenig "Laufkundschaft" geben. Wer ins Paläon kommt, wird das als Tagesausflug bewusst planen - das ist eine deutliche Hürde für einen Besuch.
Schwache ÖNV-Anbindung
Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen will, erreicht Helmstedt per Bahn, muss von da aus aber den Bus nehmen. Die Haltestelle Paläon gibt es erst ab Eröffnung des Zentrums. Ob und in welchem Maße sie tatsächlich gebraucht wird, muss sich dann erst erweisen: Die Betreiber rechnen selbst damit, dass die meisten Besucher per Reisebus oder Privat-PKW anreisen werden.

Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wach hält.
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Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.