Vorahnungen: Rätselraten um den sechsten Sinn der Tiere

Von Markus Becker

Der Tsunami in Asien ließ zehntausende menschliche Leichen zurück. Tiere aber scheinen auf geheimnisvolle Weise die Katastrophe geahnt zu haben. Das fast völlige Fehlen von Kadavern in den überfluteten Städten hat eine alte Debatte neu entfacht: Besitzen Tiere einen "sechsten Sinn" für Katastrophen?

Zwei Elefanten bei Aufräumarbeiten in Banda Aceh: Auch behäbige Dickhäuter konnten sich rechtzeitig vor dem Tsunami in Sicherheit bringen
REUTERS

Zwei Elefanten bei Aufräumarbeiten in Banda Aceh: Auch behäbige Dickhäuter konnten sich rechtzeitig vor dem Tsunami in Sicherheit bringen

Als sich das Meerwasser aus dem Yala-Nationalpark zurückzog, kehrte Totenstille ein. Das größte Naturreservat Sri Lankas war vollkommen verwüstet. Als die Helfer endlich eintrafen, fanden sie die Leichen von rund 200 Menschen - aber keine Tierkadaver. Und das, obwohl das Reservat die Heimat von Krokodilen, Wildschweinen, Wasserbüffeln, Affen, Leoparden und 200 Elefanten ist. Alle schienen die Riesenwelle, die bis zu drei Kilometer tief in den Park gerast war, in weiser Voraussicht gemieden zu haben. "Es gibt keine toten Elefanten, nicht einmal einen toten Hasen oder ein totes Kaninchen", sagte H. D. Ratnayake, Vizedirektor der Naturschutzbehörde Sri Lankas.

Spätestens seitdem bekannt ist, dass die Monsterwelle auch in den überfluteten Städten kaum Tiere in den Tod gerissen hat, ist die Debatte um den "sechsten Sinn" der Fauna wieder in vollem Gange. In Zeitungen und im Internet kursieren zahlreiche Spekulationen über die Gründe des rätselhaften Phänomens.

Anekdoten über hysterisch bellende Hunde, aus dem Wasser hüpfende Fische und durchdrehendes Weidevieh vor schweren Erdbeben sind ebenso zahlreich wie gleichmäßig über die Jahrhunderte verteilt.

Für Forscher sind die tierischen Vorahnungen ein eher frustrierendes Gebiet. An einleuchtenden Theorien herrscht kein Mangel, an sicheren Erkenntnissen umso mehr. "Die Vorahnungen der Tiere werden von der Wissenschaft nicht als Erfindung abgetan, dafür gibt es einfach zu viele Berichte über sie ", sagt Helmut Tributsch, 61, Professor für physikalische Chemie an der Freien Universität Berlin. "Aber eine Beweisführung ist schwierig, da Studien über lange Zeiträume hinweg finanziert werden müssten. Schwere Erdbeben sind eben selten."

Tributsch beschäftigt sich seit fast 30 Jahren mit den Vorahnungen der Tiere. 1976 verwüstete ein Erdbeben sein norditalienisches Heimatdorf. "Die Bauern haben mich als Wissenschaftler gefragt, wie die Tiere vorher von dem Unglück gewusst haben können", sagt der Chemiker im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Ziege in den Trümmern von Nagapattinam: Menschen starben, Tiere überlebten
AFP

Ziege in den Trümmern von Nagapattinam: Menschen starben, Tiere überlebten

Tributsch wälzte daraufhin die Erdbebenberichte der Jahrhunderte und fand einige immer wiederkehrende Details. Schon der römische Schriftsteller Plinius der Ältere nannte unruhige Vögel als eines von vier Erdbeben-Vorzeichen. "Auch Alexander von Humboldt berichtete im Jahr 1797, dass die Tiere verrückt spielten, kurz bevor in der Stadt Cumana in Venezuela die Erde bebte", so Tributsch.

Insbesondere erd- und höhlenlebende Tiere wie Mäuse, Ratten, Schlangen und Fledermäuse tauchen immer wieder in den Berichten auf. Auch Fischen, Rindern und Pferden werden Erdbeben-Vorahnungen nachgesagt. "Statistisch gesehen gibt es diese Phänomene rund 20 Stunden vor Erdbeben ab der Stärke 6,5 auf der Richterskala", sagt Tributsch. "Je näher das Beben rückt, desto deutlicher werden die Verhaltensänderungen."

Geladene Schwebeteilchen

Den Wahrheitsgehalt solcher Berichte zweifeln Wissenschaftler kaum an. "Es ist schwer von der Hand zu weisen, dass bestimmte Tiere im Vornherein von Erdbeben wissen", sagte Matthew van Lierop, Tierverhaltensforscher am Zoo von Johannesburg in Südafrika, dem "Wall Street Journal". Unklar aber ist, wie sie das schaffen.

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