Von Markus Becker und Christoph Seidler
Ministerin Hedegaard, immerhin, zeigt sich kämpferisch: "Kopenhagen sollte eine Zielmarke enthalten, bis wann ein rechtlich bindendes Abkommen geschlossen sein muss." Auch Lars-Erik Lilljelund, Schwedens Sonderbeauftragter für den Klimaschutz sieht das so. Sein Land vertritt als amtierende Ratspräsidentschaft die Position der Europäischen Union in den Gesprächen. Er hält die dänische Strategie für richtig: "Wir unterstützen das, weil wir glauben, dass es wichtig ist, dass Kopenhagen Ergebnisse bringt", sagt Lilljelund im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Für ihn sei ohnehin seit mindestens sechs Monaten klar gewesen, dass die Konferenz keinen vollständigen, völkerrechtlich bindenden Vertrag bringen werde. Allerdings haben auch die Europäer ihren Teil dazu beigetragen, die Erwartungen an den Gipfel systematisch herunterzuschrauben. Schließlich hatten sie sich nicht auf eine Zusage einigen können, mit wie viel Geld Entwicklungsländer für Anpassung an den Klimaschutz und für CO2-Vermeidung rechnen können. Das war aber eine zentrale Forderung der Länder des Südens.
Umweltschützer wollen sich gar nicht ausmalen was passiert, wenn der Gipfel nur ein unverbindliches Schlussstatement bringt. Wolle man die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen - also auf jenes Maß, bei dem die Folgen nach Ansicht von Wissenschaftlern noch halbwegs beherrschbar wären - gäbe es zu einer verbindlichen Erklärung "keine Alternative", sagt Stefan Krug, Leiter des politischen Vertretung von Greenpeace in Berlin. "Alles andere wäre ein völliges Scheitern der Kopenhagener Verhandlungen."
"China und die USA haben mehr Spielraum, als sie zugeben"
Rätselraten herrscht derzeit darüber, wie der Rückschlag auf dem Apec-Gipfel zu interpretieren ist. Die positive Variante: Die Staaten nehmen sich etwas mehr Zeit, weil sie ernsthaft an einem inhaltlich starken Abkommen interessiert sind. "Sich völkerrechtlich verbindlich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen, wäre nicht sinnvoll", meint Schellnhuber. "Besser wäre es, man einigt sich später, dafür aber auf ambitioniertere Ziele." Auch SWP-Forscherin Dröge sieht das so: "Es hat keinen Sinn, in Kopenhagen auf etwas zu drängen, das dann von den USA umgeworfen wird."
Die negative Variante: Die USA und China haben sich klammheimlich darauf geeinigt, im Klimaschutz bis auf weiteres so wenig wie möglich zu unternehmen. Dahinter könnte, so argwöhnen Beobachter, ein simples Kalkül stecken: So lange man glaubhaft behaupten kann, die jeweils andere Seite habe eine Einigung sabotiert, trägt niemand größeren politischen Schaden davon. "In diesem Szenario wäre es vorstellbar, dass der US-Senat gemeinsam mit China ein Abkommen torpediert", sagt Bals. In Washington steckt ein weitreichendes Umweltschutz-Gesetz seit Monaten im Parlament fest.
Oder ist alles nur Taktik und der ernüchternde Ausgang des Apec-Gipfels bereits Teil des großen Kopenhagen-Pokers? "China und die USA haben mehr Spielraum, als sie zugeben", meint Greenpeace-Mann Krug. "Obama könnte schon jetzt rechtlich verbindliche Zusagen in Sachen CO2-Ausstoß machen, ohne auf den Kongress zu warten. Er könnte auch finanzielle Zusagen an die Entwicklungsländern machen und sie an dortige Treibhausgas-Reduktionen knüpfen."
Bleibt die Hoffnung, dass Obama sich letzten Endes bewegt, weil sonst politischer Schaden an der Heimatfront droht. Dumm nur, dass die Erderwärmung derzeit eine Pause einlegt. "Das ist psychologisch von entscheidender Bedeutung", meint Schellnhuber. Zwar sei jedem halbwegs informierten Politiker klar, dass die derzeit zu beobachtende Stagnation der Temperaturen nur vorübergehend sei. Noch 2007 habe der Klimawandel die politische Debatte bestimmt. "Aber inzwischen ist der Druck aus der Öffentlichkeit gesunken."
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